Epigenetik - wie Schadstoffe gute Darmbakterien boese machen

Moderne Krankheiten und gerade solche wie Morbus Crohn, Colitis ulcerosa, aber auch Reizdarm, werfen viele Fragen auf. Ein weiteres großes Thema unserer Zeit sind alle möglichen Nahrungsmittelunverträglichkeiten.

 

Weizen z.B. hat Generationen von Menschen gerade in Europa ernährt. Wieso soll Weizen auf einmal zu den schädlichen, ja gefährlichen Nahrungsmitteln zählen, die zahlreiche gesundheitliche Störungen auslösen können? Oder anders gefragt: „Wieso hat es früher keine Probleme damit gegeben, heute aber schon?“

 

Und das ist das Haupt-Thema, mit dem ich mich beschäftige: ich hinterfrage, warum die Anzahl der Neuerkrankungen an Nahrungsmittelintoleranzen, chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, Autoimmunerkrankungen, Fettstoffwechselstörungen, Schilddrüsenerkrankungen, Diabetes Typ 1 usw. in den letzten 20-30 Jahren so beängstigend angestiegen ist und warum Nahrungsmittel, die bis vor drei Generationen die Basis unserer täglichen Ernährung dargestellt haben, an diesem gesundheitlichen Problemen „schuld“ sein sollen.

 

Epigenetik, was ist das?

 

Früher war es ein Dogma: wenn Ihre Eltern Diabetes hatten, bekommen Sie auch Diabetes. Wenn Ihre Eltern Fettleibigkeit, werden Sie dies auch. Wenn Ihre Eltern Darmprobleme hatten, bekommen Sie diese auch - es steht geschrieben in den Genen. Ernst zu nehmende Wissenschaftler rücken seit einigen Jahren von diesem Dogma ab. Der neuer Ansatz: ob sich bestimmte Krankheiten manifestieren oder nicht, hängt davon ab, inwieweit bestimmte Gensequenzen aktiviert werden oder nicht. Ist das „Fett-Gen“ aktiv, legen Menschen an Gewicht zu, ist dieses gehen inaktiv, bleiben sie schlank. So gesehen liegt es nicht nur am Fastfood und an der mangelnden Bewegung, dass viele Kinder heute an Fettleibigkeit leiden.

 

Dr. Pompa, ein amerikanischer Arzt hat hierzu einen „Mäuseversuch“ zitiert mit einer generationübergreifenden Untersuchung: Zwei Kohorten von „Klon-Mäusen“ wurden unter den absolut gleichen Bedingungen aufgezogen, mit einem Unterschied: eine Kohorte war dem Schadstoff „Bisphenol A“ ausgesetzt, die andere nicht. Was passierte? Die Bisphenol A-Mäuse wurden fett, die anderen Mäuse blieben schlank!

 

Was das eigentlich Erstaunliche ist: die darauf folgende Generation an Mäusen entwickelte in kürzester Zeit Übergewicht, ohne weiterhin dem Bisphenol A ausgesetzt zu sein! Die Konfrontation mit diesem Schadstoff hat bei den Mäusen ein „Fett-Gen“ aktiviert! Dann wurden die Mäuse der zweiten Generation einem Entgiftungsprozess ausgesetzt, worauf sie wieder schlank wurden!

 

Zusammengefasst: Epigenetik ist die Wissenschaft, wie Gensequenzen in ihrer Funktion von bestimmten Stoffen modifiziert werden. Das kann so etwas simples sein wie die Inhaltsstoffe von Nahrungsmitteln! Daraus erklärt sich übrigens die spezifische Wirkung bestimmter, sekundärer Pflanzenstoffe.

 

Was hat Epigenetik mit dem Darm und der Darmflora zu tun?

 

Es gibt im menschlichen Organismus unter normalen Umständen etwa zehnmal so viele Darmbakterien wie Körperzellen. Die Darmflora, oder moderner, das „Mikrobiom“, hat eine enorme Stoffwechselaktivität. Vor allen Dingen beeinflusst sie, wie der Organismus auf Stress reagiert, wie Sie Stressreize aufnehmen, wie Sie denken, fühlen und vielleicht sogar, wie Sie handeln. Dies tut die Darmflora, indem sie Stoffwechselprodukte an die Schleimhaut abgibt. Diese wiederum wirken auf die Nervenbotenstoffe und Nervensignale des darmassoziierten Nervensystem an das Gehirn ein.

 

Die Darmflora hilft bei der Entgiftung von Schadstoffen - zu einem Preis…

 

Tatsächlich kommen auf diesem Weg Selbstläufer zu Stande. Zum Beispiel der, warum wir uns nicht einfach mal so eben mit einem Handstreich eine ungesunde Ernährung „abgewöhnen“ können. Die Bakterien, die durch eine energiedichte Ernährung (hohe Mengen an Glukose im Verhältnis zu Nährstoffen) „angefüttert“ werden, setzen tatsächlich Stoffwechselprodukte mit einer Opiat-ähnlichen Wirkung auf das darmassoziierte Nervensystem frei! Oder anders ausgedrückt: Zucker macht süchtig! Wenn man einer solchen Darmflora den Zucker entzieht, fühlt sich die betroffene Person wie der sprichwörtliche Fisch auf dem Trockenen.

 

Noch einmal interessanter ist, dass die Darmflora in der Lage ist, Schadstoffe so zu modifizieren, dass sie vom Körper entgiftet werden können. Bei der Vielzahl an modernen Schadstoffen ist dies wahrscheinlich der einzige Weg für uns, langfristig zu überleben. Ich nenne Ihnen einmal einige Schadstoffe, die auf anderem Wege gar nicht aus dem Körper entfernt werden könnten:

  • Antibiotika
  • künstliche Hormone und hormonähnliche Stoffe (wie z.B. das erwähnte Bisphenol A)
  • Schwermetalle
  • Arsen
  • Flammschutzmittel
  • Pestizide (Glyphosat!)
  • Alle Arten von Plastik
  • Ein Großteil aller Medikamente mit einer stoffwechselaktiven Wirkung
  • Reinigungs- und Desinfektionsmittel, wie z.B. Triclosan
  • Feinstaubpartikel

Ohne die stoffwechselaktive Wirkung der Darmflora hätte der Mensch keine Chance, diese Stoffe jemals wieder aus einem Körper entfernen zu können. Dazu ist ein Enzym notwendig, das in der letzten Zeit in der Forschung „Berühmtheit“ erlangt hat: Cytochrom P450.

 

Leider hat die Arbeit unserer fleißigen Helfer im Darm auch eine Schattenseite: durch die Entgiftung dieser Schadstoffe („Noxen“) werden auch in der Darmflora selbst bestimmte Gensequenzen aktiviert, die problematisch sein können. So wurde wiederum für Mäuse eine Aktivierung bestimmter Gensequenzen in Darmbakterien nachgewiesen, die Cholin „auffressen“ - und damit im Organismus einen Mangel an diesen essenziellen Stoff auslösen. Fettleibigkeit, Diabetes sowie hormonelle und immunologische Veränderungen sind mögliche Konsequenzen. Cholin ist wichtig zur Erhaltung der Balance zwischen humoralem und zellulärem Immunsystem (Th1/Th2-Balance). Menschen mit einer überreizten zellulären Abwehr (wie dies in der Regel bei Morbus Crohn, Diabetes 1 oder auch Hashimoto-Schilddrüsenentzündung der Fall ist) benötigen Cholin, um einen Ausgleich zu schaffen.

 

Fassen wir diesen komplexen Zusammenhang in wenige Worte, können epigenetisch veränderte Darmbakterien das Gleichgewicht der Kräfte zwischen humoraler und zellulärer Abwehr durcheinanderbringen!

 

Nicht nur die Arten bzw. das Verhältnis zwischen ihnen, sondern auch ihre Funktion wird beeinträchtigt!

 

Es ist wichtig zu verstehen, dass nicht alleine die Veränderung der Zusammensetzung der Darmflora das Problem ist, sondern auch die Funktionalität einzelner Darmbakterien!

 

Das müssen Sie sich so vorstellen, dass Sie sich mit bestimmten, sehr hartnäckigen Symptomen zu einem Labor begeben, dass ihre Darmflora bestimmt. Die Auswertung zeigt, dass Ihre Darmflora den Arten nach gar nicht einmal so katastrophal verändert ist, wie man meinen sollte. Hier müsste man die genetische Kodierung bestimmter Darmbakterien untersuchen, ob diese sich verändert hat.

 

Ich könnte noch einige weitere Beispiele bringen, möchte das ganze aber an dieser Stelle nicht zu umfangreich werden lassen. Ich möchte allerdings anhand eines weiteren, kleinen Beispiels erklären, warum „Probiotika“ hier nicht immer die Antwort sind.

 

Wenn „gute“ Darmbakterien nicht funktionieren…

 

Das Immunsystem reagiert natürlich auf solche Veränderungen. Dafür ist es geschult. Besonders das zelluläre Abwehrsystem hat hier seine Detektoren. Hellhörig bzw. sensibel in Bezug auf diese Probleme sollte man sein, wenn man ein Darmflora-Präparat nimmt und dies ist das Gegenteil von dem zu bewirken scheint, was es eigentlich soll: so neigen Colitis ulcerosa-Patienten zu Beginn einer Therapie mit Probiotika häufiger zu Blähungen und verstärkt zu Durchfall. Wenn diese Beschwerden aber nach ein bis zwei Wochen noch nicht abklingen, könnten eventuell epigenetisch veränderte Darmbakterien des gleichen bzw. eine ähnlichen Typs eine Rolle spielen, die eine immunologische Reaktion oder zumindest Veränderung provozieren!

 

Da man allein zu diesem Thema ein ganzes Buch schreiben könnte, möchte ich es hiermit mit diesem Blogbeitrag bewenden lassen. Ich denke, ich habe ausreichend gezeigt, dass der Überlebensmechanismus „Entgiftung“ seinen Preis hat. Dieser Preis ist die schlechte Allgemeingesundheit des modernen Menschen!

 

Quellen:

 

https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fncel.2015.00503/full 

http://www.cell.com/cell-host-microbe/fulltext/S1931-3128(17)30304-9 

https://www.youtube.com/watch?v=7EU_4yU-OkE 

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4311390/ 

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5469155/ 

https://www.criigen.org/download/.../50/Kun-Lu-al-2015.pdf

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0