(Probiotische) Joghurts und chronisch-entzuendliche Darmerkrankungen: Mythos und Wahrheit

Darin sind die meisten sich einig: Probiotika haben „irgendwo“ ihren Nutzen in der modernen Lebensweise, und natürlich auch solche in Joghurt. Nicht umsonst haben sich seit der Jahrtausendwende Joghurt-Hersteller einen Riesenmarkt mit Probiotika erschlossen. Was ich von probiotischen Joghurts halte, das habe ich bereits an verschiedenen Stellen kundgetan - nämlich wenig. Ein Kollege von mir hat im Rahmen einer Fachfortbildung probiotische Joghurts einmal als ein „sehr teures Abführmittel“ bezeichnet. Dem möchte ich eigentlich wenig hinzufügen.

 

Milchprodukte im Allgemeinen sind ein zweischneidiges Schwert bei Darmproblemen

 

Im Rahmen meiner eigenen Bemühungen um Heilung von der chronisch-entzündlichen Darmerkrankung vor 20 Jahren habe ich mich einer Ernährung unterworfen, die komplett auf Milchprodukte verzichtete (Ausnahme: Butter). Wenn ich heute anhand meiner Patienten mit Darmproblemen die Statistik sprechen lassen würde, würde ich sagen, dass gut zwei Drittel leichte bis erhebliche Probleme mit Milchprodukten haben.

 

Da ist zum Einen die Laktoseintoleranz, die auf einem Enzymmangel beruht. Dann gibt es natürlich noch die Milcheiweißallergie, die sofort heftigste Symptome hervorruft. Und dann gibt es da Probleme, die in aller Regel nicht so schnell erkannt werden. Diese beruhen auf einer Fehlverdauung von Milcheiweiß. Ein Problem, das nur selten erkannt wird - aber gar nicht mal so selten auftritt.

 

Auch bei den Darmpatienten, die offensichtlich gesehen hauptsächlich oder ausschließlich Probleme mit dem Dickdarm haben (wie bei Colitis ulcerosa) sind häufig auch Dünndarmprobleme vorhanden. Diese mögen nicht so offensichtlich sein und oft ist hier auch keine Entzündung mit im Spiel, aber Fakt ist nun einmal: die eigentliche Verdauungsarbeit findet im Dünndarm statt. Wenn Colitis-Patienten Probleme mit Laktose oder mit Milcheiweiß haben, liegt die Ursache hierfür im Dünndarm. Auch wenn die Entzündung im Dickdarm ist!

 

Gefährliche Pauschalaussage zum Thema Joghurts und Darmerkrankungen

 

Erstaunlich, aber wahr: zwei Chefärzte, die sich intensiv mit entzündlichen Darmerkrankungen auseinandersetzen, ließen sich zu der Pauschalaussage „Joghurt ist eine Riesenhilfe bei Darmerkrankungen“ hinreißen. So geschrieben in der „Mainpost“.

 

Dabei schreite ich gar nicht ab, dass es sicherlich die ein- oder andere Person mit einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung gibt, die sich mit Joghurt tatsächlich besser fühlt. Dabei dürfte es sich allerdings um eine kleine Minderheit handeln. Meiner Erfahrung nach hat die große Mehrheit aller Patienten mit Reizdarm, Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn erhebliche Probleme mit Joghurts - egal, ob diesem zusätzlich Probiotika zugeführt wurden oder nicht.

 

Der ein- oder andere Patient hat mir sogar schon gesagt, dass er einen preiswerten Naturjoghurt wesentlich besser verträgt als die im Handel befindlichen probiotischen Joghurts. Hier sind 6 wichtige Fakten zum Thema Joghurts und Joghurts mit zugesetzten Probiotika im Besonderen:

 

1. Joghurts unterliegen individuell einer „Nutzen-Schaden-Bilanz“

 

Dies sollten Sie sich unbedingt merken: falls Sie irgendein bekanntes Problem mit Milchprodukten haben sollten, wird dies durch probiotische Joghurts nicht besser. Die enthaltenen „guten“ Darmbakterien können weder Probleme mit Laktoseintoleranz oder Milcheiweißunverträglichkeit ausgleichen, noch sind ihre positiven Effekte auf die Gesundheit größer als die negativen Effekte von Verzehr von Milchprodukten bei den genannten Problemen.

 

2. Probiotische Joghurts erreichen oft bei weitem nicht die notwendige Anzahl von Bakterien, um positive Effekte im Körper zu bewirken

 

Bloß weil ein Hersteller eines Joghurts behauptet, dass sein Produkt eine bestimmte Anzahl von nützlichen Darmbakterien enthält, ist dies noch lange nicht der Fall. Verschiedene Studien haben erbracht, dass Probiotische Joghurts in aller Regel zwischen 4% und 50 % der Menge an Probiotika enthalten, die auf der Packung angegeben ist. Bei einem Gehalt von 4 % können Sie sich denken, wie groß der Effekt der enthaltenen Bakterien für ihre Darmflora ist: nämlich gleich null.

 

3. Die in Joghurts enthaltenen Probiotika müssen nicht unbedingt zu Ihnen passen

 

Wie die Wissenschaft schon vor einigen Jahren richtigerweise herausgestellt hat, gibt es verschiedene „Darmflora-Typen“. Die Darmflora macht den Unterschied, wie Nahrungsmittel verwertet werden, auf welche Ernährung der Organismus optimal (bzw. nicht so optimal) reagiert und über welchen immunologischen Pfad der Organismus auf Entzündungen bzw. immunologischen Belastungen reagiert. Probiotische Joghurts enthaltenen bestimmte Standard-Mischungen an Bakterien: meistens Streptococcus thermophilus, Lactobacillus bulgaricus, Lactobacillus casei und L. rhamnosus. Die letzten drei haben nachgewiesen positive Wirkungen auf den Organismus. Aber: haben Sie auch positiv nachgewiesene Wirkungen auf Sie? Eventuell sind Sie der Darmflora-Typ, bei dem es gerade so überhaupt nicht passen will!

 

4. Joghurts mit Darmbakterien sind keine medizinischen Probiotika

 

Ein nicht aussterben wollender Mythos ist es, dass Probiotika in Joghurts medizinische Standards erfüllen müssen. Dies ist ausdrücklich nicht der Fall. Medizinische Probiotika sind spezifisch designt und zusammengesetzt, um bei bestimmten Problemen eine bestimmte Wirkung zu entfalten: auf den Stoffwechsel, auf das Immunsystem, auf das darmassoziierte Nervensystem. Dies können Joghurts nicht leisten!

 

5. Probiotische Joghurts enthalten häufig Unmengen von Zucker!

 

Auch so ein Problem, und kein kleines! Was die im Handel befindlichen Joghurts an Zucker enthalten, grenzt für darmkranke Personen teilweise an Körperverletzung. Erinnern wir uns: bestimmte Bakterienstämme vor allen Dingen im Dickdarm dienen der Verarbeitung von Zucker (z.B. „FOS“). Mit 16 Milliarden lebenden Probiotika-Einheiten kann ein Joghurt keinesfalls einen Zuckergehalt von 40 g wettmachen. Abgesehen davon, dass der enthaltene Zucker für sich genommen bei Reizdarm, Morbus Crohn und Colitis ulcerosa die Darmschleimhaut reizt!

 

6. Die Probiotika in Joghurts verändern nicht die Darmflora!

 

Eine Studie aus dem Jahr 2016, die in Dänemark durchgeführt wurde, bringt das Problem klar auf den Punkt: bei Probanden, die probiotische Joghurts regelmäßig zu sich genommen hatten, ließ sich keine Veränderung der Darmflora im Stuhlgang feststellen. Auf der Basis dieser Studie ist anzunehmen, dass „probiotische Joghurts so lange wirken, wie man sie zu sich nimmt“ - mit einem sehr begrenzten Spektrum an Symptomen, bei denen sie hilfreich sind (Blähungen, Verstopfung, unregelmäßige Stuhlentleerung). Dazu muss man ausdrücklich sagen, dass sich die Hilfe bei diesen drei Symptomen auch ausdrücklich auf Personen bezieht, die keine wie auch immer geartete Darmentzündung und keine Reizdarmsyndrom haben!

 

Oder kurz zusammengefasst: Probiotische Joghurts wirken: solange man sie einnimmt, bei Personen, die am Darmträgheit und Verstopfung leiden.

 

Mein Fazit: ich halte Joghurts, insbesondere solche mit zugesetzten Probiotika, bei den meisten Personen mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen und Reizdarm eher für problematisch als für nutzenbringend. Dies betrifft insbesondere den Zucker, die mögliche Gärung, die dadurch folgende Reizung der Darmschleimhaut und nicht zuletzt die häufig vorhandenen Unverträglichkeiten von Milcheiweiß und Laktose!

 

Quellen:

 

https://www.main-echo.de/regional/kreis-miltenberg/art4001,5643255 

https://www.livescience.com/56611-probiotics-myths.html 

https://www.theguardian.com/science/2016/may/10/probiotic-goods-a-waste-of-money-for-healthy-adults-research-suggests 

https://kyleahealth.com/blogs/health-library/88075462-the-great-yogurt-scam 

https://www.theglobeandmail.com/life/health-and-fitness/health/not-all-probiotic-yogurts-are-created-equal-does-yours-measure-up/article34780110/ 

https://www.livestrong.com/article/412779-the-negative-side-effects-of-probiotic-yogurt/ 

https://www.livestrong.com/article/265506-can-people-on-a-dairy-free-diet-take-probiotics/ 

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3920683/ 

https://www.healthline.com/health/ulcerative-colitis-foods-avoid 

https://www.crohnsforum.com/showthread.php?t=43426

 

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