Ist L-Glutamin ein zweischneidiges Schwert?

Wenn Sie von einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung betroffen sein sollten, kennen Sie L-Glutamin wahrscheinlich überwiegend in einem positiven Sinn: vor allen Dingen im englischen Sprachraum wird die Aminosäure immer wieder sehr positiv dargestellt: Sie schützt, nährt und repariert die Darmschleimhaut. Darüber hinaus kann sie auch stark entkräfteten Patienten helfen, neue Kraft zu gewinnen.

 

Einige meiner Patienten berichten darüber hinaus, dass ihnen Glutamin beim Aufbau von Muskelmasse helfen würde.

 

Glutamin: ist die Bilanz wirklich durchweg positiv?

 

Nicht jeder verträgt Glutamin. Es sind zwar nur wenige Patienten, aber dennoch: sehr gelegentlich scheint die Aminosäure bestimmte Beschwerden zu verstärken. Das ist ungewöhnlich, wenn man ihre positiven Eigenschaften kennt.

 

Nach den Symptomen, die ich bisher berichtet bekam, scheint Glutamin bei einigen wenigen Patienten in den sensiblen Bereichen vor allen Dingen am Ende des Dünndarms Schwellungen der Lymphe hervorzurufen, was du den entsprechenden Schmerzzuständen führt. Auch eine (reversible) Stenose kann nicht ausgeschlossen werden. Ich rede hier natürlich, wie es sich versteht, von Einzelfällen. Sie dürften insgesamt weniger als 5 % aller Patienten ausmachen.

 

Die Frage bleibt: wieso wirkt L-Glutamin manchmal positiv, manchmal negativ?

 

Es klingt wie ein Gemeinplatz oder, etwas moderner ausgedrückt, wie ein „No-Brainer“: jede natürliche Substanz, aber auch jede chemische Substanz hilft immer nur einigen, aber nicht allen bei bestimmten Gesundheits-Zuständen. Das ist auch bei Glutamin der Fall. Dennoch wollen Sie sicherlich von mir hören bzw. wissen, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass Glutamin Ihnen hilft. Es ist etwas kompliziert zu erklären, aber machbar.

 

Ich habe Ihnen in meinen Newsletter und in diversen Blogartikeln schon einmal von mTOR, „mammalian target of Rapamycin“, erzählt. Nach alldem, was ich so herausgefunden habe, scheint dies irgendwie damit in Wechselwirkung zu treten.

 

mTOR findet sich in Muskeln, im Gehirn, in der Leber und in Fettzellen. Eine Aktivierung von diesem Faktor kann für den Körper sowohl positive als auch negative Konsequenzen haben. L-Glutamin hilft, neben der Darmschleimhaut, wie bereits besprochen auch beim Muskelaufbau. Es wird sogar von Bodybuildern gezielt zu diesem Zweck eingesetzt. MTOR wird durch ein hartes Training aktiviert - und zwar in den Muskelzellen. Dieser Faktor bereitet sozusagen die Anpassung der Muskulatur an die neuen Belastungen vor. Um aber wirklich aufbauen zu können, ist es notwendig, dass bestimmte Aminosäuren zur Verfügung stehen. Eine davon ist L-Glutamin. Der weitere Faktor ist, dass der Körper sich im Aufbau-Modus befindet. Dies ist nach dem Training bewerkstelligt: es ist mindestens eine Entspannung, wahrscheinlich aber sogar eine gewisse Erschöpfung vorhanden.

 

In diesem Modus, der Parasympathikus-Dominanz, wird ein Aufbau von Körpermasse biochemisch quasi vorbereitet. Die Verdauung ist besonders aufnahmefähig, Eiweiß wird besonders gut verwertet und in den Körper integriert. Eiweiß, bzw. Aminosäuren, liefern das Rohmaterial für den Aufbau von Muskelmasse und anderen Körperstrukturen.

 

Wird mTor in der Muskulatur durch hartes Training quasi „aufgeweckt“, ist der Weg für den Aufbau von Muskelmasse bereitet. L-Glutamin dient dann als Katalysator, um beim Aufbau tatsächlich zu helfen bzw. diesen anzuregen.

 

Eine völlig andere Situation ist gegeben, wenn der Körper durch eine Darmentzündung geschwächt bzw. erschöpft ist - oder, quasi am Gegenpol, eine ständige subtile Reizung (Sympathikus-Dominanz) vorhanden ist, was bei Entzündung auch der Fall sein kann.

 

Im ersten Fall nutzt der Körper das L-Glutamin, um die Darmschleimhaut zu schützen und aufzubauen. Im zweiten Fall sieht es hingegen ganz anders aus. Da ich mit meinem gegenwärtigen Erkenntnissen davon ausgehe, das L-Glutamin und mTor zwei Substanzen im Körper sind, die sich quasi die Bälle zu spielen, aktiviert L-Glutamin auch bei einer chronischen Reizung ebenfalls mTOR - diesmal aber nicht in der Muskulatur, sondern in der Leber und in den Fettzellen. Da mTOR jedoch ein Faktor ist, der das Immunsystem aktiviert, kommt es bei einer bereits bestehenden Entzündung natürlich zu Komplikationen.

 

L-Glutamin aktiviert das GALT?

 

Ich bin mir, was das angeht, noch nicht 100 % sicher, kann mir aber vorstellen, dass L-Glutamin unter diesen Umständen indirekt das GALT aktiviert (über mTOR) und bei einer Sympathikus-Dominanz einen Reiz- bzw. Entzündungszustand an sensiblen Punkten der Darmschleimhaut verstärken kann. Dies führt zu einer Anschwellung der Lymphe in der Umgebung des Darms und zu einer Verengung des Darmlumens. Zumindest, was das angeht, können Anwender jedoch beruhigt sein: nach all dem, was ich bisher erfahren habe, denn diese Erscheinungen einige Tage nach dem absetzen von L-Glutamin automatisch wieder zurück.

 

Hinweis: dabei handelt es sich bis jetzt um eine Hypothese, die natürlich weiterverfolgt werden sollte. Eine kleine Hilfestellung:

 

bei Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, bei denen eine Reizung oder Sympathikus-Dominanz vorliegt, werden größere Mengen Eiweiß generell nicht gut vertragen. Überwiegt jedoch der Erschöpfungszustand und damit die Parasympathikus-Dominanz, sind es eher die Kohlenhydrate und insbesondere Getreide und vor allen Dingen Zucker, die schlecht vertragen werden. Auch Obst und saure Nahrungsmittel sind dann ein großes Problem.

 

Liegt der erstere Zustand vor, wird Ihnen L-Glutamin subjektiv nicht gut tun. Ist es hingegen der letzte Zustand, werden sie mit relativ großer Wahrscheinlichkeit von einer Nahrungsergänzung mit L-Glutamin profitieren.

 

Quellen:

 

https://blog.zecplus.de/wie-funktioniert-muskelwachstum-teil-3-mtor/

https://www.selfhacked.com/blog/mtor-natural-mtor-inhibitors/#Natural_Inhibitors_of_mTOR

https://www.selfhacked.com/blog/l-glutamine-15-proven-health-benefits/

http://aminosaeuren.org/l-glutamin/

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