Kosteneinsparung durch regelmäßige Einnahme von Medikamenten?

Eine solche Meldung kann nur auf dem „Mist“ einer medizinisch-wissenschaftlichen Zeitschrift gewachsen sein (das ist nicht böse gemeint, deutet aber die Richtung an, in die die Studien gehen):

 

Immer und regelmäßig Medikamente einnehmen hilft, Kosten im Gesundheitswesen zu sparen!

 

Die Studie beginnt mit den schönen Worten: „Kostenkontrolle wird ein immer wichtigerer Faktor im Gesundheitswesen, besonders bei chronischen Erkrankungen“. Jetzt erst einmal zu den Fakten:

 

Insgesamt 99 junge Patienten einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung (Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa) mit einem Lebensalter zwischen 2 und 21 Jahren wurden über einen Zeitraum von insgesamt zwei Jahren beobachtet. Dabei wurde die Regelmäßigkeit und Konsequenz, mit der verschreibungspflichtige Medikamente eingenommen werden, in Bezug zu den verursachten, krankheitsbedingten Kosten gesetzt.

 

Das Ergebnis dieser Studie ist: die jungen Patienten, die regelmäßig Medikamente eingenommen haben („Compliance-Patienten“), verursachen nur etwa ein Drittel der Behandlungskosten gegenüber denjenigen Patienten, die nachlässig mit der Einnahme ihrer Medikamente waren („Non-Compliance-Patienten“).

 

Kurzer Einwurf: was macht die Behandlungskosten bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen aus?

 

Lässt man alle Maßnahmen, die Patienten für sich selbst tun, außen vor, umfassend die Behandlungskosten bei Crohn und Colitis die folgenden Faktoren:

 

  • Kosten für Arzneimittel
  • Kosten für das regelmäßige Erstellen von Kontrolluntersuchungen (Blutbild, Darmspiegelung, Stuhlprobe etc.)
  • Kosten für ambulante Behandlungen
  • Kosten für stationäre Behandlungen
  • Kosten für eventuell notwendige Operationen
  • Kosten für Medizinprodukte
  • Kosten für Nährmittel im Akutfall („Astronauten-Nahrung“, enterale Diät etc.)

 

Die Kosten für ambulante, stationäre Behandlungen und vor allen Dingen für notwendige Operationen sind bei einer entsprechend schlechten Gesundheitssituation mit ziemlicher Sicherheit der größte Kostenfaktor. Komplexe Eingriffe am Darm mit anschließender Nachbehandlung sollten schätzungsweise zwischen 6000 und maximal 75.000 € kosten (letzterer Preis bezieht sich auf einen komplizierten Eingriff wie einen „J-Pouch“). Ein Eingriff am Blinddarm kostet in etwa 2.500 bis 3.500 Euro. Ob die Preise für eine Behandlung in einem akuten Notfall wie etwa einer Peritonitis, einem toxischen Megakolon oder einem weiteren, großen und riskanten Eingriff noch über den 75.000 € liegen können, entzieht sich meiner Kenntnis. (Anm.: eventuell kann ein Arzt, der diese Zeilen liest, mich korrigieren, falls ich nicht richtig liegen sollte?).

 

Kosten für Arzneimittel sollte man allerdings auch nicht unterschätzen!

 

Die Kosten, die bei einem Krankenhausaufenthalt aufkommen, sind für Normalverdiener schwer vorstellbar. Ebenso schwer vorstellbar sind allerdings ebenfalls die Kosten, die gerade die Therapie mit „neuen“ Arzneimitteln (z.B. den Biologika) hier in Deutschland verursachen: so kostet beispielsweise eine Injektion mit Humira / Adalimumab 900 bis 1000 €, eine Infusion mit Remicade etwa 3.000 €. Nimmt man einen Monat regelmäßig eine ausreichend hohe Menge an Mesalazin (Salofalk / Claversal) ein, ist man schnell bei 500-700 €.

 

In der zitierten Studie wird eine „regelmäßige“ Einnahme mit einer „nicht regelmäßigen“ Einnahme verschreibungspflichtiger Medikamente verglichen. Die Studie bleibt bei der statistischen Auswertung allerdings sehr schwammig. Werden die dreifachen Kosten für die Korrektur gesundheitsbedingter Probleme durch die Nicht-Einnahme von Medikamenten erst am Ende des Untersuchungszeitraums erreicht oder ergeben sich diese Kosten in der Summe über den genannten Zeitraum?

 

Das ist dann so ähnlich wie mit der Steuer: es gibt einen durchschnittlichen Steuersatz und einen Grenzsteuersatz auf die Einkommenssteuer. Der Grenzsteuersatz ist der Steuersatz, der für den nächsten weiteren verdienten Euro fällig würde. Der Durchschnittssteuersatz ist der Steuersatz, der für das gesamte Einkommen prozentual fällig wird.

 

Wäre die Verdreifachung der Kosten im Gesundheitswesen bei „Non-Compliance“ so etwas wie der Grenzsteuersatz, so ist die Aussage „Kosten verdreifachen sich“ eigentlich unsinnig. Und bei Medikamentenkosten zwischen durchschnittlich 1.500 und 6.000 Euro monatlich, gerechnet auf einen Zeitraum von 2 Jahren (24 Monaten) wären das Gesamtkosten 36.000 bis 144.000 €. Würde der „Non-Compliance-Patient“ in diesem Zeitraum nur ein Drittel der Medikamentenkosten „verursachen“, wäre das eine „Ersparnis“ von 24.000 bis 96.000 €.

 

Ein Patient müsste also theoretisch über einen Zeitraum von 2 Jahren hinweg Behandlungskosten von 72.000 € bis 288.000 € (!) verursachen, damit sich die Kosten gegenüber den Compliance-Patienten – die regelmäßig ihre Arzneimittel einnehmen – verdreifachen. Ich meine, wirklich verdreifachen. Binnen 2 Jahren, wohlgemerkt.

 

Ohne pauschalisieren zu wollen: für mich klingt das ziemlich unglaubwürdig. Nicht jeder Patient, der zwei Jahre sein Azathioprin nicht nimmt, bekommt binnen dieses Zeitraums eine totale Kolektomie oder einen J-Pouch.

 

Aber vielleicht habe ich mich ja auch verrechnet? (Nein, das war jetzt nicht ironisch gemeint!)

 

Und: wie aussagekräftig ist eine Studie mit 99 Patienten über einen Zeitraum von zwei Jahren, wenn es um die Ermittlung von Kosten geht? Den Naturheilkundlern wird ja von Seiten der „wissenschaftlichen Medizin“ immer vorgeworfen, dass Studien mit wenigen Patienten keinerlei Aussagekraft haben. Wie sieht es mit der Aussagekraft einer solchen Studie mit 99 Patienten ohne jede weitere Differenzierung aus?

 

Es kommen noch mehr Fragen auf!

 

  • Wenn ich mir die Quelle unter dem unten genannten Link ansehe, ist meine statistische Neugier absolut nicht befriedigt. Es bleiben viele Fragen offen:

 

  • Was bedeutet regelmäßige Einnahme, was nicht regelmäßige Einnahme?
  •  Was haben die Patienten sonst noch für ihre Gesundheit getan oder nicht getan?
  • Was bedeutet „Compliance“ in diesem Zusammenhang? Junge Patienten zwischen dem zweiten und dem 21. Lebensjahr entscheiden in aller Regel nicht alleine über ihre Behandlung!
  •  Wann bemerkt man einen Unterschied in Bezug auf die Behandlungskosten? Ist das bei allen Patienten gleich?
  • Von welcher medizinischen Ausgangslage wird hier ausgegangen? Immerhin gibt es höchst unterschiedliche Verläufe von chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen. Einige Patienten kommen sogar über Jahre ohne verschreibungspflichtige Medikamente aus und helfen sich mit Weihrauch oder Probiotika
  • Aus welchen Daten wird die mehr als dreifache Kostenzunahme bei Patienten, die ihre Medikation nicht regelmäßig Einnahmen, hergeleitet? (s.o.)

 

Und dann berücksichtigt die Studie einen weiteren, ganz entscheidenden Faktor nicht:

 

Nämlich, dass die Medikamente bei einigen Patienten schlicht und ergreifend nicht wirken. Oder jedenfalls nicht das bewirken, was sie sollten. Und das kommt ja auch gelegentlich mal vor. Jedenfalls erlebe ich es immer mal wieder in der Praxis.

 

Fazit: es geht mir nicht darum, Patienten dazu zu bewegen oder davon abzuhalten, bestimmte Medikamente einzunehmen. Ich wage aber zu behaupten, dass die Studie wie zitiert (https://www.sciencedaily.com/releases/2017/07/170707133829.htm ) keine ausreichende Seriosität erkennen lässt. Es spielen einfach zu viele Faktoren eine Rolle, wie sich die Gesundheit Betroffener einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung mittel- bis langfristig entwickelt.

 

Quellen:

 

https://www.tz.de/leben/gesundheit/uebersicht-viel-kosten-behandlungen-wirklich-2607597.html

https://insights.ovid.com/crossref?an=00054725-900000000-98534

https://www.sciencedaily.com/releases/2017/07/170707133829.htm

http://www.focus.de/finanzen/news/tid-19140/lebenshaltung-wie-viel-kostet-ein-krankenhausaufenthalt_aid_530529.html

 

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