Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen und ätherische Öle

Gleich zu Beginn ein, wie es so schön auf neudeutsch heißt, „Fun Fact“: in den neunziger Jahren, als ich meine heroische Schlacht gegen „meinen“ Morbus Crohn aufgenommen hatte, hatte meine Heilpraktiker kein Problem damit, mir „Niaouli-Öl“ zu verordnen. Wer nicht weiß was das ist: es ist mit dem Melaleuca-Öl (Teebaum-Öl) verwandt, ein ätherisches Öl, das eine stark desinfizierende Wirkung im Körper hat.

 

Wenn Sie heute „Niaouli-Öl“ in der Apotheke bestellen, finden Sie auf der Flasche ein Etikett mit den Gefahrenbezeichnungen „giftig“ und „gesundheitsschädlich“. Die Flasche ist doppelt eingepackt, da von diesem Öl nichts mit dem Grundwasser in Kontakt kommen sollte. Also ist eine Substanz, von der ich früher regelmäßig 20 Tropfen auf etwas Honig mehrmals täglich eingenommen habe, heute ein gefährliches Gift.

 

Ob es daran liegt, dass ich heute gelegentlich mal so müde bin? ;-)

 

Scherz beiseite…

 

Manche ätherischen Öle haben eine Heilindikation bei Darmsymptomen…

 

So ist zum Beispiel von Pfefferminzöl nachgewiesen, dass es bei Reizdarm hilft, wenn der Wirkstoff im Dünndarm freigesetzt wird. Bestimmte Bestandteile ätherischer Öle wie beispielsweise Carvacrol (Oregano-Öl) werden gezielt zur Therapie der Dünndarmschleimhaut eingesetzt, um das Milieu zu verbessern, Gärung zu verhindern und Candida sowie ein Leaky Gut-Syndrom zu behandeln.

 

Auf der anderen Seite weht ätherischen Ölen, welche zur innerlichen Therapie eingesetzt werden sollen, gerade aus der „Wissenschafts-Ecke“ ein strammer Gegenwind entgegen. Ein besonders heißes Thema, das auf viele Betroffene chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen angeht: Allergien.

 

Allerdings beziehen sich die Kritiken gegen ätherische Öle hauptsächlich gegen solche Öle, die in der Aromatherapie eingesetzt werden. Das sind zum Beispiel Lavendel, verschiedene Öle aus Zitrusfrüchten und „Cassia-Zimt“. Auch Kampfer und Pinen gelten als allergieauslösend.

 

Durch welche Eigenschaften werden ätherische Öle problematisch?

 

Grundsätzlich gilt: ätherische Öle zur innerlichen Anwendung sollten nicht allzu lange eingesetzt werden, maximal 2-4 Wochen. Dann sollte eine (längere) Pause gemacht werden. Ich möchte mich in diesem Blogbeitrag auf die innerliche Anwendung ätherischer Öle beschränken. Folgende ätherische Öle können aus verschiedenen Gründen problematisch werden:

 

1.     Öle mit hohem Ketongehalt

 

Dazu zählen: Raute, Wermut, Beifuß, Thuja, Ysop, Schopflavendel. Sie wirken wie ein Nervengift und können abtreibend wirken.

 

2.     Phenolhaltige ätherische Öle

 

Sie wirken nicht nur antibakteriell und antiviral, sondern können langfristig auch die Leber angreifen. Dazu gehören auch Öle wie Thymol und Carvacrol sowie Nelkenöl. Für sie gilt: Sie dürfen nur eine Zeit lang eingenommen werden, meist nur etwa 10-14 Tage, keinesfalls länger als vier Wochen.

 

3.     Allergieauslösende Öle

 

Dazu zählen die folgenden Öle (Quelle: zitiert von Jean Pütz, s.u.):  Baldrian, Basilikum, Benzoe, Jasmin, Kamille, Kiefer, Lorbeer, Pfefferminze, Orange, Teebaum, Thymian, Ylang- Ylang, Zitrone, Melisse, Lemongras, alle Nadelöle.

 

Bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen mit Allergien in der Vorgeschichte möglichst nicht einsetzen!

 

Wovon hängt es ab, ob ätherische Öle innerlich in der Therapie chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen eingesetzt werden können (wenn die Indikation es vorsieht) bzw. keinesfalls eingesetzt werden sollten? Meiner Beobachtung nach hängt dies von mehreren Faktoren ab:

 

Wie dominant ist der Vagus?

 

Je nachdem, wie dominant der Vagus ist, sollte man sehr vorsichtig sein mit ätherischen Ölen: je stärker der Vagus arbeitet, umso weniger sicher sind die Öle, da sie den Vagus allesamt reizen. Einen starken Vagus bemerkt man an folgenden Symptomen:

 

·      Plötzliches Hungergefühl

 

·      öfter auftretende Übelkeit

 

·      leicht auszulösender Brechreiz

 

·   Schwindel, Ohren sausen und Blutdruckabfall, die zu bestimmten Gelegenheiten plötzlich auftreten (beispielsweise bei Stress)

 

·    Symptome wie lautet Darmgeräusche, Blähungen oder sogar Stuhldrang schon kurze Zeit nach einer Mahlzeit

 

·      Verschlimmerung aller Symptome bei Wärme und Hitze, nachlassen bei kalter Witterung

 

·      Venenleiden, Venenklappeninsuffizienz

 

·    Sehr starke und unmittelbare Reaktionen des Bauches auf den Genuss von Zucker, Alkohol, aber gelegentlich auch Nikotin und Koffein

 

Dominanz / Einseitigkeit des Immunsystems

 

Ist im Immunsystem der humorale Anteil dominant (Th2-Weg) oder der zelluläre Anteil (Th1-Weg)? Wenn Ersteres der Fall ist, ist der Einsatz von ätherischen Ölen eher nicht empfehlenswert. Denn in diesem Fall sind alle möglichen allergischen Reaktionen nicht auszuschließen.

 

Wie groß sind die Störungen der Darmflora im Verhältnis zu den Symptomen?

 

Manche Personen haben nur geringe Veränderungen der Darmflora, aber heftige Symptome. Bei ihnen empfehle ich nichts den Einsatz ätherischer Öle, da das darmassoziierte Nervensystem in diesem Fall zusätzlich gereizt sein könnte. Wenn eine Candida-Infektion oder eine deutliche Entgleisung der Bakterienflora des Darms einen Einsatz von ätherischen Ölen innerlich rechtfertigen (nach strenger Indikationsstellung wegen der oben genannten anderen Faktoren), können diese zeitlich befristet gegeben werden.

 

Gehen sämtliche Beschwerden tatsächlich vom Darm aus?

 

In manchen Fällen haben erkrankte oder gestörte Organe eine Fernwirkung auf den Darm. In der Naturheilkunde sprechen wir von einem so genannten Herdgeschehen. In solchen Fällen ist eine Therapie mit ätherischen Ölen im speziellen, aber pflanzlichen Wirkstoffen im Allgemeinen relativ ineffizient. Pflanzliche Wirkstoffe können hier nur Symptome lindern, jedoch muss der Herd saniert werden.

 

Fazit? Es ist im Grunde genommen egal, in welchem Bereich der Naturheilkunde man arbeitet. Man wird Gründe für den Einsatz bestimmter Substanzen finden, aber auch dagegen. Pro und contra sind individuell nach der Anamnese unterschiedlich zu gewichten. Gerade bei chronisch-entzündlichen Erkrankungen des Verdauungstrakts sollten ätherische Öle mit viel Vorsicht eingesetzt werden. Insbesondere dann, wenn in der Vorgeschichte eine Allergie oder Atopie bestand!

 

Quellen:

 

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26319955

https://blog.kettleandfire.com/leaky-gut-supplements/

https://novafeel.de/gesund/aetherische-oele.htm

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3821880/

http://www.webmd.com/vitamins-supplements/ingredientmono-644-oregano.aspx?activeingredientid=644

https://www.jean-puetz-produkte.de/news/gefaehrliche-aetherische-oele.php

 

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