Ist eine Darmsanierung eine ursächliche Therapie für Crohn / Colitis?

Ich weiß nicht, wie viele von diesen Laborauswertungen zum Thema Darmflora schon durch meine Hände gegangen sind, aber es waren sehr viele. Mit dem schönen, wissenschaftlichen Label „intestinale Mikroökologie“ versehen, untersuchen sie den Stuhlgang auf pH-Wert, Verdauungsreste, Enzyme, Entzündungsfaktoren und natürlich die ganzen lieben und weniger lieben Tierlein, die sich in ihm verbergen.

 

Natürlich lassen sich vor allen Dingen Personen, die Probleme mit dem Darm haben und denen die medizinische Standarttherapie entweder gar nicht, nur unzureichend oder nicht dauerhaft helfen konnte, solche Darmflora- und Stuhlprofile erstellen.

 

Viele dieser Auswertungen sind sich meiner Erfahrung nach sehr ähnlich…

 

Ich rede jetzt zwar nur von meinen Erfahrungen, aber da es mit Sicherheit an die 1000 verschiedene Untersuchungen sind, die ich einsehen konnte, kann ich eine gewisse statistische Sicherheit für mich proklamieren.

 

Egal, ob die Patienten ein Reizdarm, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Morbus Crohn, Colitis ulcerosa oder anderen Darmbeschwerden leiden - oder auch an Allergien, die sich gar nicht primär am Darm zeigen. 90 % der Auswertungen von Stuhluntersuchungen bestätigen die Abweichungen vom erwünschten Ideal der gesunden Darmflora wie folgt:

 

  • Lactobazillen und Bifidus sind fast immer vermindert
  • Fäulnisbakterien, eiweißauflösende Bakterien und Histaminbilder sind fast immer vermehrt
  • Der Gehalt des Stuhlgangs an so genannten Neutralfetten, Fettsäuren, Stärke und Eiweiß ist in schönster Regelmäßigkeit verändert
  • Laborwerte, die auf eine Störung der Darmbarriere hinweisen wie alpha-1-Antitrypsin und Zonulin sind fast regelmäßig erhöht
  • Bei immerhin gut 70 % aller Auswertungen ist meiner Erfahrung nach der pH-Wert des Stuhlgangs höher als wünschenswert, der Stuhl ist damit „zu basisch“

 

Nun werden auf der Basis dieser Ergebnisse vom behandelnden Arzt (oder Heilpraktiker) fast immer Empfehlungen für eine Darmsanierung erstellt. Diese beinhalten meist medizinische Probiotika sowie verschiedene Antioxidantien und Ernährungsempfehlungen. Öfter werden diese Ernährungsempfehlungen anhand eines IgG- bzw. IgG4-Profils erstellt. Mehr zu dieser Thematik lesen Sie hier auf meiner Partnerseite.

 

Ansonsten wird meist empfohlen, mit tierischem Eiweiß und Fett Maß zu halten, den Zucker drastisch zu reduzieren und ebenso Getreide sowie Milchprodukte .

 

Nachdem ich, wie gesagt, etliche Hunderte dieser Auswertungen in der Hand hatte, kommen mir die Empfehlungen ein wenig einseitig vor. Auch wenn sie für sich gesehen korrekt sind.

 

Kommen wir einmal zu den chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen…

 

Was ist da eigentlich wirklich im Darm los? Wie gesagt: die veränderte Darmflora, die Eiweißfäulnis, das Histamin, die Verschiebungen im Gefüge der Lymphzellen und des lymphatischen Systems finden sich bei mindestens 90 % der untersuchten Stuhlproben. Doch gerade bei Erkrankungen wie Morbus Crohn bzw. Colitis ulcerosa kommt es dann zu einer für meine Begriffe grenzwertige Interpretation solcher labormedizinischen Daten.

 

Meiner Erfahrung nach gehen die meisten Ärzte, Labor Mediziner und auch Heilpraktiker davon aus, die registrierten Veränderungen gegenüber den Idealzustand seien die Ursache für die chronisch-entzündliche Darmerkrankung. Daraus ergibt sich die Annahme, dass der Morbus Crohn bzw. die Colitis durch eine Darmsanierung „geheilt“ oder zumindest deutlich gelindert werden könnte.

 

Ich sehe in der Verabreichung von Probiotika, Lactobacillus, Bifidus, Zink, Vitaminen und weiteren Antioxidantien sowie möglicherweise Verdauungsenzymen und einer Modifikation der Ernährung sicher ein Potenzial, die Krankheitserscheinungen zu lindern.

 

Was ich allerdings komplett anders sehe, sind die Veränderungen im Darm. Für mich sind die Abweichungen der Darmflora vom Idealzustand, die Bildung von Histamin und anderen so genannten biogenen Aminen, die Entzündung, die Verschiebung der Lymphozyten usw. nicht die Ursache für die chronisch-entzündliche Darmerkrankung (übrigens auch aus ganzheitlicher Sicht nicht!), sondern die Folge einer systemischen Veränderung, die das Immunsystem, das vegetative Nervensystem, die Hormone und die Entgiftungsfähigkeit des Körpers betrifft.

 

Patienten, die sich zu einer Stuhlanalyse oder zu einer Bestimmung möglicher Nahrungsmittelunverträglichkeiten auf IgG-Basis entschließen, haben Ihre Beschwerden häufig schon eine ganze Weile. Und sie haben bereits einiges in Richtung der medizinischen Standardtherapie unternommen. Spitzfindig könnte man auch sagen, dass sich die Veränderungen infolge beispielsweise eine Antibiotika-Therapie oder von Immunsuppressiva eingestellt haben. Aber das denke ich ehrlich gesagt auch nicht.

 

Niemand geht zum Arzt, um sich am Darm therapieren zu lassen, wenn er vollkommen gesund ist. Wenn er medizinische Therapie fehlschlägt, macht sie aus Sicht der Darm-Ökologie etwas noch schlechter, was vorher schon schlecht war!

 

Wieso Mediziner und Heilpraktiker auf dem ganzheitlichen Weg der Stuhlanalyse ein solches Chaos bei Crohn-und Colitis-Patienten vorfinden, hat ganz andere Gründe. Ich denke dabei an folgende Kasuistik:

  • eine bestimmte Konstitution determiniert die Anlage für bestimmte Erkrankungen 
  • über das ganze Leben hinweg werden denn diese Anlagen aufgrund von Umweltfaktoren, Ernährung, Stress usw. modifiziert
  • moderne Umweltfaktoren lösen so etwas wie ein physikalisches Stressmoment im Körper aus, was eine chronische Reizung des Sympathikus-Nervs zur Folge hat
  • unter diesen Bedingungen sind die Mechanismen der humoralen bzw. unspezifischen Abwehr geschwächt
  • in solch einem Moment mag es zum so genannten „Urtrauma“ kommen: ein physischer bzw. organischer Stressfaktor (Infektion, Lebensmittelvergiftung, Konfrontation mit Chemikalien bzw. biologischen Giften, Zahnprobleme…), welche die unspezifische Abwehr leicht umgehen kann und im Körper das bildet, was wir so schön einen „Herd“ nennen.
  • Dieser Herd wiederum verändert subtil, aber dauerhaft das biochemisch-hormonelle Gefüge des Betroffenen. In der Praxis führt dies zu Aussagen wie: „Seither schlafe ich viel schlechter!“, „Seither habe ich ständig Oberbauchbeschwerden / Reizdarm / Menstruationsprobleme / bin ich verkrampft…“ etc.
  • unter diesen Bedingungen wird die Verdauung, die an Harmonie und Ruhe gewöhnt bzw. darauf angewiesen ist, dauerhaft verschlechtert
  • gleichzeitig wird das Immunsystem einseitig: die spezifische Abwehr gereizt, die unspezifische geschwächt oder umgekehrt. Das führt zu Mobilisation des lymphatischen Systems bzw. von Zytokinen (Entzündungsbotenstoffen) 
  • gleichzeitig verändern sich durch die geschwächte Verdauung die Milieubedingungen im Darm
  • die Situation erreicht irgendwann einen „Kippunkt“: das veränderte Darmmilieu trifft auf einen verändertes Immunsystem. Die veränderten Bedingungen im Darm sind sozusagen der Fehdehandschuh, den das körpereigene Immunsystem hingeworfen bekommt und „dankbar“ aufnimmt, denn durch seine Irritation ist es sozusagen „angriffslustig“
  • ab diesem Zeitpunkt geht als Reaktion des Immunsystems die Entzündung los
  • vom Darm ausgehend wiederum löst die Entzündung erneut systemische Reaktionen des Immunsystems aus - die bei den chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen bekannten Nebenkriegsschauplätze wie Gelenke, Augen, Gallenblase, Haut und Energiestoffwechsel

Die "Schulmedizin" setzt an dieser systemischen Folgen der Darmentzündung an: beispielsweise mit dem monoklonalen Antikörpern.

 

Die "Labor-Naturheilkunde" setzt an den Veränderungen im Darm an.

 

Aber sowohl die systemischen Folgen der Darmentzündung, als auch die feststellbaren Veränderungen im Darm sind nicht die Ursache für eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung, sondern die Folgen davon. So sehe ich das in jedem Fall.

 

Beide Arten von Medizin bringen auf ihre Art bei vielen Patienten eine Linderung (bei einigen klappt es leider nicht). Allerdings bringen die genannten Maßnahmen nur so lange Linderung, wie sie verfolgt werden. Hört man mit den Maßnahmen auf, stellen sich die alten Beschwerden bald wieder ein.

 

Die klassische Naturheilkunde, die Umweltmedizin und auch die Homöopathie versuchen, denn beschriebenen „Herd“ ausfindig zu machen und zu sanieren. Dies braucht natürlich seine Zeit. Aber wenn man den Herd findet und eliminieren kann, kann man mit einer anschließenden Darmsanierung eine dauerhafte Stabilisierung erreichen. Die dazu notwendige Zeit beträgt, meiner Erfahrung nach, meist zwischen 18 Monaten und drei Jahren.

 

Quelle: eigene Erfahrungen und Aufzeichnungen

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0