Ist das Reizdarmsyndrom eine "Vorstufe" chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen?

Reizdarm ist nach wie vor in der Medizin ein ziemliches Rätsel. Aber immerhin: mittlerweile wurde die Erkrankung in der medizinischen Forschung aus der „rein psychosomatischen Ecke“ herausgeholt.

 

Beim Reizdarmsyndrom scheinen psychische und organische Einflüsse von Betroffenem zu Betroffenem in unterschiedlichen Anteilen miteinander in Wechselwirkung zu treten. Der Einfluss von Darmflora und darmassoziiertem Nervensystem auf das mentale und emotionale Befinden ist mittlerweile in Ansätzen dokumentiert.

 

Wenn aber Reizdarm keine rein „psychosomatische“ Erkrankung darstellt, in Ansätzen ähnliche Symptome macht wie eine leichte chronisch-entzündliche Darmerkrankung und außerdem teilweise mit subtilen Entzündungsprozessen einher zu gehen scheint, ist Reizdarm dann nicht schlicht und ergreifend eine Vorstufe chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen?

 

Reizdarm – in der Diagnostik werden chronisch-entzündliche Darmerkrankungen ausgeschlossen!

 

Die klassischen Reizdarmsymptome, mit denen ein Patient schließlich in einer Arztpraxis vorstellig wird, sind: Blähungen, Unbehaglichkeit im Bauch, Bauchschmerzen, häufige Stuhlgänge, Durchfall oder Verstopfung (oder beides im Wechsel), Gefühl einer unvollständigen Entleerung, ungewöhnlicher Stuhldrang und eine gewisse Nervosität des Darms. Dazu kommen Begleiterscheinungen wie Erschöpfung, Stimmungsschwankungen, depressive Verstimmung und eventuell als eigenständige Diagnose sogar Depression. Selten gibt es beim Reizdarmsyndrom auch geringe Schleimbeimengungen im Stuhlgang - wie sie ja auch als häufiges Symptom bei Morbus Crohn, aber auch bei Colitis ulcerosa auftreten.

 

Angesichts dieser Symptome ist es nicht verwunderlich, wenn der Gastroenterologe zunächst auf seine Kartei „Verdacht auf chronisch-entzündliche Darmerkrankung“ vermerkt. Erst durch Laboruntersuchung, Blutbild, Darmspiegelung wird die Situation dann entschärft: keine typischen Befunde für eine chronische Darmentzündung bei der Spiegelung, keine erhöhten Entzündungswerte im Blutbild. Fertig ist die Diagnose Reizdarm.

 

Was dann passiert, wissen die meisten Betroffenen zu berichten: „haben Sie psychische Probleme?“ Oder: „haben Sie Stress?“

 

Eine gewisse Diskrepanz zwischen Forschung und praktischer medizinischer Anwendung

 

Für Medizinjournalisten, aber auch Heilpraktiker, die sich intensiv mit dem Thema auseinandersetzen, ist dies nichts Neues: zwischen dem, was in der aktuellen Forschung abläuft und dem, was in der medizinischen Praxis vor sich geht, besteht ein gewisser zeitlicher Verzug: neueste Forschungsergebnisse in Bezug auf Physiologie und Pathologie finden nämlich mit einigen Jahren Zeitverzögerung in die medizinische Praxis.

 

Dies ist ebenfalls der Fall für den Zusammenhang zwischen Darmflora und Reizdarm, darmassoziiertem Nervensystem und eventuell dem Schalten und Walten der Enzyme. Und es ist auch für ein Phänomen der Fall, das submukosale Entzündung genannt wird.

 

Diffuse, gerade so von der Norm abweichende Ansammlungen von Lymphzellen, ein „Leaky Gut-Syndrom“, Stellen mit konzentrierter Ansammlung von Mastzellen (Histamin): Makroskopisch kaum nachweisbar, auch labormedizinisch schwer verifizierbar. Erst eine Stuhlanalyse mit Nachweis von Parametern wie Alpha-1-Antitrypsin, Zonulin, Eosinophil-derived Neurotoxin, sekretorisches Immunglobulin A gibt Auskunft darüber, dass hier irgendetwas im Busch ist, dass hier irgendetwas nicht so ganz normal abläuft. Dies sind Untersuchungen, die in der allgemeinmedizinischen, aber auch in der gastroenterologischen Praxis nicht oder nur selten durchgeführt werden.

 

Da ist so ein Reizdarmsyndrom halt eben eher „psychosomatisch“…

 

Wie subtile Veränderungen Reizdarm mit chronischen Darmentzündungen auf eine Linie bringen…

 

Aber wenn wir diese Parameter subtiler Entzündung auf Ihre immunologische Bedeutung überprüfen, wird schnell klar, dass etwas im Busch ist: Veränderungen in den gerade genannten Parametern des Stuhlgangs lassen nämlich auf Einseitigkeiten und Reizung im Immunsystem schließen. Es mögen keine dramatischen Vorgänge sein, aber sie zeigen ganz klar auf, dass etwas nicht in Ordnung ist.

 

Dieses „nicht in Ordnung“ kann in zwei Richtungen laufen: eine Reizung der humoralen Abwehr oder eine ebensolche der zellulären Abwehr:

 

Die humorale Abwehr ist gereizt, wenn Zell- und Stoffwechselgifte mit im Spiel sind. Das ist zum Beispiel der Fall bei bakteriellen Infektionen, wie bei einer Lebensmittelvergiftung. Auch umweltmedizinische Belastungen, wie beispielsweise mit Lösungsmitteln, Plastik,  sonstigen Mineralölprodukten, hormonähnlichen Substanzen, aber auch Feinstaub und chemischen Partikeln, spielen hier eine Rolle. Sogar Nahrungsmittelzusatzstoffe können zum Problem werden. Im Darm spielen häufig die Gewebshormone Serotonin und Histamin eine Rolle bei der Entstehung von Entzündungen über eine Reizung der humoralen Abwehr. Die Entzündung wird durch die Interleukine und Immunbotenstoffe IL-4, IL-6, IL-10 und IL-13 vermittelt.

 

In Bezug auf Reizdarm herrschen oft Bauchschmerzen vor, zu über 90% kommt es zu chronischem Durchfall, der durchaus gelegentlich Schleim beinhalten kann. Im Bauch herrscht oft kontinuierlich ein gereiztes Gefühl, besonders histaminhaltige Nahrungsmittel und so genannte Histaminliberatoren verstärken die Symptome.

 

Die zelluläre Abwehr ist oft in (mittel- bis langfristiger) Folge eines Leaky-Gut-Syndroms einseitig gereizt, hinzu kommt ein Serotoninmangel oder eine verminderte Aufnahmefähigkeit der Nervenrezeptoren für Serotonin. Viruserkrankungen und deren Folge sind ebenso beteiligt wie das Durchwandern der Darmschleimhaut von Peptiden oder anderen Nahrungsmittelbestandteilen ins lymphatische System. Dabei ist die Peristaltik oft verlangsamt, das darmassoziierte Nervensystem arbeitet träge. Diese Art der Reizung des Immunsystems wird über Botenstoffe wie IFN-γ, TNF-α und Interleukin 2 vermittelt. Zelluläre Pathogene spielen eine wichtige Rolle: bei entsprechend (einseitig) aktiviertem Immunsystem drohen generalisierte Entzündung und sogar Autoimmunreaktionen, diese wiederum können zu chronischer Erschöpfung und Depression führen.

 

Typisch für diese Form des Reizdarm sind oft stagnierende Blähungen, ein Aufgetriebenheitsgefühl des Bauchs, Verstopfung im Wechsel mit Durchfall, grundsätzlich träger Darm bei gelegentlichen plötzlichen Durchfällen und vor allen Dingen häufig das Gefühl einer unvollständigen Stuhlentleerung. Schleim ist meiner Beobachtung nach bei dieser Form des Reizdarms selten.

 

Serotoninmangel und psychogener Reizdarm ohne immunologische Beteiligung

 

Menschen mit einer natürlichen Dominanz der zellulären Abwehr neigen von Hause aus eher zu Serotoninmangel, was im Bereich des Darms überwiegend eher zu Darmträgheit, Verstopfung und / oder dem Gefühl einer nicht vollständigen Stuhlentleerung führt. Dazu gesellen sich Blähungen und Auftreibung des Bauchs durch die träge Peristaltik.

 

Hier sind es allein psychische Ereignisse, sprich: mentaler und emotionaler, gelegentlich aber auch organischer Stress (Spitzenleistungen im Sport oder ungewohnte Nahrungsmittel beispielsweise), die die grundsätzliche Darmträgheit kurzfristig umkehren und für eine blitzartige Stuhlentleerung sorgen, die oft mit Durchfall verbunden ist.

 

Hier existieren zwar natürliche Verschiebungen im Immunsystem, diese sind jedoch konstitutionell und nicht etwa „pathologisch“ beispielsweise durch Erreger- oder Toxinbelastung verursacht.

 

Worauf läuft es in Bezug auf Reizdarm und chronisch-entzündliche Darmerkrankungen hinaus?

 

Wie Sie anhand des bisher Gesagten ableiten können, gibt es verschiedene Reizdarm-Typen. Das Immunsystem ist dabei unterschiedlich beteiligt. Es gibt tatsächlich den rein psychogenen Reizdarm. Allerdings manifestiert sich dieser Typus insbesondere unter einer bestimmten immunologischen Konstellation, was wir in der Naturheilkunde auch als Konstitutionstyp bezeichnen. Allerdings ist der rein psychische Reizdarm seltener, als man annehmen könnte. Die moderne Lebens- und Ernährungsweise sowie umweltmedizinische Umstände, die sich nur im Kontext unserer Zivilisation einstellen können, erklären die übrigen Reizdarm-Typen.

 

Auf der Basis dieser Reizdarm-Typen können sich in der Theorie chronisch-entzündliche Darmerkrankungen manifestieren, und zwar dann, wenn sich die entsprechenden immunologischen Konstellationen verstärken, wie z.B. Einseitigkeiten im Immunsystem oder auch Überschüsse oder Mängel von Gewebshormonen etc.

 

Die Frage ist: macht das das Reizdarm-Syndrom zu einer Vorstufe chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen? Nein! Zwar können aus dem so genannten organischen Reizdarmsyndrom mittels zusätzlicher umweltmedizinischer bzw. endogener Belastungen (oxidativer bzw. nitrosativer Stress) chronisch-entzündliche Darmerkrankungen manifestieren, jedoch ist der Reizdarm nach wie vor als eigenständige Konstellation anzusehen, oder vielmehr: es existieren mehrere Typen von Reizdarm, die mit Veränderungen im Immunsystem zusammenhängen können, aber keineswegs müssen.

 

Meine bisherigen Erfahrungen mit Reizdarm und chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen:

 

Der „psychische“ Reizdarm „entartet“ nie oder zumindest so gut wie nie zu einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung. Er reagiert sehr unmittelbar auf das mentale und emotionale Befinden des Betroffenen.

 

Der Reizdarm, bei dem überwiegend die zelluläre Immunantwort gereizt ist, „entartet“ mit einem Risiko von 0-10 % (Zeitraum: zehn Jahre) zu einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung. Dabei manifestiert sich in ungefähr gleichen Anteilen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa.

 

Der Reizdarm, bei dem überwiegend die humorale Immunantwort gereizt ist, „entartet“ mit einem Risiko von 10-20 % (Zeitraum: auch hier wieder zehn Jahre) zu einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung dabei manifestiert sich allerdings überwiegend eine Colitis ulcerosa.

 

Daraus ergibt sich die Antwort auf die eingangs gestellte Frage:

 

  1. „Den“ Reizdarm an sich gibt es überhaupt nicht - die Frage, ob „der“ Reizdarm eine Vorstufe chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen ist, ist also von vornherein falsch gestellt.
  2. In einigen Fällen beruht Reizdarm auf den Folgen eines immunologischen Prozesses. Klassisches Beispiel ist der „postinfektiöse Reizdarm“ z.B. nach einer Salmonellenerkrankung. Dieser Reizdarm-Typus hat am ehesten den zweifelhaften Titel „Vorstufe einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung“ verdient. Meinem Erachten nach jedoch würde ich ihn als Vorstufe einer unspezifischen Colitis bezeichnen. Das sich daraus im Extremfall eine Colitis ulcerosa manifestieren kann, steht außer Frage.
  3. Manchmal manifestiert sich ein Reizdarm-Syndrom aufgrund einer Belastung mit zellulären Pathogenen. Diese Form von Reizdarm-Syndrom möchte ich auf keinen Fall als Vorstufe einer Darmentzündung ansehen, sondern als diskrete, aber generalisierte Entzündungsreaktion, die zumindest theoretisch in alle Richtungen gehen kann: überraschend häufig manifestieren sich in der Folge (unbehandelt) chronische Erschöpfungszustände, Depressionen und sogar Fibromyalgie als Begleiterscheinung.

Ergo: nein, ein Reizdarm-Syndrom ist keine Vorstufe einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung. Jedoch kann sich aus manchen Formen des Reizdarm im Sinne einer immunologischen Eskalation, wenn auch eher selten, eine chronisch-entzündliche Darmerkrankungen manifestieren!

 

P.S.: das Thema interessiert Sie? Dann empfehle ich Ihnen meinen Reizdarm-Ratgeber, wo das Thema noch ein bisschen ausführlicher besprochen wird!

 

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Quellen: 

 

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2721231/

https://www.verywell.com/what-is-post-infectious-ibs-1945273 

https://www.medicinenet.com/ibs_vs_ibd_differences_and_similarities/article.htm 

http://www.netdoctor.co.uk/ask-the-expert/digestive-health/a4827/could-ibs-develop-into-crohn8217s-disease/ 

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5083258/

 

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