Hypothesen zum Sehkraftverlust bei vielen Crohn- und Colitis-Patienten

In letzter Zeit beobachte ich häufiger folgendes: Patienten mit einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung verlieren aus verschiedenen Gründen immer mehr an Sehkraft. Ein Patient, den ich neulich das erste Mal in meiner Praxis hatte, verlor in den sechs Jahren seit seiner Diagnose so viel Sehkraft, dass sich seine Dioptrienzahl von -1,5 auf -6,5 erhöhte.

 

Grund also, mal einen Blick auf die Ursachen zu werfen…

 

Dass die Augen bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen häufig in Mitleidenschaft gezogen werden, ist nichts Neues. Ich zum Beispiel habe aufgrund eines Astigmatismus (ein Augenleiden, bei dem sich die Sicht verzerrt) auf dem linken Auge weniger Sehkraft als auf dem rechten Auge.

 

Interessanterweise sagte mir eine Augenärztin vor einigen Jahren, dass sich meine Sehkraft langsam (sehr langsam!) wieder regeneriert. Ich benötige aktuell zum Autofahren noch eine Brille, doch die Ärztin meinte, dass ich eventuell bis zu meinem 60. Lebensjahr keine Brille mehr fürs Autofahren benötige.

 

Aber in diesem Artikel soll es ja ums Verlieren gehen und nicht ums Gewinnen.

 

Verschiedene Möglichkeiten - verschiedene Gründe

 

Mit einer gezielten Suche im Internet fördere ich folgende Erkenntnis zu Tage: eine so genannte Autoimmun-Uveitis (eine Form der Augenentzündung, bei der sich das Immunsystem gegen Zellen im Auge richtet) hat eine Ursache im Darm: nämlich bestimmte Darmbakterien, die wiederum Zellen des Immunsystems aktivieren.

 

Nach Frau Dr. Rachel Caspi sind diese Zellen, T-Lymphozyten, in den Augen zwar vorhanden. Aber sie können nicht dort aktiviert werden und wenn sie nicht aktiviert sind, auch nicht die Grenze zum Auge hin passieren. Es sei also sehr wahrscheinlich, dass bestimmte Darmbakterien diese T-Lymphozyten aktivieren, und sie danach ins Auge wandern.

 

Versuche mit Mäusen haben zudem ergeben, dass die Uveitis unter einer „normalen Darmflora“ bei entsprechend genmanipulierten Mäusen wesentlich häufiger sei als bei einer Antibiotika-Behandlung oder in einer sterilen Umgebung. Und dass Mäuse, aus ihrer sterilen Umgebung in eine normale Umgebung gebracht, spontan eine solche Augenentzündung entwickelten.

 

Die T-Lymphozyten können nicht aktiviert werden, wenn im Immunsystem alles in Ordnung ist. Es spricht deshalb einiges dafür, dass Probleme mit der Schleimhautbarriere im Darm ursächlich an der Entstehung der Uveitis beteiligt sind.

 

Aber wir reden hier ja von einem langsamen Verlust der Sehkraft

 

Eine Autoimmun-Uveitis führt zu einem schnellen Sehkraftverlust. Es wird geschätzt, dass in den USA 10 % aller schweren Augenleiden auf das Konto einer solchen Uveitis gehen. Nichtsdestotrotz reden wir hier überwiegend von einem langsamen Sehkraftverlust. Der wiederum sollte auf das Konto anderer Probleme gehen.

 

Oxidativer Stress zieht mittel- bis langfristig die Augen in Mitleidenschaft, insbesondere, wenn bestimmte Antioxidantien fehlen. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2015 legt dar, dass etwa zweieinhalbmal so viele Morbus Crohn-Patienten an einem niedrigen Serum-Vitamin-A-Spiegel leiden wie gesunde Personen.

 

Ein Mangel an Vitamin A (Retinol) führt besonders bei Morbus Crohn-Patienten häufig zu einer Keratokonjunktivitis sicca, die sich mit trockenen und brennenden Augen bemerkbar macht. Außerdem leidet die Nachtsicht unter einem langfristigen Mangel von Vitamin A. Es ist wichtig zu wissen, dass Vitamin A nicht nur für die Funktion der Augen, sondern auch für die optimale Funktion der Schleimhäute des Verdauungskanals eine Rolle spielt.

 

Autoimmunprozesse in der Minderheit…

 

Es ist klar, dass die Aktivierung Immunkompetenter Zellen als Resultat einer defekten Schleimhautbarriere im Darm die Augen angreifbar macht. Dennoch sollten Autoimmunprozesse an den Augen auch bei Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen eher die Minderheit darstellen. Folgende Erkrankungen und Entzündungen der Augen sind bei Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen häufiger darstellbar als bei gesunden Personen:

 

  • Iritis
  • Uveitis
  • Keratopathie
  • Trockene Augen
  • Konjunktivitis und (als Folge von langfristiger medizinischer Behandlung)
  • Glaukom und grauer Star

 

Der heimliche und schleichende Verlust der Sehkraft ist jedoch das Problem, auf dem wir im wahrsten Sinne des Wortes ein Auge haben müssen. Entzündungen der Augen machen sich durch entsprechende Symptome bemerkbar: Stechen, Rötung, Trockenheit. Sie gehören zu einer Abklärung zum Augenarzt.

 

Der schleichende Sehkraftverlust aufgrund oxidativer Prozesse ist jedoch wesentlich heimtückischer.

 

In der Naturheilkunde sehen wir eine Verbindung zwischen Augen und Leber

 

In der Naturheilkunde sehen wir die Funktion der Leber teilweise mitverantwortlich dafür, wie sich die Gesundheit der Augen entwickelt. Im Zusammenhang mit der Schleimhautbarriere ist das gar nicht mal so weit hergeholt. Die Funktion der Leber entscheidet über die Zusammensetzung der Gallensäure. Diese wiederum trägt zu einer Stabilisierung des Milieus im Dünndarm bei. Bei der Behandlung des Leaky-Gut-Syndroms wird daher in der ganzheitlichen Medizin immer auch die Leber mit therapiert.

 

Präparate für die Leber wie beispielsweise Schöllkraut oder Mariendistel werden dabei mit therapeutischen Dosierungen fettlöslicher Vitamine (Vitamin A, Vitamin D und Tocotrienol) kombiniert. Zusätzlich wird mit Probiotika therapiert, die dabei helfen, die Entgiftung der Leber anzuregen. Während der Therapie sollten nur „gute Fette“ konsumiert werden: mittelkettige Triglyceride (MCT, zum Beispiel in Kokosöl) sowie Omega-3-Fettsäuren, aber auch die Omega-6-Fettsäure „Gammalinolensäure“ (in Borretschöl oder Nachtkerzenöl) spielt eine wichtige Rolle in der Funktion der Optimierung der Schleimhautbarriere.

 

„Herde“ im Bereich der Kiefer- und Stirnhöhle beachten

 

Darüber hinaus sollte man ein Auge auf Krankheitsherde in Kiefer- und Stirnhöhlen haben. Eine chronische Sinusitis mag eine Rolle spielen, auch tote Zähne können zu Problemen führen. Mit Betonung auf kann, nicht auf muss.

 

Unter Umständen muss auch eine Zahnsanierung vorgenommen werden.

 

Quellen:

 

http://www.healthline.com/health-news/bacteria-in-gut-could-be-cause-of-disease-in-the-eye-081815#1 

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4316104/ 

http://www.crohnscolitisfoundation.org/resources/eye-complications.html 

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24715231

 

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