Warum hilft eine Stuhltransplantation manchen Colitis-Patienten und anderen nicht?

Nachdem mittlerweile mehr Erfahrung mit der so genannten Stuhltransplantation gewonnen wurde, steht fest: vielen Patienten mit einer therapieresistenten Clostridium-Infektion kann die Stuhltransplantation die entscheidende Wende bringen. Experten gehen von 80-90 % aus.

 

Leider sieht es bei der chronischen Colitis (Colitis ulcerosa) nicht so rosig aus. „In manchen Fällen hilft sie, die Krankheit sogar zu besiegen - in anderen nicht“ heißt es dazu von Experten.

 

Colitis ulcerosa und Stuhltransplantation - enttäuschte Erwartungen?

 

Vor drei oder vier Jahren war die Hoffnung noch groß. In der Zwischenzeit haben sich die Erwartungen allerdings relativiert. Die Stuhltransplantation scheint bei Colitis ulcerosa doch nicht so sehr die durchschlagende Maßnahme zu sein, wie man sich anfangs erhofft hat. Immerhin: etwa die Hälfte der Patienten, die sich einer Stuhltransplantation unterzogen hat, berichtet von Verbesserungen.

 

Sozusagen aus erster Hand wurde mir berichtet, dass deswegen bereits das Thema Stuhltransplantation zur Linderung von Colitis ulcerosa oder zur Prävention neuer Schübe von deutschen Instituten sehr zurückhaltend behandelt bzw. eventuell auch abgelehnt wird. Sehr offen für diese Thematik ist man dagegen in Polen.

 

Ich persönlich würde - auch wenn die erwarteten, „sensationellen Erfolge“ sich nicht eingestellt haben - es zumindest auf einen Versuch ankommen lassen. Wenn es nicht klappt, war es eben ein Versuch. Risiken und Nebenwirkungen sind durch die genaue Kontrolle des „Spenderstuhls“ sehr gering. Wenn es aber klappt, kann man mit dem Verfahren viele und womöglich teure Medikamente einsparen – und natürlich auch viel Leid.

 

Kann man systematisieren, wie die Chancen für eine erfolgreiche Stuhltransplantation stehen?

 

Wahrscheinlich ist dies eine der schwierigsten Fragen, die man beim Unterfangen Stuhltransplantation stellen kann: „passt es?“ Oder etwas anders formuliert: wovon hängt es ab, dass es passt?

 

Dass es medizinischerseits mehrere Darmflora-Typen gibt, dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben. Jetzt könnte man aus Sicht des Themas Stuhltransplantation argumentieren: „ein Therapieerfolg ist dann sehr wahrscheinlich, wenn der Darmflora-Typ des Spenders in etwa mit dem des Empfängers übereinstimmt.“

 

Ich halte diese Erklärung für relativ unwahrscheinlich beziehungsweise vielmehr für nicht ausreichend. Es kann natürlich sein, dass ich mich irre. Aber ich möchte einmal so argumentieren: die Darmflora eines Colitis ulcerosa-Patienten ist gegenüber einer gesunden Darmflora (egal welches Typs) erheblich korrumpiert. Dies betrifft besonders die Artenvielfalt des Mikrobioms. Bei jedem der drei Darmflora-Typen ist das Milieu in sich gesehen kohärent, bzw. langfristig gesehen relativ stabil. Das mag sich nicht immer ein optimales Gleichgewicht einstellen, aber es ist ein Gleichgewicht. Bei der Colitis ulcerosa bestehen sowohl in der absoluten Zusammensetzung als auch in der Stabilität in aller Regel erhebliche Schwankungen. Ich habe es schon erlebt, dass zwei Stuhl-pH-Wertmessungen im Abstand von vier oder sechs Wochen bei der ersten Messung eine 8,0 ergeben haben (das ist viel zu basisch!) und bei der zweiten Messung eine 5,3 (das ist extrem sauer!).

 

Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass man neben der Darmflora die Stabilität des Milieus transplantieren kann. Gerade bei der Colitis ulcerosa kann trotz der Beschränkung der Entzündung auf den Dickdarm bereits im Dünndarm einiges im Argen liegen. Ist die Verdauungskraft vom Dünndarmmilieu oder vom Enzymhaushalt eingeschränkt, wandern Nahrungsbestandteile unverdaut in den Dickdarm und machen das Milieu entweder saurer (Kohlenhydrate, FOS, Polysaccharide…) oder basischer (Eiweiß, Polypeptide). Auch die „neue“ Darmflora durch den Spenderstuhl kann sich diesen Umstand nicht entziehen, und Therapiefolge sind allenfalls kurzfristiger Natur.

 

Natürlich sorgt die Darmflora eines gesunden Spenderstuhls in sich für eine gewisse Stabilisierung. Nämlich dann, wenn sich - idealer Weise - durch die Ansiedlung der gesunden Darmbakterien eine gewisse Kolonisationsresistenz aufbaut. Was den Dickdarm an sich angeht, ist das Milieu für eine nachhaltige Verbesserung zwar bereitet. Aber wie gesagt: die dem Dickdarm vorgeschalteten Verdauungsorgane spielen dabei auch eine Rolle und müssen nicht unbedingt in Ordnung sein.

 

Noch eine weitere Hypothese auf dem Prüfstand:

 

Ein Therapieerfolg ist durch die Gesundheit des übertragenen Milieus wahrscheinlich.

 

Der Systemic Review oder die Metastudie aller bisher durchgeführten Studien zum Thema Stuhltransplantation bei Colitis ulcerosa-Patienten (2016) ergibt, dass etwas über 40 % mittels der Stuhltransplantation eine klinische Remissionen erreichen und immerhin insgesamt über 62 % zumindest positiv darauf ansprechen.

 

Das klingt zunächst einmal viel versprechend, wirft jedoch die Frage auf, warum die Effekte nicht mit der einer Behandlung von Clostridium difficile vergleichbar sind. Nun: Colitis ulcerosa ist und bleibt nun einmal eine systemische Erkrankung mit sehr vielen Faktoren, die mit ins Kalkül einfließen lassen. Man sollte die Kraft einer gesunden Stuhlflora zwar nicht unterschätzen - viele an der Entzündung beteiligte Faktoren werden mit einbezogen. Aber man sollte sie eben auch nicht überschätzen!

 

Ein „Austausch“ der Darmflora kann folgende Faktoren beeinflussen:

 

  • Die Kommunikation zwischen Darm und Gehirn
  • Die Stimulation des Nervus vagus
  • Den Aufbau der Schleimhaut des Dickdarms
  • Die Schutzeigenschaften einer stabilen Darmflora („Kolonisationsresistenz“)
  • Eventuell: die Koordination von humoraler und zellulärer Abwehr

 

Sie hat aber keinen oder nur wenig Einfluss auf folgende (systemische) Faktoren:

 

  •  Den Enzymhaushalt
  • Das Dünndarmmilieu
  • „Herdgeschehen“ im Sinne der Naturheilkunde
  • Verdauungsrückstände
  • Umweltmedizinische Belastungen

Auch wenn die übertragene Stuhlflora noch so gesund ist: wenn mindestens zwei oder sogar noch mehr der gerade genannten Punkte nicht stimmen, kann sie dies nicht kompensieren: der Erfolg ist nur kurzfristig oder bleibt ganz aus.

 

Kommen wir zu einer dritten Variante und zugleich zu meinem Vorschlag:

 

FOS, Buttersäure und das Vorhandensein von „Akkermansia“ und „Faecalibacterium“

 

Akkermansia und Faecalibacterium sind zwei ziemlich sensible Gesellen. In Bezug auf ihre Umgebung sind sie wählerisch, weswegen sie auch bei vielen Menschen mit chronischen Darmsymptomen (ob funktionell oder organisch) kaum vorzufinden sind. Besonders bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen ist die Anzahl dieser Bakterien stark verringert, wenn sie überhaupt nachweisbar sind. Sie haben ganz wichtige Aufgaben für die Dickdarmschleimhaut. Der eine (Akkermansia) liebt Darmschleim und wandelt ihn in ein Substrat für den anderen (Faecalibacterium) um. Der wiederum macht aus FOS und anderen langkettigen, unverdaulichen Kohlehydraten „Buttersäure“.

 

Und diese Buttersäure wiederum stärkt und stabilisiert die Darmschleimhaut des Dickdarms. Sie ist ein weiterer Faktor neben Phosphatidylcholin, der die Darmschleimhaut resistent macht gegen die möglicherweise schädlichen Stoffwechselprodukte anderer Bakterien, und somit einer systemischen Entzündungen entgegensteht.

 

Meine ehrliche Meinung zum Thema Stuhltransplantation ist: neben der „Kompatibilität“ des Spenderstuhls mit dem Mikrobiom des Empfängers sollte unbedingt untersucht werden, ob diese beiden wichtigen Darmbakterien in ausreichender Menge im Spenderstuhl vorhanden sind - sozusagen als Kickstarter für die Stabilisierung der Schleimhäute des Dickdarms!

 

Alles in allem ist die Colitis ulcerosa natürlich eine systemische Entzündung mit sehr komplexen Interaktionen zwischen Darmmilieu, der Bauch-Hirn-Achse, dem Immunsystem und möglichen Herdgeschehen und umweltmedizinischen Belastungen. Um eine Starthilfe zu besseren Lebensbedingungen hin mittels einer Stuhltransplantation gewährleisten zu können, muss neben der Kompatibilität zwischen Spender und Empfänger auch die spezielle Komposition des Spenderstuhls stimmen!

 

Quellen:

 

https://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=37709

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4905678/

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4986962/

https://gi.org/media/press-releases-for-acg-annual-scientific-meeting/fmt-ibd-ibs/

https://www.ecco-ibd.eu/publications/congress-abstract-s/abstracts-2017/item/p782-a-new-compatibility-test-for-donor-selection-for-faecal-microbiota-transplantation-in-ulcerative-colitis-2.html

http://caelushealth.com/wp-content/uploads/2016/05/FMT_Science_PressRelease_20160429.pdf

https://www.enterosan.de/leistungen/stuhldiagnostik/molekularbiologische-analysen/akkermansia-muciniphila.html

 

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