Ist Weihrauch wirklich eine Alternative für Kortison?

Ein kleiner Hinweis vorneweg: dieser Blogartikel repräsentiert meine persönlichen Beobachtungen, Erfahrungen und meine Meinung zu dem Thema. Bitte verallgemeinern Sie ihn nicht.

 

Der indische Weihrauch ist schon lange bekannt. Vor rund sechs oder sieben Jahren begann der „Hype“ um den afrikanischen Weihrauch. Der Tenor: wesentlich effektiver, stärker entzündungshemmend und vor allen Dingen in Deutschland als Extrakt zugelassen! Ich wurde natürlich neugierig. Recht bald schon schlugen einige Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln bei mir auf, die mir „ihren“ afrikanischen Weihrauch schmackhaft machen wollten.

 

Ich war mit der Verordnung von Weihrauch dennoch eher zurückhaltend

 

ich kann mich erinnern, Weihrauchpräparate häufiger empfohlen als verordnet zu haben. Meist ging es um die Frage von Nicht-Patienten, welches Weihrauchpräparat denn besonders empfehlenswert sei. Ich nannte daraufhin ein Produkt ohne irgendwelche Zusätze. In der Praxis habe ich sie gelegentlich, aber nicht allzu häufig verordnet. Seltener, als man eigentlich annehmen möchte.

 

Ich hatte kein Problem mit der Wirksamkeit von afrikanischem Weihrauch an sich. Afrikanischer Weihrauch hat eine gewisse entzündungshemmende Wirkung. Womit ich allerdings definitiv relativ schnell meine Probleme hatte, war der ständige Vergleich mit Kortison.

 

Ich weiß, ich weiß: als Heilpraktiker sollte ich Kortison gegenüber sehr skeptisch und Weihrauch dafür umso aufgeschlossener sein.

 

Ich versuche die Medikamente der Pharmazie grundsätzlich zu nüchtern und neutral wie es geht zu betrachten. Bei manchen „großen Neuerungen“ fällt mir das relativ schwer. Bei Kortison hingegen fällt es mir relativ leicht. Kortison hat einen festen Platz in der Behandlung chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen als „Akutmedikament“ in seiner systemischen Form – wie Decortin oder Prednisolon. Darüber hinaus gibt es die lokal wirksamen Kortisonpräparate (Budesonid). Mit weniger Nebenwirkungen, können diese auch mal über einen längeren Zeitraum eingenommen werden. Ihre Wirkung ist bei weitem nicht so durchschlagend wie die von systemischem Kortison, mit dem man immer noch am besten einen „akuten Schub“ auffangen kann.

 

Ja, Sie haben richtig gelesen: auch ich als Heilpraktiker bin der Meinung, dass sich ein akuter Schub prozentual gesehen mit Kortison am besten behandeln lässt. Ich bin natürlich auch der Meinung, dass man vermeiden sollte, es über einen längeren Zeitraum oder eine höhere Dosierung zu nehmen. Ich habe irgendwann aufgehört, die Anzahl der steroidabhängigen chronisch-aktiven Verläufe zu zählen.

 

Und genau diese Verläufe sind für mich als Heilpraktiker auch ein ziemliches Problem. Sie sind wirklich sehr schwer in den Griff zu bekommen.

 

Da stellt sich natürlich die Frage nach Weihrauch als Alternative

 

Die Frage bleibt - gerade bei den chronisch-aktiven Verläufen: kann man eine gewisse Menge Kortison nicht mit einer ausreichend hohen Dosierung von afrikanischem Weihrauch ersetzen? Kann man damit nicht vom Kortison loskommen?

 

Ich kann es leider nicht freundlicher ausdrücken: Weihrauch war für mich immer so eine Art „Notbehelf“, wenn ich in der Praxis nicht so recht weitergekommen bin - um einen Patienten Linderung zu verschaffen und ein wenig Zeit zu gewinnen für eine neue Strategie. Wenn ich bis heute ein besseres Urteil über Weihrauch hätte, würde ich das in diesem Blog sehr gerne mitteilen. Doch leider habe ich das nicht.

 

Es gibt zwei Gründe, warum Afrikanischer Weihrauch keine vollwertige Alternative zu Kortison ist

 

Der erste Grund: die entzündungshemmende Aktivität von Weihrauch scheint mit der Dosierung einer Art „Sättigungskurve“ zu folgen. Wenn Sie mit diesem Begriff nichts anfangen können - Sie müssen sich das so vorstellen:

 

Nehmen wir einmal an, ich würde mit 800 mg afrikanischen Weihrauch pro Tag eine gewisse, entzündungshemmende Wirkung erreichen, die einer bestimmten Menge Kortison entspräche - sagen wir beispielsweise 10 mg. Dann müsste man eigentlich erwarten, dass man mit einer entsprechend hohen Dosierung wie 2000 mg afrikanischem Weihrauch eine Entzündungshemmung wie bei der Einnahme von 25 mg Cortison erreichen würde.

 

Das ist aber leider nicht der Fall.

 

Tatsächlich habe ich in der Vergangenheit immer wieder beobachtet, dass man auch mit einer hohen Dosierung an afrikanischem Weihrauch maximal eine entzündungshemmende Wirkung erreichen kann, die etwa einer Dosierung von 20-25 mg Cortison entspricht. Wenn Sie die Dosierung noch weiter steigern, wird dadurch die entzündungshemmende Wirkung nicht weiter verstärkt. Das ist jedenfalls meiner Beobachtung.

 

Im Klartext: das pharmakologische Dosis-Wirkungs-Gesetz oder abgekürzt: „viel hilft viel“ trifft auf Weihrauch nur bis zu einer gewissen Grenze zu. Wer eine starke Entzündung im Körper hat, bei der eine Dosierung von ca. 20 mg Kortison nicht ausreichend ist zur Hemmung, der kann von Weihrauch keine vollständige Hilfe bekommen. Auch nicht von afrikanischem Weihrauch.

 

Zweitens: Kortison hat den zweiten, regulativen Faktor, den andere entzündungshemmende Präparate nicht haben. Es ist ein Hormon -  und zwar ein Stresshormon.

 

Als Stresshormon hat es die spezifische Wirkung, das ist zusätzlich zur Immunsuppression noch den Nervus vagus in seinem Tonus herunterreguliert. Da der Vagus aber den Darm anregt und bei einer vegetativen Erschöpfung - die ein Kennzeichen vieler chronisch-entzündlicher Erkrankungen ist - häufig gereizt ist, bremst ist zusätzlich zu seiner immunsuppressiven Wirkung die Darmtätigkeit und kann so Durchfälle stoppen.

 

Diese hormonelle Wirkung hat Weihrauch nicht.

 

Ich habe selbst für mich die Hypothese entwickelt, dass Kortison aus diesem Grund oft auch dann wirkt, wenn andere Immunsuppressiva versagen - unter anderem auch Azathioprin und in manchen Fällen sogar die Biologika. Die Patienten fühlen sich besser. Kortison aktiviert die Energiereserven des Körpers, die bei einer bestehenden, lange anhaltenden entzündlichen Erkrankung überhaupt noch zu aktivieren sind.

 

Das ist ganz simpel ein Merkmal, welches Kortison von allen anderen entzündungshemmenden Substanzen - natürlichen wie medizinischen - unterscheidet.

 

Ich habe immer wieder mal beobachten müssen, dass der Versuch, Kortison abzusetzen und durch Weihrauch zu substituieren, im wahrsten Sinne des Wortes in die Hose gegangen ist.

 

Weihrauch ist also keine Alternative zu Kortison!

 

Weihrauch hat natürlich Vorteile – ganz klar!

 

Natürlich hat Weihrauch in der Therapie viele positive Seiten. Zunächst ist es unspezifisch wirksam gegen Entzündungen. Es hilft durchaus recht vielen Patienten, wenn die entzündungshemmende Wirkung auch eher begrenzt ist. Aber wenn dieses „begrenzt sein“ bereits den Unterschied zwischen 15 Stuhlgängen am Tag und nur deren fünf oder sechs ausmacht, ist dies bereits sehr ordentlich und mehr als zufrieden stellend.

 

Zweitens: Weihrauch, auch Afrikanischer Weihrauch hat nach meinen bisherigen Erfahrungen keine oder bestenfalls minimale Nebenwirkungen und kann häufig über einen recht langen Zeitraum genommen werden. Es ist ein Präparat, was theoretisch auch auf Versuch und Verdacht gegeben werden kann und mit dem auch ein medizinischer Laie einen Therapieversuch starten kann (damit will ich natürlich niemanden ermutigen, Weihrauch aus eigenem Antrieb zu nehmen, sondern dennoch erst Rücksprache mit einem Arzt oder Heilpraktiker zu halten!).

 

Aber: genau diese Eigenschaften sind es, die Weihrauch für mich auch zu einer Verlegenheitslösung machen. Man braucht keine ausgefeilten Erkenntnisse über die Biologie von Entzündung und Entzündungshemmung im menschlichen Körper, um Weihrauch einzusetzen. Man muss kein „Ass“ in Naturheilkunde sein, um Weihrauch bedarfsgerecht einsetzen zu können.

 

Im Umkehrschluss: jeder, der sich die Mühe macht, mit seinen Patienten eine genaue Anamnese durchzuführen, wird in den meisten Fällen das ein- oder andere Präparat finden, das bei den Patienten individuell besser wirkt. Anders ausgedrückt: wer weiß, wie es geht, kann mit Andrographis, Artemisinin, Caprylsäure, Tocotrienol oder Lactobacillus reuteri individuell weitaus größere Erfolge erzielen als mit der simplen Verordnung von Weihrauch. Mal ganz zu schweigen von den Möglichkeiten beispielsweise der Homotoxikologie, bei der körpereigene Substanzen in niedriger homöopathischer Potenz zur Stimulation des Zellstoffwechsels eingesetzt werden, der Methylierung, der Konstitutionsmedizin etc.

 

Man möge mir diesen Sarkasmus verzeihen, aber es soll ja Therapeuten geben, für die die Welt nach Weihrauch, Mutaflor, Vitamin D und Omega-3-Fettsäuren schon zu Ende ist…die aber einen Professorentitel ihr Eigen nennen und auch noch als Spezialisten für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen gelten…

 

Wem Weihrauch hilft, der soll Weihrauch nehmen!

 

Und ja, ich bin auch der Auffassung - alles was hilft, ist gut. Wenn Ihnen Weihrauch also wunderbar hilft und Sie dadurch weniger abhängig von Medikamenten werden, nehmen Sie ihm bitte um Gottes Willen weiter! Das letzte, was ich tun möchte, ist Ihnen den Weihrauch auszureden!

 

Aber: wie man es auch dreht und wendet - Weihrauch ist keine Alternative zu Kortison. Jedenfalls bei weitem nicht für jeden!

 

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