...und wie reagieren SIE auf Zucker?

Mit diesem Blogeintrag möchte ich mich nicht so sehr an medizinischen Studien festmachen, sondern ein wenig aus dem Nähkästchen meines Praxisalltags plaudern.

 

„Sie haben zwar alle die gleiche Krankheit, aber…“

 

Eigentlich sollte es einem ja mit ein wenig gesundem Menschenverstand klar werden, dass man nicht alle Patienten über einen Kamm scheren kann. Auch dann nicht, wenn sie zufällig mit der gleichen Krankheit diagnostiziert wurden. Im Falle meiner Praxis ist dies eben sehr häufig „Morbus Crohn“ bzw. „Colitis ulcerosa“. Und ja, die allermeisten meiner Patienten haben mit Zucker so ihre Probleme. Aber eben nicht alle…

 

Bei den chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen ist das Milieu aus vielen verschiedenen Gründen nicht stabil. Es ist ein wenig wie das Wetter an der Atlantikküste: man weiß nie, was als nächstes kommt. Es ist eigentlich ziemlich gleichgültig, welche Einflussfaktoren dabei außerhalb der Norm arbeiten: Zucker wirft (fast) immer Probleme auf. Meist ist das „Zuckerproblem“ so gelagert, dass bestimmte Verdauungsparameter im Dünndarm nicht optimal ablaufen: die Enzyme des Dünndarms (Saccharidasen und Glycosidasen) fehlen entweder oder können nicht richtig arbeiten, weil die Schleimhaut entzündet ist oder ein „Leaky-Gut-Syndrom“ vorliegt. Was zur Folge hat, dass der Zucker in den Dickdarm gelangt. Und dort den pH-Wert nicht unerheblich senkt. Bei fast allen Betroffenen einer chronischen Darmentzündung führt dies zu Reizung der Schleimhaut und zu Durchfall.

 

Aber es gibt Unterschiede…

 

Ich erfrage diese in meiner Anamnese: „Zucker bereitet schon in kleinen Mengen sofort Beschwerden, noch am gleichen Tag“ oder: „die Probleme treten nicht sofort auf, sondern erst dann, wenn eine Weile lang immer wieder Zucker verzehrt wird“. 95 % all meiner Patienten mit einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung finden sich in einer dieser beiden Kategorien. Nur etwa 5 % meiner Patienten reagieren überhaupt nicht negativ auf Zucker.

 

Sagt es etwas darüber aus, wie jemand auf Zucker reagiert?

 

Die Antwort auf diese Frage ist ein klares Ja. Mit den Jahren habe ich einige Gemeinsamkeiten der beiden Gruppen statistisch herausarbeiten können und möchte Ihnen nun die Ergebnisse präsentieren. Teilweise überschneiden sich die Probleme zwar, jedoch kann man auch hier im Detail Unterschiede entdecken. Kommen wir zunächst zu der Gruppe, die sofort mit Verdauungssymptomen - also binnen weniger Stunden, noch am gleichen Tag oder spätestens am kommenden Morgen - auf den Verzehr von Zucker reagiert.

 

Ihr Befinden verschlechtert sich binnen längstens 24 Stunden nach dem Verzehr von Zucker…

 

Wenn dieses der Fall sein sollte, ist es wahrscheinlich, dass…

 

  • Auch im Dünndarm einiges nicht in Ordnung ist - selbst wenn sich die Entzündung auf den Dickdarm beschränkt. Auch wenn Sie eine Colitis ulcerosa haben sollten, ist noch lange nicht gesagt, dass im Dünndarm alles in Ordnung ist. Nicht-entzündliche Erscheinungen wie Leaky Gut, SIBO (eine Überwucherung von Teilen der Dünndarmschleimhaut mit Bakterien aus den Dickdarm), Enzymschwächen, Störungen des passiven Transports wie bei erworbener Fructoseintoleranz können auch bei einer reinen Dickdarmentzündung im Dünndarm vorliegen!
  • Der pH-Wert des Darms von vornherein zu niedrig ist: das kommt bei beiden Erkrankungen, sowohl bei Morbus Crohn als auch bei Colitis ulcerosa, im Dickdarm vor. Der pH-Wert liegt dann meist deutlich unter 6,0. Durch den permanenten Säurereiz läuft die Peristaltik beschleunigt ab. Der Darm kann dem Stuhlgang nicht genug Wasser entziehen, es kommt zu Durchfall. Zucker, egal in welcher Form, verstärkt diesen Zustand.
  • Grundsätzlich zusätzlich zur Darmentzündung eine starke vegetative Erschöpfung vorliegt. Dies beobachte ich bei Morbus Crohn häufiger als bei Colitis ulcerosa. Das darmassoziierte Nervensystem spricht dann wesentlich sensibler auf Säurereize an. Schon die kleinsten Mengen Zucker können eine heftige Reaktion provozieren.
  • Intoleranzen im Vorfeld oder als Folge der Darmentzündung: besonders Laktose und Fructose werden häufig schlechter verdaut. Solche Intoleranzen können bereits bestehen, bevor die Darmentzündung diagnostiziert wird. Patienten berichten häufiger davon, dass sie „schon Jahre vor der Erkrankung“ eine Laktose- bzw. Fructoseintoleranz entwickelt haben.
  • Die Darmflora verändert ist oder eine zusätzliche Pilzerkrankung besteht: dass die Darmflora bei fast allen Patienten einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung verändert ist, dürfte sich in der Zwischenzeit herumgesprochen haben. Die Frage ist, in welche Richtung diese Veränderung läuft. Treten Darmbakterien, die sich bei der Zufuhr von Zucker explosionsartig vermehren, verstärkt auf? Oder sind bestimmte Darmbakterien eventuell aufgrund von Schadstoffbelastungen in ihrer Funktion verändert (epigenetische Veränderung)? Oder besteht - eventuell infolge einer immunsuppressiven Therapie - gar eine Pilzerkrankung, wie Candida? Die Stoffwechselgifte der Bakterien bzw. der Candida belasten dann zusätzlich die Darmschleimhaut und führen zu heftigen Reaktionen, beispielsweise der Ausschüttung von Histamin!

Ihr Befinden reagiert zeitverzögert auf den Verzehr von Zucker - erst wenn Sie eine Zeit lang immer wieder Zucker verzehren, kommt es zu verstärkten Beschwerden, wenn… 

  • Der pH-Wert im Dickdarm eher neutral oder sogar leicht basisch ist. In diesem Fall liegt eher eine Fäulnis im Darm vor. Betroffene Patienten reagieren sensibel auf Eiweiß, aber weniger auf Zucker. In diesem Fall sollte man in der Therapie eher einen Blick auf den Magen und die Bauchspeicheldrüse werfen!
  • Eine vegetative Reizung vorliegt (Sympathikus-Dominanz). Meiner Beobachtung nach reagieren die Patienten weniger sensibel auf Zucker, die trotz objektiv deutlicher Beschwerden und Entzündungssymptome immer noch ein relativ hohes Energieniveau haben. Tatsächlich kann das körpereigene Stressmanagement-System einen solchen Zustand im Extremfall für Jahre nach Beginn der Erkrankung aufrechterhalten. Der Körper reagiert dann weniger sensibel auf Zucker, weil das darmassoziierte Nervensystem eher träge reagiert.
  • Dominanz der zellulären Abwehr: dieser Zustand kann die oben genannten ein Stück weit neutralisieren. Der Körper reagiert unter diesen Bedingungen weniger lebhaft auf Zucker, da die Gewebshormone Serotonin und Histamin einen eher niedrigen Spiegel im Darm haben.

Schon gewusst: Darmträgheit, aber trotzdem Durchfall?

 

Patienten staunen immer wieder, wenn ich ihnen das folgende erzähle: der Darm ist trotz der entzündungsbedingten Durchfälle grundsätzlich eher träge. Wie ist das möglich? Nun, beobachten Sie sich doch einfach mal in den schubfreien Phasen! Nicht wenige Patienten, vor allen Dingen mit Colitis ulcerosa, berichten, dass sie außerhalb der Schubphasen eine eher träge Verdauung haben. Man muss die natürliche Peristaltik von entzündungsbedingten Reizen auf die Darmschleimhaut unterscheiden. Zucker in jeder Form regt über den pH-Wert, dass darmassoziierte Nervensystem und die Flora einen Reiz auf die Darmschleimhaut an. Wenn Sie dies noch nicht versucht haben, versuchen Sie doch einmal, zwei oder drei Wochen ohne jegliche Form von Zucker (das bedeutet unter anderem: ersetzen Sie Obst durch Gemüse!) auszukommen. Sie werden staunen, was dann mit Ihrem Darm passiert!

 

Quelle: Eigene Beobachtungen und Erfahrungen