Interessante Meta-Studie zum Thema Depressionen, Crohn & Colitis

Diese Frage stelle ich mir als Heilpraktiker ziemlich oft: „warum jetzt erst?“

 

Gemeint ist natürlich: warum beschäftigt sich die wissenschaftliche Medizin jetzt erst mit Themen, die für uns Anhänger der Naturheilkunde vor 20 oder 30 Jahren interessant waren? Liegt es daran, dass nach intensiver Forschung immer noch ausreichend genaue biochemische Erklärungen für das Phänomen chronisch-entzündliche Darmerkrankungen fehlen?

 

Man wird ja mal fragen dürfen…

 

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Morbus Crohn, Colitis ulcerosa und Depression?

 

Gerade vor wenigen Tagen erst ist der Artikel auf einer Seite namens „IBD news today“ erschienen: verglichen wurden elf Studien miteinander, die einen Zusammenhang zwischen Morbus Crohn und Depressionen sowie Colitis ulcerosa und Depressionen finden sollen. Genauer gesagt: Macht es einen Unterschied für den Verlauf der Erkrankung, ob der Patient depressiv ist oder nicht?

 

Etwa zweimal so viele Patienten mit einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung wie Gesunde sind von Depression betroffen. Da kann man sich natürlich wieder einmal die berühmte „Henne-oder-Ei-Frage“ stellen. Was war zuerst da?

 

Nun, meine Meinung ist: wenn Betroffene chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen zweimal so häufig an Depressionen leiden wie darmgesunde Mitmenschen, steht anzunehmen, dass die chronisch-entzündliche Darmerkrankung eher vor der Depression da war. Es ist logisch: schlechtes Befinden in einem Körperteil, über das man nicht gerne spricht, das (immer noch) tabu ist, erzeugt negative Gefühle.

 

Aber dann gibt es da natürlich auch noch die andere Variante: nämlich, dass bestimmte Nährstoffmängel besonders bei Crohn negativ in den Hormonhaushalt eingreifen und so indirekt zu einer Depression führen, auch bekannt als „endogene Depression“.

 

Ich denke, beides ist möglich und es liegt beides von Patient zu Patient in unterschiedlichen Anteilen vor.

 

Aber jetzt kommen wir zu der eigentlich spannenden Frage:

 

Wirkt sich eine bestehende Depression auf den Verlauf der Erkrankungen aus?

 

Und hier kommt die englische Meta-Studie zu einem ganz eindeutigen Ergebnis: wenn der Patient an Colitis ulcerosa leidet, macht es keinen signifikanten Unterschied, ob zusätzlich eine Depression besteht oder nicht: der Verlauf der Erkrankung wird von der Depression nicht beeinflusst - jedenfalls nicht wissenschaftlich und statistisch signifikant.

 

Ganz anders sieht es aber bei Morbus Crohn aus. Liegt bei dieser Erkrankung eine Depression vor, wird das weitere Befinden sogar ganz erheblich von der Stimmung beeinflusst. Die Katze beißt sich in den Schwanz, sozusagen.

 

Ein Teufelskreislauf: Depressionen und Morbus Crohn

 

Es ist im Grunde genommen egal, ob man das Problem über die psychosomatische Sichtweise oder über die organisch-stoffliche Seite angeht: wer sich psychisch schlecht fühlt, wird auch seine Darmsymptome langfristig verschlechtern, was wiederum das psychische Befinden verschlechtert. Wenn die organische Variante dominant ist und schlicht und ergreifend Nährstoffe fehlen, um Hormone wie DHEA, Serotonin oder Dopamin zu synthetisieren, wird eine Verschlimmerung der Darmsymptome die bestehende Depression ebenfalls verschärfen wie bei der psychosomatischen Variante. Wenn es einem schlecht ergeht, fühlt man sich auch schlechter.

 

Von allen Medikamenten hilft häufig Kortison am besten

 

Patienten, die Kortison längerfristig einnehmen oder eingenommen haben, können ein Lied davon singen: Kortison macht unruhig, aufgedreht und verschlechtert den Schlaf. Es hemmt dabei auch die Entzündung. Das Stresshormon moduliert beide Eigenschaften gleichermaßen. Es unterscheidet sich damit von anderen Immunsuppressiva, die nur die Entzündung hemmen. Ich habe den Eindruck, dass Kortison zumindest kurzfristig bei Patienten mit Stimmungsschwankungen oder Depressionen in Kombination mit Morbus Crohn besser hilft als beispielsweise Azathioprin oder Mesalazin.

 

Daher versuche ich in diesem Fall auch therapeutisch gesehen immer die Nebennierenrinde zu stärken. Auf der anderen Seite versuche ich auch, die Nährstoffaufnahme im Darm zu verbessern. Mit dieser Kombination lässt sich zumindest theoretisch der langfristige Verlauf positiv beeinflussen. Da dies natürlich nicht immer klappt, bewege ich meine Patienten dazu, „Schübe“ durchaus mit Kortison einzudämmen – auch wenn bereits ein Immunsuppressivum genommen wird.

 

Die positive Korrelation Morbus Crohn – Depression spricht mehr für die organische Variante

 

Bei Morbus Crohn sind eine verminderte Nährstoffaufnahme bzw. Nährstoffmangelzustände wesentlich wahrscheinlicher als bei Colitis ulcerosa, bei der mehr ein Nährstoffverlust (Kalium, Eisen, weitere Salze, Spurenelemente v.A.) im Vordergrund steht. Daher könnte es durchaus sein, dass die Hormonsynthese bei Morbus Crohn ebenfalls stärker kompromittiert ist als bei Colitis ulcerosa.

 

Ich möchte natürlich keine Behauptungen aufstellen, die ich nicht beweisen kann. Fakt ist aber: eine endogene Depression ist überwiegend bis ausschließlich das „Produkt“ organischer Veränderungen. Daher gehe ich gerade bei Morbus Crohn, bei der sich in der Folge eine Depression einstellt, zu 80-90 % von einer „endogenen“ Depression aus – wobei psychische Probleme allerdings auslösende Faktoren darstellen können!

 

Quelle:

 

https://ibdnewstoday.com/2017/06/12/depression-may-influence-progression-crohns-disease-review-study-finds/

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Mahmud Blaumeiser (Mittwoch, 28 Juni 2017 10:35)

    Sehr geehrter Herr Ulmicher,

    vielen Dank auch für diesen Artikel, doch leider empfinde ich diesen als zu kurz gegriffen:

    Nun zunächst möchte ich einmal deutlich darauf hinweisen, das Depressionen weit mehr sind als schlechte Gefühle.

    Und ich wage es zu bezweifeln, das jemand der noch nie eine Depression hatte, es nachempfinden kann, was Depression bedeutet. Naja, das gilt sicherlich für viele andere Krankheiten auch, inkl. CED und MS.
    Sollte Sie das Thema Depression interessieren, würde ich ihnen die Schriften von Ortwin Meiss empfehlen, gerade hier seine Unterscheidung zwischen Depression und Burnout.
    Gemeinsam für Burnout und Depression (in Anlehnung an O.Meiss) sind ein schlechtes "return on Investment" in Beziehungen.
    Bedenkt man dann auch noch, das viele Menschen, die von Autoimmunerkrankung betroffen sind, oft ein Bindungs-Trauma erlebt haben...

    Spannend ist auch wieder die Henne-Ei-Frage, viel wichtiger wäre doch zu schauen, was den Betroffenen hilft, aus dem Kreis des erregten Nervensystems, Entzündung und Depression herauszukommen.
    Aber vielleicht können Sie mir ja dabei helfen, zu ergründen warum es so wichtig ist, zu wissen, das erst die CED da war und nicht die Depression oder die Neigung eine Depression zu entwickeln.

    Nun, sicherlich, dort wo Stoffe, wie u.a. Tryptophan nicht angemessen zugeführt werden (können), kann sicherlich (auch) ein Serotoninmangel entstehen, augenmerklich sollte jedoch auch folgende Betrachtung sein:
    Ein Serotoninmangel fürhrt nicht unweigerlich in eine Depression.

    Vergessen sollte man bei dieser Betrachtung auch nicht den Tryptophan->Serotonin/Melatonin Stoffwechsel bzw. den Tryptophan->Kynurenin Stoffwechsel, gerade unter der Betrachtung von TH1-dominanten
    Entzündungen.

    Für Ihre Aufmerksamkeit bedanke ich mich im Voraus und freue mich, wenn Sie mir die eine oder andere Zeile als Antwort zukommen lassen.

    Herzlichen Dank
    Ihr Mahmud Blaumeiser

  • #2

    Andreas Ulmicher (Mittwoch, 28 Juni 2017 19:29)

    Sehr geehrte Frau Blaumeiser,

    In diesem Punkt gebe ich Ihnen natürlich recht: Depression ist mehr als nur "sich schlecht fühlen". Ich weiß nicht wieso, in den englischen Original-Artikeln hatte es den Eindruck, als ob hier Depression mit depressiver Verstimmung verwechselt wurde. Aber man kann dieses Thema auch sicherlich nicht erschöpfend in einem Blogartikel behandeln. Das wäre eher ein Thema für ein E-Book oder ein richtiges Buch.

    Ich mache in jedem Fall darauf aufmerksam, dass die Darmentzündung oft schon sehr lange "da" ist, bevor überhaupt konkrete Symptome am Darm bemerkbar sind wie Schleim- oder Blutauflagen, Bauchschmerzen oder Durchfall. Diese Krankheiten verharren sehr lange in Latenz, weswegen die Depression bzw. die depressive Verstimmung (!) LANGE VOR den ersten konkreten Darmsymptomen auftreten kann, aber dennoch der Darm die Ursache für die Depression ist - weil eben schon lange etwas im Busch ist und eventuell entweder Nährstoffe nicht richtig aufgenommen werden können oder bestimmte Darmbakterien Nerven irritierende Substanzen absondern, die von der Darmschleimhaut nicht aufgehalten werden können.

    Ich kann zum Beispiel von mir selbst mit einiger Sicherheit sagen, dass ich die Darmentzündung schon drei Jahre hatte, bevor sie diagnostiziert wurde - rückblickend betrachtet.

    Herzliche Grüße,
    Andreas Ulmicher