CED infolge von Medikamenteneinnahme?

Vielleicht ist Ihnen der Begriff „iatrogene Colitis“ geläufig. In gutem altem Deutsch bedeutet es: Dickdarmentzündung als Folge eines ärztlichen Eingriffs, wie auch immer der geartet sein mag. In 20 Praxisjahren kommt einem da so einiges zu Gehör.

 

Allerdings ist dies nicht die Art von Darmentzündung, die eine „für alle Zeiten feststehende Diagnose“ Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa zur Konsequenz hat. Ich möchte mich in diesem Blogbeitrag über die potentiellen Gefahren äußern, die in langfristiger Medikamenteneinnahme liegen – und die das Risiko einer „echten“ CED begünstigen können.

 

Fangen wir mit dem naheliegenden an: Antibiotika

 

Etwa zwischen 2010 und 2014 stieg das Interesse der Wissenschaft an einer systematischen Untersuchung des Mikrobioms und die Zusammenhänge zwischen seiner Zusammensetzung und chronischen Krankheiten an. Zum Anfang dieses Jahrzehnts hin lassen sich auch mehrere wissenschaftliche Veröffentlichungen finden, die den Gebrauch von Antibiotika vor allen Dingen während der Kindheit mit einer erhöhten Inzidenz für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen in Zusammenhang bringen.

 

  • Eine Studie aus 2012 (England) belegt, dass Kinder, die vor ihrem ersten Geburtstag Antibiotika erhalten haben, ein bis zu 5 x höheres Risiko für die Entwicklung einer CED haben als Kinder, die niemals Antibiotika erhielten
  • In einem Review wurde auch die Kanadische Studie, die über knapp zweieinhalb Jahrzehnte ging, ausgewertet. In dieser Zusammenfassung von 2013, die mehrere Arbeiten auch von 2004 und 2008 enthielt, wurde vor allen Dingen der frühe Gebrauch von Antibiotika vor allen Dingen im ersten Lebensjahr mit einem erhöhten Risiko von Crohn und Colitis in Zusammenhang gebracht
  • Interessant war das Ergebnis einer finnischen Kontrollstudie von 1994-2008. Frühe Konfrontation mit Antibiotika ließ das Risiko für Morbus Crohn ansteigen, das für Colitis ulcerosa jedoch nicht – jedenfalls nicht statistisch signifikant
  • Im Zusammenhang dieser Untersuchungen ist immer wieder die Rede von so genannten mikrobiologischen Fingerabdruck. Will sagen: so, wie sich die menschliche Darmflora im ersten Lebensjahr zusammensetzt, bestimmt sie immunologisch gesehen den weiteren Verlauf des Lebens. Da der Einsatz von Antibiotika immer mit einer Reduzierung der Artenvielfalt der Darmflora einhergeht, werden durch frühe Exposition Verschiebungen im Immunsystem begünstigt, beispielsweise hin zu einer Reizung entweder der unspezifischen oder der spezifischen Abwehr (zelluläres Immunsystem).

 

Eine alte Heilpraktiker-Regel fast dieses Dilemma wie folgt zusammen: „einmal vor den ersten Geburtstag, viermal vor den vierten Geburtstag oder zwölfmal vor dem zwölften Geburtstag beeinflussen das Immunsystem fürs ganze Leben!“ (Gemeint ist natürlich: die Einnahme von Antibiotika).

 

Welche Medikamente werden sonst in der klinischen Forschung kritisch gesehen?

 

Ebenfalls aus dem Jahr 2013 stammt diese Übersichtsarbeit: Sie bringt ein erhöhtes Risiko für eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung mit folgenden Medikamenten in Verbindung:

 

  • Verhütungsmitteln
  • Nicht-steroidalen Entzündungshemmern (NSAID)
  • Roaccutan (ein Vitamin A-Analogon zur Behandlung schwerer Akne)
  • Mycophenolat-Mofetil (ein Immunsuppressivum)
  • Etanercept (zur Behandlung von systemischer Psoriasis und entzündlich-rheumatischen Erkrankungen)
  • Ipilimumab (ein monoklonaler Antikörper zur Behandlung von schwarzem Hautkrebs)
  • Rituximab (ebenfalls ein Antikörper zur Behandlung von malignen Lymphomen und natürlich
  • Den bereits besprochenen Antibiotika

 

Besonders interessant finde ich persönlich, dass in dieser kritischen Liste auch Arzneimittel auftauchen, die gezielt Bestandteile des zellulären Immunsystems und der Th17-vermittelten Immunabwehr attackieren, die ebenfalls in die Entstehung und Erhaltung chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen verwickelt sind.

 

Aus naturheilkundlicher Sicht erfüllt diese Liste beinahe nahtlos eine Prophezeiung des genialen Arztes Dr. Hans-Heinrich Reckeweg: nämlich, dass die Behandlung mit entzündungshemmenden Arzneimitteln eine Verschiebung des Krankheitsgeschehens in ein anderes Körpergewebe zur Folge haben können - wobei die Ebene, auf der das Immunsystem reagiert, allerdings gleich bleibt (in diesem Fall das zelluläre Immunsystem).

 

Eine Kuriosität aus meiner Praxis

 

Ich habe gelegentlich beobachtet (bis jetzt dürfte die Zahl einstellig sein), dass in langfristiger Einnahme von blutdrucksenkenden Medikamenten sowohl ein Reizdarmsyndrom deutlich verstärkt werden kann als auch eine bereits bestehende chronisch-entzündliche Darmerkrankung „angeheizt“. Das bedeutet: mehr Beschwerden, häufigere Schübe, Schübe mit dramatischerem Verlauf.

 

In diesem Zusammenhang tauchen immer wieder zwei Muster auf: erstens eine verstärkte Aktivierung des Parasympathikus, was zu einer verstärkten Reaktion des spezifischen Immunsystems führt. Und zweitens (dies ist ausschließlich bei Colitis ulcerosa der Fall!) eine Verschiebung im Kalziumhaushalt, was eine verstärkte Bereitschaft zur Freisetzung von Histamin beim Verzehr entsprechender Nahrungsmittel (Histaminliberation) begünstigt.

 

Meiner Beobachtung mit Cholesterinsenkern

 

Ich bin persönlich der Meinung, dass Statine zu früh und zu häufig verordnet werden. Ich konnte sie in der Vergangenheit gelegentlich auch mit verschiedenen Arten von Darmbeschwerden in Verbindung bringen. Meine Hypothese dazu ist, dass Cholesterinsenker die Zusammensetzung des Gallensaftes verändern und damit dessen desinfizierende Wirkung im Dünndarm beeinträchtigen. Dadurch wird das Milieu im Dünndarm verändert: anderer pH-Wert, mehr Bakterien, eventuell eine nicht physiologische Gärung. Besonders im letzten Viertel vom Dünndarm führt dies immer mal wieder zu lymphatischen Schwellungen. Außerdem stellen sich dann möglicherweise Nahrungsmittelunverträglichkeiten ein.

 

Ich kann mit diesen Beobachtungen nicht komplett ausschließen, dass die langfristiger Einnahme von cholesterinsenkenden Medikamenten die Entwicklung einer chronischen Darmentzündung begünstigen können.

 

In der wissenschaftlichen Literatur wird der Einzelfall eines Mannes im mittleren Lebensalter geschrieben, der nach der Einnahme von Atorvastatin ein schweres Magengeschwür entwickelt hat. Weitere Arbeiten weisen darauf hin, dass Cholesterin senkende Medikamente die Zusammensetzung der Darmflora stören können. (Siehe Quellen).

 

Protonenpumpenhemmer – worauf Sie achten sollten!

 

Wer mich schon ein bisschen kennt, der hat vielleicht geahnt dass dieses Thema kommt. Ich persönlich sehe die Senkung von Magensäure in den meisten Fällen eher kritisch. Nicht immer ist ein „zu viel an Magensäure“ verantwortlich für Sodbrennen und Reflux. Eine japanische Arbeit von 2015 weist auf den Einfluss der langfristigen Einnahme von Protonenpumpenhemmern auf die Darmflora insbesondere des Dünndarms in. Sie sieht eine mögliche Korrelation zwischen dem so genannten SIBO (= der Überwucherung des Dünndarms mit Darmbakterien) und einer Hemmung der Magensäuresekretion.

 

Zumindest wissenschaftlich bisher nicht bestätigt werden konnte ein Zusammenhang mit einer Clostridium-Infektion, die für viele Fälle von bakterieller Colitis verantwortlich ist.

 

Meine persönliche Meinung dazu: die Magensäure ist wichtig für die Verdauung von Eiweiß und bestimmten Stoffen, die in eiweißreiche Nahrungsmittel enthalten sind. Ist dieser Verdauung eingeschränkt, ist es wie in der Mathematik: der Fehler pflanzt sich sozusagen fort. Ich hatte vor vielen Jahren mal den Fall eines jungen Mannes mit Morbus Crohn des Dickdarms, der lange Zeit unter einer naturheilkundlichen Behandlung beschwerdefrei war. Während einer Stressphase entwickelte er Sodbrennen und nahm einige Tage einen Protonenpumpenhemmer. Etwa acht Wochen später entwickelte er einen Abszess in der Nähe des Darmausgangs. Wenn das ökologische Gleichgewicht des Darms bereits sensibilisiert ist, können selbst kurzfristige Eingriffe mittels Medikamenten eine dramatische Auswirkungen haben.

 

„Aber sind das nicht alles Einzelfälle?“

 

Ich habe in der Quellenangabe wissenschaftliche Literatur zitiert, die durchaus hunderte oder sogar tausende Individuen in die Untersuchung mit einbezieht. Als „kleiner Provinz-Heilpraktiker“ muss ich natürlich meine Schlüsse aus Einzelfällen ziehen. Das liegt in der Natur der Sache, dass ich nicht Tausende von Menschen untersuchen kann. Aber bedenken Sie bitte das Eine: bezogen auf den so genannten Einzelfall wird die wissenschaftliche Untersuchung immer wieder scheitern. Genauso wenig, wie sie von einem Einzelfall auf eine gesamte Population schließen können, gilt dies auch umgekehrt. Nur weil ein wissenschaftlicher Zusammenhang zum Beispiel zwischen der Einnahme eines Medikaments und den Risiko für eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung nicht erwiesen ist, schließt dies nicht die Existenz von Personen aus, die die Einnahme eines bestimmten Medikaments krank gemacht hat.

 

Deswegen betone ich immer wieder: reden Sie mit Ihrem Arzt. Weisen Sie darauf hin, welche Medikamente Sie einnehmen und fragen Sie - Sie dürfen das! - ob ein Zusammenhang zwischen dem Medikament und ihren Beschwerden möglich ist. Und auch wenn der Arzt abwiegelt: scheuen sich nicht, sich hinter den Schreibtisch zu setzen und im Internet nach möglichen Zusammenhängen zuschauen. In solchen Situationen helfen auch Einzelfallbeschreibungen weiter!

 

Denn schließlich betrifft es ja Sie und nicht eine „Kohorte“!

 

 

 

Quellen:

 

https://academic.oup.com/aje/article/175/8/775/203132 

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3736797/ 

https://www.webmd.com/ibd-crohns-disease/news/20120924/antibiotics-bowel-disease-risk-kids 

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22573536 

http://www.statinnation.net/blog/2018/3/28/statins-damage-gut-microbiome-and-contribute-to-antibiotic-resistance 

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4305860/ 

https://www.everydayhealth.com/high-cholesterol/treatment/cholesterol-lowering-medications/ 

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4462721/

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Auzeby (Montag, 11 Februar 2019 16:07)

    Hallo,
    Habe seit ca 15 Jahre Morbus crohn,habe alle Medikamente die bekannt sind schon bekommen .Cortison davon bekam ich Probleme evtl.cushing ,
    Remicade ,davon Bakterien im Urin ,entyvio anschliesend blutdruckprobleme bzw.
    Schlecht einzustellender Blutdruck ,der cardiologue sieht den Zusammenhang zu Entyvio ,der nächste Versuch Humira ,das war das schlimmste was ich je bekam z.b. Augenentzündungen ,Vereiterungen von Zähne und immer waren die Probleme unüblich von den Medikamenten.
    Bisher hat mir nichts geholfen ,ansonsten reagiere ich fast auf alles .
    Kontrastmittel gadolinium allergisch sehr viele MRT,Schilddrüsen Medikament mit lactose oder manitol mit intoleranzen .
    Ich habe kein Vertrauen mehr in die Schulmedezin ,anstatt auf Ursache suche zu gehen werden Symptome behandelt.
    Ich persónlich glaube nicht an Morbus Crohn ,habe in der Regel bis zu 15 Durchfälle pro Tag und komischerweise nehme ich eher zu.
    Habe einen extrem dicker Bauch ,und der Rest ist mager.
    Im Moment bin ich in der Uniklinik in Nancy da gibt es eine Abteilung für Mici ,
    Und die Untersuchungen fangen von vorne an ,das ist meine letzte Hoffnung.
    Mit freundlichen Grüßen M.A.