Sind Morbus Crohn und das chronische Erschoepfungssyndrom miteinander verwandt?

Was soll ein chronisches Erschöpfungssyndrom mit Morbus Crohn zu tun haben? Kommt diese Frage überhaupt auf? Ist sie für eine wissenschaftlich ausgerichtete Untersuchung überhaupt relevant?

 

Ich denke schon. Und ich bin nicht allein mit meiner Meinung.

 

Zunächst einmal, was ist das, ein chronisches Erschöpfungssyndrom?

 

Das chronische Erschöpfungssyndrom, auch „myalgische Enzephalomyelitis“ genannt, ist eine chronische Erkrankung. Es ist eine systemische, nicht organspezifische Erkrankung, bei der Komponenten des Immunsystems, des Hormonsystems sowie des zentralen und vegetativen Nervensystems verändert sind. Das Leitsymptom ist die extreme, chronische Müdigkeit und Erschöpfung. Bei starker Ausprägung der Erkrankung sind Betroffenen nicht dazu in der Lage, sich auch nur selbst zu versorgen.

 

Es handelt sich beim chronischen Erschöpfungssyndrom nicht um eine psychosomatische Erkrankung! Es kommt zu Zeichen einer Beteiligung des Immunsystems und einer generalisierten Entzündung, die unter anderem Symptome wie bei einer Virusgrippe und geschwollene Lymphknoten umfasst.

 

Das chronische Erschöpfungssyndrom geht auch über den englisch-amerikanisch geprägten Begriff der „adrenal fatigue“ (Erschöpfung der Nebennnieren) hinaus. Diese ist zwar zweifelsfrei auch beim chronischen Erschöpfungssyndrom gegeben, darüber hinaus ist die Erkrankung jedoch systemisch.

 

Obwohl die Organmanifestation fehlt, kann es theoretisch an jedem Organ zu Symptomen kommen - übrigens auch am Darm.

 

Morbus Crohn-Patienten häufig auch von systemischer Erschöpfung betroffen

 

In einer Studie von 2017 wurden Patienten mit Morbus Crohn untersucht: bei einigen, genauer gesagt in dieser speziellen Studie bei zwei Drittel der rekrutierten Personen, lag zusätzlich zur Diagnose Morbus Crohn eine chronische Erschöpfung vor (insgesamt 55 Personen), bei 29 Patienten war diese chronische Erschöpfung nicht gegeben. Chronische Erschöpfung tritt als Nebenbefund bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen im Allgemeinen und bei Morbus Crohn im speziellen wesentlich häufiger auf als bei gesunden Personen.

 

Ich selbst hatte vor Beginn meiner Morbus Crohn-Erkrankung eine lange Phase großer Erschöpfung. Fast zwei Jahre hinweg ließen meine schulischen Leistungen stark nach und ich benötigte bis zu 14 Stunden Schlaf am Tag, vor allen Dingen in der letzten Phase. Bei meinen Morbus Crohn-Patienten ergibt sich die chronische Erschöpfung zu 60 % als Nebenbefund.

 

Chronisches Erschöpfungssyndrom: Veränderungen der Darmflora dokumentiert

 

Professor Maureen Hanson hat in ihren Arbeiten in 2016 dokumentiert, dass die Artenvielfalt der Darmflora bei Patienten mit chronischem Erschöpfungssyndrom gegenüber der gesunden Bevölkerung reduziert ist. Außerdem steigt der Relativanteil entzündungsfördernder Darmbakterien an, während derjenige von entzündungshemmenden Bakterien abnehme, so der Tenor der Studie. Laut der Autorin unklar ist allerdings noch, ob das veränderte Mikrobiom die Ursache der chronischen Erschöpfung ist oder ein Symptom dafür. Dies ist aktuell das Dilemma, in das die moderne Mikrobiomforschung in Bezug auf chronische Krankheiten grundsätzlich verstrickt ist.

 

Überschneidungen zwischen den Erkrankungen - steckt das zelluläre Immunsystem dahinter?

 

Bei der zuerst erwähnten Untersuchung wurden verschiedene immunologische Parameter von Morbus Crohn-Patienten mit und ohne chronische Erschöpfung miteinander verglichen. Vom Entzündungsbotenstoff IFN-γ ist bekannt, dass er vor allen Dingen nach Mahlzeiten eine starke Erschöpfung sowie möglicherweise andere Symptome wie plötzlichen Stuhldrang heraufbeschwören kann. IFN-γ wird vermehrt bei Patienten mit einer Dominanz des zellulären Abwehrsystems nachgewiesen. Er war auch in der oben genannten Studie bei Crohn-Patienten mit chronischer Erschöpfung gegenüber Patienten ohne ebensolche signifikant erhöht. Daneben wurden ebenfalls Veränderungen beim TNF-α und bei verschiedenen Zellen des lymphatischen Systems festgestellt, die alle in eine Richtung deuten:

 

Eine krankhafte Dominanz der zellulären Abwehr bei Crohn-Patienten und bei solchen mit einem (zusätzlichen) chronischen Erschöpfungssyndrom.

 

Es geht also sowohl in der Darmflora als auch im Immunsystem Parallelen zwischen Morbus Crohn und einem chronischen Erschöpfungssyndrom.

 

Was wird daraus? Entscheidet der locus minoris resistentiae? Oder bestimmte Gene?

 

Interessanterweise gibt es etwa genauso viele diagnostizierte Patienten mit einem chronischen Erschöpfungssyndrom wie mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen in Deutschland: in beiden Fällen sind es zwischen 300.000-400.000 sicher diagnostizierte Patienten.

 

Könnte es sein, dass Morbus Crohn im Grunde genommen eine spezifische Variante des chronischen Erschöpfungssyndroms ist, nur eben mit Schwerpunkt einer Entzündung im Darm? Und wenn das der Fall ist: welche Parameter bestimmen, wie die Grunderkrankung in Erscheinung tritt? Könnten es Veränderungen wie das dokumentierte NOD2/CARD15 sein, die letzten Endes eine spezifische Darmentzündung heraufbeschwören?

 

Haben wir es bei chronisch-entzündlichen Erkrankungen im Allgemeinen mit vergleichbaren immunologischen Konstellationen zu tun, und genetische Parameter sowie konstitutionelle Schwächen bestimmen, wo und wie sich die Erkrankung letzten Endes manifestiert?

 

Ein Blick in die immunologischen Vorgänge bei chronisch-entzündlichen Erkrankungen im Allgemeinen legt dar, dass sehr verschiedene immunologische Ausgangsbedingungen sehr ähnliche Resultate heraufbeschwören. Man kann also nicht formulieren: „TNF-α ist der Auslöser für Morbus Crohn“. Treten wir jedoch einen Schritt zurück und betrachten das große Ganze, so sind sich Fibromyalgie, das chronische Erschöpfungssyndrom, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen und weitere chronisch-entzündliche Erkrankungen ähnlicher, als es auf den ersten Blick den Anschein hat!

 

Denken wir daran: die Wissenschaft ist sich „einig“ (jedenfalls nach dem derzeitigen Stand der Erkenntnisse), dass es keine feststehenden Parameter für Erkrankungen wie das chronische Erschöpfungssyndrom oder Fibromyalgie gibt - oder auch für das Reizdarmsyndrom, um diese Sache zu erweitern. Wenn wir uns die Behandlungsergebnisse der Medizin bei Morbus Crohn betrachten, lässt sich auch bei dieser Erkrankung ein feststehendes immunologisches Schema der Entstehung ausschließen.

 

Daher haben Morbus Crohn und das chronische Erschöpfungssyndrom drei Dinge gemeinsam:

 

·       Die chronisch-entzündliche Komponente

 

·       Die Veränderungen des Mikrobioms (der Darmflora) und

 

·       Die Tatsache, dass die immunologischen Vorgänge zur Entstehung dieser Erkrankungen nicht einem feststehenden Schema folgen!

 

Quellen:

 

https://www.verywell.com/irritable-bowel-syndrome-in-fibromyalgia-cfs-716167 

https://thesensitivegut.com/2016/12/28/mecfs-and-ibs-are-they-two-sides-of-the-same-coin/ 

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5422327/ 

http://www.spektrum.de/news/verursacht-veraenderte-darmflora-chronische-muedigkeit/1415012 

https://psylex.de/neurologische-krankheiten/cfs/darm.html

 

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Kommentare: 5
  • #1

    Lydia (Montag, 18 Juni 2018 02:51)

    Lieber Herr Unsicher,

    Ich bin so froh diesen Artikel gefunden zu haben. Ich leide seit 5 Jahren stark unter meinem Crohn (Spondylitis), der Fibro und am schlimmsten an ME/CFS, was mir eine Eigenversorgung so gut wie unmöglich macht und alles darüber hinaus undenkbar ist. E Rolli und Co inklusive. Da mir 2 Sorten Ig fehlen bin ich zusätzlich total infektanfällig. Was mich jetzt aber sehr interessiert ist, ob Sie evtl Erfahrungen darüber haben, dass Patienten während eines schlimmen Crohnschubes eine gewisse Besserung des ME/CFS verspüren und sobald der Schub nachlässt, oder medikamentös eingestellt ist, eine Rückverschlechterung? Es wäre schön, wenn Sie dazu etwas wüssten. LG Lydia

  • #2

    Andreas Ulmicher (Montag, 18 Juni 2018 08:19)

    Selten.

    Meist verstärkt sich mit der Th1-Dominanz in Schüben beides. Es kann jedoch in Ausnahmen dazu kommen, dass der Körper seine letzten hormonellen Reserven mobilisiert, die Müdigkeit nachlässt...aber der Tonus der glatten Muskulatur schwächer wird und sich dann Darmsymptome und Entzündungszeichen - auch durch eine eingeschränkte Aktivität des darmassoziierten Lymphatischen Systems - zeigt.

    Die Gleichung lautet dann:

    "Mehr Sympathicus = mehr Crohn / weniger ME/CFS"

  • #3

    Coco (Donnerstag, 25 Oktober 2018 07:41)

    Hallo,
    ich habe seit über 30 Jahren Durchfälle, komme aus einer Darmfamilie und habe gelernt , mich damit zu arrangieren.
    Seit 2016 verspüre ich eine Verschlechterung und überlege, ob es mit der Dosiserhöhung des Thelmisartans (gegen Bluthochdruck) von 40 mg auf 80 mg zu tun hat. Seit Februar / März 2018 noch mal deutliche Verschlechterung mit Stuhlgang von jetzt auf gleich bis zu acht mal pro Tag , manchmal auch 12 Mal und zusätzlich Bauchschmerzen rechts, wo der Blinddarm sitzt, der aber bei mir 1981 entfernt wurde. Oder unten links. Seit ca Mitte September war es so schlimm, dasss, sobald ich Nahrung im Mund hatte, noch nichtmal zerkaut, geschweige denn runtergeschluckt, Durchfall bis hin zu wässerigem Stuhl hatte. Calprotectin 165,5 mg im Stuhl. Leukos 11.400. Histologie: Mikroabzesse in den Krypten, Histologie nicht ausreichend, um zwischen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa zu unterscheiden. Laut Laborarzt ist eine Stufenbiospie erforderlich. Die Gastroenterlogin hat mir jetzt Salofalk Granu-Sticks verordnet. Dieses Medikament kann Entzündungen und Durchfälle auslösen. Treibt man damit nicht den Teufel mit dem Belzebub aus? Ganz abgesehen davon, dass ich weder Salycilsäure oder Apartam vertrage. Woran will der Laborarzt bei der nächsten Coloskopie entscheiden, ob es ein medikamentöser oder kankheitsbedingter Prozess ist?
    Während des akuten Schubs seit ca. Mitte September 2018 habe ich rund um die Uhr geschlafen.
    Neige sonst auch schnell zu Erschöpfung, kann mich aber relativ schnell regenerieren.
    Früher hatte ich Verdacht auf Fibromyalgie, dann später Gerbershagen II.
    Narbenbildung im Blut bei früherem Eppstein Barr Virus positiv im Blut.

    Ich bin bis jetzt immer auf Reizdarm und Divertikel behandelt worden. Die waren aber in der letzten Coloskopie gar nicht mehr vorhanden. Wachsen die sich neuerdings von alleine aus?

    Worauf muss ich achten, was das timing und die Belastungsgrenze in Beruf und Studium, Familie und Freizeit angeht?
    Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
    VG


  • #4

    Andreas Ulmicher (Donnerstag, 25 Oktober 2018 20:44)

    Dass da vorher schon was im Busch war, liegt auf der Hand. Manche Reizdarm-Typen haben eine entzündliche Komponente, wie der alte Name "Colitis mucosa" für den Reizdarm andeutet.

    Nur würde ich bei Ihnen die humorale Abwehr als belastet ansehen.

    Die Gleichung lautet dann: erhöhte Mastzellenaktivität + höher dosiertes Blutdruckmittel = Verschiebung im Natrium-Kalium-Haushalt = Hemmung der Mineralkortikoide (Renin, Angiotensin, Aldosteron) = verstärkte Erschöpfung + noch einmal erhöhte Reagibilität der Mastzellen = verstärkte Entzündung (Colitis).

    Salofalk hilft da nicht. Ich habe keine "Glaskugel" und kann auch keine Ferndiagnosen über das Internet vornehmen. Vielleicht sollten Sie mal darauf achten, Histaminliberatoren zu vermeiden und Histamin im Darm natürlich zu senken, mit Kalzium, Quercetin, Spirulina, Huminsäure, Mumijo...

  • #5

    Coco (Sonntag, 28 Oktober 2018 20:07)

    Danke für die Antwort!
    Dass Sie keine Glaskugel haben ist klar. Nach Ihren fullminanten Beiträgen wollte ich einfach mal Ihre Stellungnahme hören bzw. lesen.
    Wieso wissen das die Fachärzte für Gastroenterologie nicht?
    Ich komme mir ziemlich verloren vor.
    Gehören Muskelschmerzen dazu? Es fühlt sich an, wie Muskelkater im ganzen Körper, stundenweise.
    Haben Sie auch einen Kollegen in NRW, der fachlich so fit ist wie Sie? Danke und VG