Chronisch-aktiver Verlauf: Wie kommt man aus dem Tief?

Ein chronisch-aktiver Verlauf bei einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung ist so ungefähr das Schlimmste, was einem passieren kann. Vor allen Dingen, wenn man jung ist.

 

„Chronisch-aktiv“ bedeutet, dass man nie wirklich aus einem Schub herauskommt. Das bedeutet, dass ständig Symptome präsent sind. Dieser Verlauf steht im Gegensatz zum wesentlich häufigeren „schubweisen Verlauf“, der zwischen den Krankheitsschüben immer wieder Ruhephasen beinhaltet.

 

Dabei erholt sich nicht nur der Körper, sondern auch der Geist.

 

Körperliches und geistiges Tief korrespondieren häufig…

 

Bei einem Krankheitsschub von Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa korrespondieren das körperliche und geistige Tief mehr oder weniger direkt miteinander. Manchmal ist dies der Fall mit einigen Tagen bis längstens einigen Wochen Zeitverzögerung, oft hängen die Symptome aber auch direkt miteinander zusammen.

 

Auf körperlicher Seite zeigen sich: verstärkte entzündliche Aktivität im Darm mit allen möglichen, damit verbundenen Symptomen: Durchfall, Schmerzen beim Stuhlgang, blutige und / oder schleimige Stühle, Bauchkrämpfe, verstärkte Blähungen. Dazu kommen Schmerzen und Beschwerden, die indirekt mit dem Darm zusammenhängen bzw. sich außerhalb manifestieren: Fisteln, Gelenkschmerzen, Augenentzündungen, Beschwerden der Gallenblase und - starke Erschöpfung.

 

Und damit können wir nahtlos übergehen zur mentalen und seelischen Komponente der Erkrankung. Denn man kann die körperlichen und psychischen Erscheinungen der Krankheit nicht scharf voneinander trennen.

 

Mentale und psychische Symptome: Unfähigkeit zu Denken oder Kreisen der Gedanken, Resignation, Frust, Traurigkeit, Gefühl, „mental gelähmt zu sein“, Schwäche, Gefühl von Unzulänglichkeit, Gefühl, nicht am Leben beteiligt zu sein bzw. dass das Leben an einem vorbei zieht.

 

Der schubweise Verlauf ist psychisch und mental wesentlich günstiger

 

Wenn die Krankheit in Schüben verläuft, hat man immer die Hoffnung, dass es „irgendwann vorbei ist“. Bestimmt jedoch ein chronisch-aktiver Verlauf das Leben, verliert man irgendwann diese Hoffnung - vor allen Dingen dann, wenn die therapeutischen Erfolge ausbleiben. Irgendwann ist man „zu allem bereit“, wenn man nur neue Hoffnung schöpfen kann. Der chronisch-aktive Krankheitsverlauf beinhaltet daher zumindest meiner Erfahrung nach die wesentlich größere Gefahr, eine „echte“ Depression zu entwickeln (im Gegensatz zu einer depressiven Verstimmung, die sich simpel aus einer mentalen und vorübergehenden Stresssituation heraus entwickeln kann).

 

Das ist wahrlich kein schöner Zustand!

 

Mentale und körperliche Symptome korrespondieren miteinander über den Pfad der vegetativen Erschöpfung – und diese hat wiederum mit dem Darm zu tun

 

Die Zusammenhänge zwischen verminderter Funktion der Schleimhautbarriere, veränderte Darmflora, Ausschüttung von Entzündungsbotenstoffen und Symptomen von Depression und chronischer Erschöpfung werden seit knapp zehn Jahren genauer untersucht. In einer Arbeit von 2010 wurde ein mittelbarer Zusammenhang zwischen der Diagnose Reizdarmsyndrom und der Diagnose „chronisches Erschöpfungssyndrom“ über die Schleimhautbarriere und das darmassoziierte Immunsystem (GALT) festgestellt.

 

Das darmassoziierte Nervensystem (oder enterische Nervensystem, abgekürzt: ENS) beinhaltet zu einem großen Teil parasympathische Nerven des vegetativen Nervensystems. Auf einem gesunden Level regen diese Nerven die Darmtätigkeit an, sorgen so für eine Aktivierung der glatten (unwillkürlichen) Muskulatur und gleichzeitig für eine Entspannung der quer gestreiften, d.h. willkürlichen Muskulatur.

 

Diese Aktivitäten sind dem Parasympathikus zugeordnet.

 

Man muss allerdings zwischen Entspannung (= gesunder Aktivität) und Erschöpfung (= krankhaft gesteigerter Aktivität) des parasympathischen Nervensystems unterscheiden.

 

Entzündungsprozesse an der Darmschleimhaut führen zwangsläufig zu einem verstärkten oxidativen Stress, der langfristig wiederum in eine Erschöpfung mündet. Diese Erschöpfung zeigt sich auf allen Ebenen, körperlich, mental und geistig. Hier einige Kriterien, die beim chronischen Erschöpfungssyndrom erfüllt sein müssen:

 

·       alle Symptome verschlechtern sich massiv durch Stress und Anstrengung

 

·       der Schlaf ist gestört, unterbrochen, leicht oder gelegentlich auch „wie betäubt“.

 

·       Besonders wichtig: Schlaf bringt keine Erholung (!)

 

·  Es bestehen Symptome ähnlich wie bei einer Fibromyalgie: diffuse Muskel- und Gelenkschmerzen, auch Kopfschmerzen. Eine Fibromyalgie kann durchaus parallel zu einem chronischen Erschöpfungssyndrom auftreten, weswegen ich sie am Rande mit in die Betrachtung einbinden werde!

 

·      Konzentration, Koordination, Gedächtnisleistungen und Motorik verschlechtern sich.

 

·     Es besteht eine Überempfindlichkeit gegenüber Licht, Geräusche oder Geruch. Es kann zu einer erhöhten Schreckhaftigkeit kommen.

 

·       Fast immer ist der Blutdruck dabei gegenüber dem Normalwert erniedrigt.

 

·     Es treten Schwindel, große Müdigkeit, Benommenheit oder abnormer „Lufthunger“ auf, der Betroffene schnappt ständig nach Luft oder atmet tief.

 

·   Es kommt zu Störungen im Zuckerstoffwechsel, meist zu Hypoglykämie (erniedrigter Blutzuckerspiegel)

 

·       Es kommt zu anfallsweiser oder dauerhafter Beschleunigung des Herzschlages

 

·       Zucker, Alkohol und andere Stimulanzien werden schlecht oder überhaupt nicht vertragen.

 

·       Hals-, Arm- und Leistenlymphknoten können geschwollen sein.

 

Viele Patienten mit einem chronisch-aktiven Verlauf berichten, dass Kortisonpräparate „als einziges helfen würden“

 

Ich höre es immer wieder, und ich erlebe es immer wieder: Häufig entwickeln Darmpatienten mit einem chronisch-aktiven Verlauf eine ausgeprägte Steroidabhängigkeit. Sie fühlen sich nur unter der Einnahme von Kortisonpräparaten besser (der Äquivalenz-Schwellenwert liegt meiner Beobachtung meist bei etwa 20-30 mg am Tag) - und sobald sie die Präparate absetzen, geht es Ihnen sofort wieder schlechter.

 

Die vegetative Erschöpfung umfasst alle Bereiche körperlicher und geistiger Gesundheit, die mentalen und psychischen Symptome korrespondieren mit den körperlichen, man spricht von einer endogenen Depression.

 

Kortison wirkt als Langzeitstresshormon dieser vegetativen Erschöpfung entgegen. Das kann aber naturgemäß das vegetative Nervensystem nicht wieder aufbauen, im Gegenteil: durch die Substitution von außen wird die oft schwache Produktion von körpereigenem Cortisol oft ganz eingestellt - so erklären viele Ärzte und Wissenschaftler den steroidabhängigen Verlauf.

 

Es ist schwierig, diesen Teufelskreis in der Naturheilkunde zu durchbrechen

 

Ein Teufelskreis besteht darin, dass sich die verschiedenen Einflussfaktoren ständig gegenseitig bestärken. Im Falle einer vegetativen Erschöpfung beim chronisch-aktiven Verlauf verstärken sich Entzündung, schwache Darmbarriere, oxidativer Stress und daraus resultierende, immer stärkere Erschöpfung aufgrund einer Schwäche der HVL-NNR-Achse immer weiter (HVL-NNR: Abkürzung für „Hypophysenvorderlappen – Nebennierenrinden“).

 

Natürlichen entzündungshemmenden Substanzen wie etwa Weihrauch, Wermut oder auch Humin- und Fulvosäuren fehlt die Komponente, das sympathische System bzw. die HVL-NNR-Achse zu stärken. Weihrauch kann daher, im Gegensatz zur landläufigen Meinung, Kortison in der Therapie nicht vollständig ersetzen - zumindest nicht was den Faktor der vegetativen Erschöpfung angeht.

 

Adaptogene wie Ginseng, Taigawurzel, Rhodiola oder Cordyceps helfen ebenfalls nur begrenzt - auch in Kombination mit natürlichen, entzündungshemmenden Präparaten.

 

Die Strategie ist es daher, das Problem sozusagen von mehreren Seiten anzugreifen:

 

Erstens: bei einer vegetativen Erschöpfung verändert sich der Nährstoffbedarf, Ernährung und Nahrungsergänzung müssen diesen Bedarf angepasst werden!

 

So erhöht sich beispielsweise der Bedarf für:

 

Vitamin A, Betacarotin, B3, B5, Biotin (B7 oder Vitamin H), Folsäure, B12, Lecithin / Cholin, Inositol, Vitamin E, Calcium, Kupfer, Natrium, Jod, Phosphor, Zink, Silizium, Alpha-Liponsäure, MCT’s (Mittelkettige gesättigte Fettsäuren), Eiweiß.

 

Da durch die geschädigte Darmschleimhaut Nährstoffe verloren gehen, ist der Bedarf an diesen Nährstoffen insgesamt deutlich erhöht. Diese Nährstoffe in Kombination regen den sympathikotonen Teil des vegetativen Nervensystems an.

 

Eine optimierte Nährstoffversorgung muss verbunden werden mit Phytohormon-Therapie, die ebenfalls den Sympathikus-Anteil des vegetativen Nervensystems anregt. Zusätzlich hierzu müssen eventuell verabreichte Probiotika so abgestimmt werden, dass sie das Verhältnis zwischen humoralem und zellulärem Anteil des Immunsystems ausgleichen. Dies ist wichtig, um eine übermäßige Ausschüttung von Entzündungsbotenstoffen (Zytokinen) einzudämmen. Auch andere Nahrungsergänzungsmittel und Naturheilmittel müssen auf diesen Umstand abgestimmt werden.

 

Man muss dem Organismus sozusagen den richtigen Treibstoff liefern, um sich selbst zu reparieren. Wunder indes sollte man nicht erwarten: es braucht seine Zeit. Aber: die Vitamine und Nahrungsergänzungen liefern den Treibstoff für eine Reparatur der Darmschleimhaut und für die Synthese der Hormone, die den Körper aus einer vegetativen Erschöpfung herausholen.

 

Quellen:

 

http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1873994609001329

 

https://nutritionandmetabolism.biomedcentral.com/articles/10.1186/1743-7075-7-79

 

https://www.ultralifeinc.com/Detail.asp?P=8819

 

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