Übergewicht bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen

48 kg.

 

Bei 1,87 m Körpergröße wohlgemerkt. Eine Benchmark, die einen entweder als großgewachsenes Opfer einer Hungersnot oder als Patient einer auszehrenden Krankheit outet. Morbus Crohn, beispielsweise. So war es nämlich bei mir…

 

Bilder von Menschen mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen…

 

Wer sich, auch als behandelnder Arzt, ein Bild von Patienten mit einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung im Kopf macht, sieht fast automatisch den ausgezehrten, ausgemergelten Kranken vor sich, der sich mit Mühe und auf den Infusionsständer gestützt gerade so auf den Beinen halten kann.

 

Sarkastisch ausgedrückt: „Die Betroffenen sind genauso dünn wie ihr Stuhlgang!“

 

Wie passt da Übergewicht ins Bild?

 

Übergewicht bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen: selten, aber nicht unmöglich!

 

Entgegen allen Erwartungen gibt es sie allerdings doch: Betroffenen von Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa mit zum Teil erheblichen Übergewicht. Häufig kommt es natürlich nicht vor - und seltener als bei der Normalbevölkerung sowieso. Dennoch haben sich bei mir in der Sprechstunde in den letzten Jahren immer wieder einmal Patienten vorgestellt, die trotz der chronisch-entzündlichen Darmerkrankung zum Teil deutliches Übergewicht hatten. Mit diesem Blogbeitrag möchte ich Ihnen erklären, wieso.

 

1.  Der offensichtlichste Grund: Kortison

 

Das haben Sie mit Sicherheit geahnt: eine langfristige Therapie mit Cortison gerade bei chronisch-aktiven Verläufen, besonders mit der systemischen Variante zum „auffangen“ von Krankheitsschüben sorgt für Übergewicht. Cortison ist ein Hormon, welches den Eiweißabbau fördert. Zudem wird der Blutzucker erhöht, Zucker vermehrt in Form von Fett eingelagert und darüber hinaus hält der Körper mehr Wasser zurück - vor allen Dingen aufgrund des entstehenden Säure-Base-Ungleichgewichts und des Mineralstoff-Ungleichgewichts. Die klassische „Stammfettsucht“ ist das herausragende Element.

 

2.  Anhaltender oxidativer Stress

 

Um diese Form von Stoffwechselungleichgewichts zu erreichen, braucht es allerdings nicht unbedingt (systemisches) Cortison. In abgeschwächter, aber dafür umso nachhaltigerer Form wird Ähnliches auch durch einen lang anhaltenden oxidativen Stress bewirkt. Und der ist bei einer chronischen Entzündung nun einmal permanent gegeben.

 

Erinnern wir uns: Kortison ist ein Stresshormon, dass bei langfristigem Stress ausgeschüttet wird. Ähnliches passiert auch bei einer chronischen Krankheit, bis das System der Nebennierenrinde erschöpft ist. Diese und andere Gänge sorgen dafür, dass der sollte-war-Haushalt aus dem Gleichgewicht kommt. Auch in diesem Falle wird Eiweiß im Körper abgebaut und der Stoffwechselgrundumsatz verlangsamt sich. Dies kann auch bei unzureichender Nährstoffaufnahme durch den Darm dazu führen, dass sich über die Zeit ein Übergewicht entwickelt. Nimmt der Körper zudem nicht genügend Vitamine, Spurenelemente, sekundäre Pflanzenstoffe und Mineralien auf, verstärkt sich der oxidative Stress noch. Abgesehen davon kann es zu hormonellen Dysbalancen kommen, wie zum Beispiel:

 

3.  Subklinische Schilddrüsenunterfunktion

 

Meiner Beobachtung nach vor allen Dingen bei Morbus Crohn ist dies der Fall: über den so genannten „TH 1-Weg“, ein Ungleichgewicht der zellulären Abwehr können in Zusammenhang mit Nährstoffmängeln hormonelle Probleme der Schilddrüse auftreten. Bekannt ist das so genannte „Low-T3-Syndrom“, das vor allen Dingen bei Morbus Crohn, seltener bei Colitis ulcerosa immer mal wieder beobachtet werden kann.

 

Wenn die Entzündung schon sehr lange besteht, kann ebenfalls auf den Pfad der zellulären Abwehr sekundär eine chronische Hashimoto-Schilddrüsenentzündung entstehen. Diese beginnt zwar kurzfristig mit einer Überfunktion, führt aber längerfristig durch den Gewebesuntergang zu einer Unterfunktion.

 

4.  Ernährung, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen und Übergewicht

 

Die Situation ist sehr komplex, wahrscheinlich zu sehr, um sie in einem einfachen Blogartikel ausreichend erfassen zu können. Die grobe Ausgangsposition ist die:

 

Unverträglichkeiten, vor allen Dingen von komplexen Kohlenhydraten, bestimmten Eiweißen und vor allen Dingen Ballaststoffen, schränken die Nahrungsmittelauswahl bei Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen mehr oder weniger stark ein.

 

Aus diesem Grunde ist der Patient gezwungen, leicht verdauliche Nahrungsmittel mit relativ hoher Nährstoffdichte zu sich zu nehmen, um eine relativ beschwerdearmes Leben führen zu können.

 

Die hierfür aufgewandte Nahrungsmittel zeichnen sich in aller Regel durch hohe glykämische Indizes bzw. Lasten aus.

 

Auf der anderen Seite fehlen dem Körper wichtige Antioxidantien.

 

Dazu kommt, dass auf Seiten des Mikrobioms erstens die Artenvielfalt zurückgeht und zweitens gerade wichtige Bakterien für den Energiestoffwechsel und für die Gewinnung bestimmter Peptid-Hormone fehlen: Bacteroidetes, Lactobacilli, Prevotella, Bifidobacteria und andere Elemente der physiologischen „Gärungsflora“.

 

Das Pendel kann dabei theoretisch in beide Richtungen ausschlagen: die Kombination aus oxidativen Stress, gestörten Zuckerstoffwechsel und hormoneller Schräglage kann dabei eine Gewichtszunahme genauso fördern wie eine –Abnahme. Dabei gibt es individuell vielen 100 verschiedene Parameter, so dass eine sichere Ableitung der Ursachen für Über- und Untergewicht zurzeit noch nicht möglich ist.

 

5.  Letzter Punkt: Übergewicht durch erzwungene Inaktivität?

 

Auch dieses Problem sollte man in die Gleichung mit einfließen lassen. Durch die chronische Entzündung und die Angst vor Schmerzen vermeiden viele Patienten (meiner Meinung nach zu Recht) exzessives Training. Selbst leichte Bewegung wie ein einfacher Spaziergang kann bei chronisch bestehenden Darmbeschwerden und dem starken Stuhldrang zum Problem werden.

 

Das abschließende Bild ist das eines übergewichtigen, schwammigen Patienten mit schwachem Bindegewebe und weichen Körperstrukturen, bei Männern wie bei Frauen (bei Frauen fällt es nur noch mehr auf). Was Sie in der Tat kaum finden werden, sind kraftvolle, bullige, kernige Menschen mit leichtem Bauchansatz. Zumindest nicht bei entsprechend starken bzw. chronisch-aktivem Verlauf…

 

Therapie?

 

Ich persönlich ziehe es vor, zunächst einmal die Grunderkrankung zu behandeln. Die Lebensqualität zu verbessern ist zu Beginn wichtiger als das äußere Erscheinungsbild und die Ästhetik. Wenn der Verlauf sich entsprechend abgeschwächt hat, kann eine Förderung des Eiweißstoffwechsels, moderatem Sport und eine geeignete Nährstoffzufuhr zur Förderung der Ausschüttung bestimmter Hormone gegen das Übergewicht vorgehen.

 

Quellen:

 

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5550405/ 

https://academic.oup.com/ecco-jcc/article/7/7/e241/407634

https://www.express.co.uk/life-style/health/807601/Inflammatory-bowel-disease-symptoms-crohns-colitis-myths

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