Darmprobleme und "sichere Kohlenhydrate"

 

Wenn Sie sich heute mit modernen Zivilisationskrankheiten von Reizdarm über Fibromyalgie, chronisches Erschöpfungssyndrom, Hashimoto, Morbus Crohn, multipler Sklerose etc. auf so genannten „alternativen Gesundheits-Seiten“ umschauen, werden Sie mit ziemlicher Sicherheit einen großen gemeinsamen Nenner finden:

 

„Die Kohlenhydrate sind schuld!“

 

Natürlich der Weizen! Das Getreide allgemein selbstverständlich. Und wo wir gerade bei Getreide sind: Gluten (ein Eiweiß!) ist eine ganz böse Sache! Aber nicht nur. Selbst vor der bescheidenen Kartoffel sollte man sich hüten. Denn sie gehört ja schließlich zu den Nachtschattengewächsen und enthält damit Lektine. Auch vor dem Mais und dem Reis scheint man nicht sicher zu sein, denn auch sie enthalten die bösen „Anti-Nährstoffe“, wie sie ein Professor mal betitelt hat. Und vom Zucker in seinen verschiedenen Varianten wollen wir gar nicht erst anfangen! Auch Hülsenfrüchte kommen in letzter Zeit gar nicht gut weg.

 

Phytinsäure, Goitrogene… die Liste lässt sich noch erweitern. Am besten, man macht um das Meiste mit Kohlenhydraten einen großen Bogen. Ernährt sich nach „Paläo-Kriterien“ oder am besten gleich „Low-Carb“, also arm an Kohlenhydraten. Zumindest aber „lektinarm“ nach dem neuesten Ernährungs-Trend.

 

Zusammengefasst: wie noch vor gut 20 Jahren das Fett, so sind heute die bösen Kohlenhydrate der Ernährungs-Teufel schlechthin. Manch ein Ernährungsexperte hält sie für komplett überflüssig. „Energie kann man ja auch schließlich aus Eiweiß oder Fett gewinnen!“ liest man da an der ein- oder anderen Stelle.

 

  • „Kohlenhydrate machen dick und krank“
  • „Kohlenhydrate greifen in den Hormonhaushalt ein“
  • „Stärke fördert Übergewicht“
  • „Kohlenhydrate fördern entzündliche Vorgänge, metabolisches Syndrom, Diabetes…“
  • „Getreide verursacht Autoimmunkrankheiten“
  • „Wer Stärke isst, kann gleich Zucker essen!“

 

Und so weiter, und so weiter…

 

Machen Kohlenhydrate einen kranken Darm?

 

Ich habe schon folgendes auf verschiedenen Seiten gelesen: „Stärke verklebt die Darmschleimhaut und verringert die Aufnahme von Nährstoffen!“ Und: „Stärke verhindert die Aufnahme von Antioxidantien im Darm!“ Nicht zuletzt: „Stärke und Getreide führen zu chronischer Verstopfung und bedingen damit viele Zivilisationskrankheiten!“

 

Diese Dinge - und noch viel mehr - gibt es über kohlenhydratreiche Nahrungsmittel im Netz zu lesen. Und nicht nur da, sondern auch in Zeitschriften und Büchern. Zeit also, dem „Kohlenhydrat-Bashing“ einmal auf den Zahn zu fühlen.

 

Weizen und Getreide - leider nicht ganz zu Unrecht gescholten

 

Von Ernährungsexperten wird in den letzten ungefähr 10-15 Jahren hauptsächlich gegen den Weizen scharf geschossen. Aber auch die übrigen Getreidesorten sind in der Gesundheits-Szene ein Thema.

 

Es ist eine bekannte Tatsache, dass Weizen Besonderen und Getreide im Allgemeinen in Europa zu den Grundnahrungsmitteln zählen. Sie werden schon seit tausenden von Jahren angebaut. Mais und Kartoffeln sind hingegen aus der neuen Welt zu uns gekommen. Wie kann es also sein, dass gerade der Weizen heute in Sachen Gesundheit einen schlechten Ruf weg hat?

 

„Weizen ist Gift!“ …oder?

 

In der letzten ca. 40 Jahren treten immer häufiger Allergien und Unverträglichkeiten auf. Das Getreide ist besonders betroffen. Weizen zählt nach meinen bisherigen Erkenntnissen sogar zu den sechs Top-Nahrungsmitteln, die eine Allergie, eine Pseudoallergie oder Unverträglichkeiten auslösen können. Wie kann etwas, das viele Generationen zu unseren Grundnahrungsmitteln gehört hat, auf einmal so schädlich sein?

 

Es liegt keinesfalls am Weizen bzw. am Getreide allein. Durch andere Nahrungsmittel und Zusatzstoffe, durch Umweltgifte, durch Stress und verschleppte Infektionen sowie die Lebensweise der westlichen Zivilisation im Allgemeinen sind die meisten von uns erheblich sensibilisiert im Verdauungstrakt.

 

Hand aufs Herz? Wer hat vor 40 Jahren von Reizdarm, Allergien oder Nahrungsmittelunverträglichkeiten gesprochen? So gut wie niemand!

 

Dazu kommt, dass Getreide seit den fünfziger bis sechziger Jahren durch Züchtung modifiziert wird: kürzere Wuchshöhe, erhöhte Resistenz gegen Krankheiten, größerer Ertrag auf kleiner Fläche. Die zweifelsfrei vorhandenen Züchtungserfolge haben allerdings einen Preis: der Gehalt an Gluten ist höher, ebenso an Lektinen. Mit diesen modifizierten Eigenschaften trifft der Weizen auf den geschwächten Zivilisationsmenschen. Beide haben sich sozusagen verändert: sowohl das Nahrungsmittel als auch der Mensch.

 

Bei Getreide werden die Störungen offensichtlich. Für Weizen gilt dies ganz besonders, aber auch Roggen, Gerste und Hafer sind betroffen. Hafer und Dinkel zählen ihren Eigenschaften nach noch zu den am besten verträglichen Getreidearten. Wer allerdings eine der fünf Formen von Glutenunverträglichkeit hat, der kommt mit keiner der Getreidearten zurecht.

 

Zusammengefasst: es ist keine Einbildung - die klassischen Getreidesorten sind tatsächlich „störanfällig“.

 

Beim Getreide ist auch ein gewisser Nocebo-Effekt nicht auszuschließen

 

Nocebo ist das Gegenteil von Placebo: eine bestimmte Sache wird eingebildet nicht vertragen. Auch das Getreide, besonders der Weizen ist so ein Kandidat. Da die Unverträglichkeiten viele Menschen betreffen und sich auch und gerade im Internet eine wahre Anti-Getreide-Front herausgebildet hat, können sich tatsächlich etliche an sich gesunde Menschen eine Getreideunverträglichkeit einbilden (was tatsächliche Probleme mit Getreide aber nicht berührt oder verharmlost, die sind zweifelsfrei vorhanden!).

 

„Reis, Mais, Kartoffeln sind aber o.k., oder?“

 

Für etliche Jahre galt Reis als ideale Alternative für Getreideprodukte. Auch ich habe das lange Zeit so gesehen. In den letzten fünf Jahren ist allerdings auch der Reis ins Gerede gekommen. Der Grund: die Pflanze entzieht dem Boden beachtliche Mengen an Arsen. Was übrigens auch auf Bio-Reis zutrifft.

 

Mais hat auch keine Top-Bilanz: er kann Allergien auslösen und führt zu Verdauungsstörungen, vor allen Dingen roh. Sein Gehalt an Vitaminen und Aminosäuren ist unausgewogen. Eine Ernährung hauptsächlich auf der Basis von Mais führt zu Pellagra, einer Vitaminmangelkrankheit.

 

Kartoffeln haben in den letzten zwei Jahren ihr Fett wegbekommen, und das liegt nicht daran, dass sie hauptsächlich in frittierter Form gegessen werden. Der Grund sind so genannte Lektine, die die Kartoffel allerdings mit Getreide, Mais und Hülsenfrüchten gemeinsam hat.

 

Insgesamt gesehen lösen diese drei stärkereichen Nahrungsmittel deutlich seltener Allergien und Unverträglichkeiten aus als die klassischen Getreidesorten. Gerade beim Reis weist man heute darauf hin, diesen sehr gründlich zu waschen und nicht mehr nach der Quellreismethode zu garen. So soll die Anreicherung von Arsen im Kochwasser vermieden werden.   

 

„Und wie sieht es mit Pseudogetreide aus?“

 

Botanisch gesehen geht es beim Pseudogetreide um die Knöterichgewächse. Sie wurden bis vor kurzem als hervorragende, „alternative“ Stärkequelle gefeiert. Buchweizen, Quinoa und Amaranth gehören zu den Pseudogetreiden. Im Prinzip gibt es auch wenig gegen sie einzuwenden – bis auf die Tatsache, dass sie bis auf den Amaranth auch relativ reich an Lektinen sind. Wann das ein Problem wird? Nun, wenn die Funktion der Darmbarriere gestört ist: beim so genannten Leaky Gut-Syndrom können Lektine tatsächlich Verdauungsstörungen und ein Phänomen namens submukosale Entzündung auslösen. Die wiederum ist wichtig bei der (ganzheitlichen) Diagnostik von bestimmten Reizdarm-Typen.

 

Und dann gibt es ja noch die exotischen Alternativen…

 

Esskastanienmehl? Taro? Tapioca bzw. Maniok / Kassava? Hirse? Sorgho? Kochbananen? Süßkartoffeln oder Yucca?

 

Im gut sortierten Bio-Supermarkt in der Nähe einer Großstadt sind Mehle aus diesen Produkten durchaus erhältlich. Sie lösen nur selten Allergien aus, enthalten kein Gluten und sind auch noch lektinarm. Sicher, bei einer Reizung des darmassoziierten Nervensystems können Sie immer noch Verdauungsstörungen auslösen. Diese Reizungen müssen dann allerdings schon ziemlich heftig ausfallen!

 

„Aber bei wem ist es wirklich so extrem?“

 

Im letzten Jahrzehnt habe ich rund 1.000 Personen mit Darmstörungen behandelt. Von Reizdarm über Colitis ulcerosa bis Morbus Crohn. Unter diesen Personen mag ich vielleicht fünf gefunden haben, die nichts bis auf die zuletzt genannten, exotischen Kohlenhydrate-alternativen vertragen haben. Man muss also nicht übertreiben? Selbst wer die klassischen Getreidesorten überhaupt nicht verträgt, wird meist bei glutenfrei oder bei Pseudogetreide fündig!

 

Ist es aufgrund der Energiebilanz wünschenswert, auf Kohlenhydrate zu verzichten oder diese einzuschränken?

 

Darüber hinaus weisen auch noch zahlreiche Therapeuten und Gesundheits-Portale darauf hin, dass die Energiebilanz (Glucose wird zur Energiegewinnung herangezogen) beim Verzehr von Kohlenhydraten sich dann verbietet, wenn die betroffene Person bestimmte Zustände chronischer Erschöpfung zeigt: bei Adrenal Fatigue, chronischem Erschöpfungssyndrom, Myalgischer Enzephalomyelitis, Fibromyalgie mit Erschöpfung und der vegetativ bedingten Erschöpfung als Folge einer Autoimmunerkrankung.

 

Ich halte das ehrlich gesehen für problematisch. Vor einigen Jahren konnte ich einen sehr guten Artikel zu dem Thema lesen, den ich leider verloren habe bzw. nicht mehr wieder finde – wahrscheinlich wurde er entfernt: „Autoimmunity, chronic fatigue and the Zen of carbs“. Hier warnte der Autor davor, bei den genannten Zustanden auf eine extrem kohlenhydratarme Ernährung zu setzen, da sie den Betroffenen nur weiter entkräften würde.

 

Wie ich das nach vielen Jahren Praxiserfahrung sehe

 

Zucker oder viele Kohlenhydrate sind immer problematisch, da sie das „Gefälle“ zwischen Glukose in der Zelle und außerhalb davon stören. Das Gegenteil davon ist aber genauso problematisch, da der Betroffene mit seiner schlechten Energieverwertung in eine regelrechte Energiekrise geraten kann. Wenn wir hier von Zuständen einer starken myalgischen Enzephalomyelitis reden, bei der der Darm subtil mitbeteiligt ist und der Betroffene kaum noch dazu in der Lage, das Bett zu verlassen (!), ist das natürlich in der Praxis nicht machbar.  

 

Eiweiß und mittelkettige Fettsäuren sollten – wenn die Verdauung es zulässt – bei den Erschöpfungssymptomen moderat erhöht werden. Kohlenhydrate jedoch keinesfalls auf ein Minimum reduziert. Worauf jedoch zu achten ist: die glykämischen Indizes – also die Geschwindigkeit, mit der Kohlenhydrate den Blutzucker ansteigen lassen – sind moderat und vor allen Dingen gleichmäßig zu halten. So werden Blutzuckerschwankungen, Hypoglykämie und damit Energiekrisen vermieden.

 

Ich empfehle bei Erschöpfung auf Basis von chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, CFS / ME und Autoimmunzuständen, neben den „sicheren Kohlenhydraten“ auch auf glykämische Indizes nicht über 40 zu gehen.

 

 

Quellen:

 

https://www.desired.de/diaet/gesunde-ernaehrung/zu-viele-kohlenhydrate-sind-schaedlicher-als-fett/ 

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3754775/ 

https://www.healthline.com/nutrition/6-ways-wheat-can-destroy-your-health 

https://www.sharecare.com/health/digestive-health/what-digestive-problems-wheat-sensitivity 

https://www.verywellfit.com/should-you-fear-phytic-acid-2328752 

https://www.selfhacked.com/blog/phytic-acid-the-ultimate-anti-aging-compound/ 

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4213135/

 

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