Therapie chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen: wie wäre es mit GEDULD?

Ja, ich weiß, ich weiß (stellen Sie sich an dieser Stelle ein Seufzen vor): in einem Blog, der über chronisch-entzündliche Darmerkrankungen informiert, sollte regelmäßig etwas Nützliches stehen, was Erkrankte „weiterbringt“.

 

Doch in letzter Zeit beobachte ich eine für mich leider traurige Tendenz:

 

Patienten, die gerade erst frisch zur Behandlung waren und wo die erste Behandlung erst einige Tage her ist, schreiben mir eine Mail oder rufen mich an mit der Frage: „wann wirkt denn das endlich?“

 

Ich schreibe so etwas nicht gern, aber es muss auch mal sein:

 

Morbus Crohn und Colitis ulcerosa sind schwerwiegende Krankheiten. Und die Betroffenen, die bei mir eines Tages anklopfen, sind zu 80% austherapiert. Ja, ich wiederhole: AUSTHERAPIERT - und zwar sowohl von medizinischer als auch von naturheilkundlicher Seite! Deswegen werde ich in diesem Blogeintrag nicht darüber schreiben, welche wertvollen Heil- und Hilfsmittel die Natur zu bieten hat, um Kortison zu ersetzen oder Schlimmeres (Infliximab?), sondern ich werde einfach mal an Ihre Einstellung appellieren:

 

Ist es normal, dass sich bei einer schweren, chronischen Erkrankung alle Beschwerden nach wenigen Tagen wunderbarer Weise in Luft auflösen?

 

Wenn Sie und ich sich dieser Frage einfach mal mit dem gesunden Menschenverstand nähern, werden sowohl Sie als auch ich sie wahrscheinlich mit „nein“ beantworten. Daran ändert auch ein Therapeut nichts, der sich täglich mit diesen Krankheiten auseinandersetzt und womöglich auch noch selbst betroffen ist. Im Gegenteil: eben genau ein solcher Therapeut wird aus eigener Erfahrung heraus eher auf dem Teppich bleiben.

 

Als ich seinerzeit, vor mittlerweile genau 20 Jahren und nach zahlreichen Streitereien mit Ärzten begonnen habe, mich mit der Möglichkeit einer Heilung zu beschäftigen, habe ich quasi bei Null angefangen. Mein Ausgangspunkt war schlicht und ergreifend der: „so kann das nicht weitergehen!“

 

Also habe ich, genauso wie viele Betroffene dies heute immer noch tun, gesucht. Und nein, ich habe nicht alles auf einmal gefunden. Ich habe mit Sicherheit auch heute noch nicht „alles gefunden“.

 

Ein Jahr nach meinem letzten großen Morbus Crohn-Schub (in 1997) habe ich mich im tiefen Tal der Tränen befunden: immerhin waren es Tränen der Entgiftung. Anderthalb Jahre nach meinem letzten großen Morbus Crohn-Schub hatte ich den ersten, festen und (fast) geruchfreien Stuhlgang. Zweieinhalb Jahre (!) Nach meinem letzten großen Morbus Crohn-Schub habe ich angefangen zuzunehmen und schließlich mein Normalgewicht erreicht. Ich hatte zu dieser Zeit immer noch einmal Ekzeme und Fissuren im Analbereich. Die sind ein Jahr später komplett verheilt (und nie wieder gekommen).

 

Das macht in simpler Mathematik zusammen dreieinhalb Jahre – von Beginn bis Ende. Seither hatte ich nie wieder Entzündungszeichen im Darm, kein Blut im Stuhl, keinen Schleim…und wenn ich eine „Magen-Darm-Grippe“ bekomme, habe ich zwei, drei Tage lang Durchfalls wie jeder andere auch. Und wenn ich wegen etwas übertrieben nervös bin, habe ich leichte Reizdarm-Erscheinungen. Bei einer Spiegelung einige Jahre später - ich glaube es war 2003 - hat mir ein Arzt bestätigt, dass mein Darm „vollkommen entzündungsfrei, als wäre nie etwas gewesen“ war.

 

Noch ein wenig später habe ich dazu gelernt, dass bestimmte Dinge, die einem helfen, dem anderen schaden und umgekehrt. D.h., es ist in der Naturheilkunde nicht anders als in der Medizin auch: es gibt kein Konzept, das allen hilft. Es gibt nebenbei auch keinen Therapeuten, der allen helfen kann. Auch ich nicht.

 

Auch ich freue mich natürlich, wenn jemand schnelle Erfolge hat…

 

Um Missverständnissen vorzubeugen: natürlich habe ich auch Patienten, die gleich mit der ersten Behandlung einen gewaltigen Satz nach vorne machen. Sich bedeutend besser fühlen. Aber das ist nicht die Regel. Auch für mich gilt: um die richtigen Knöpfe im Körper drücken zu können, muss ich Sie erst einmal finden. Abgesehen davon sollte man sich von schnellen Erfolgen auch nicht blenden lassen: wenn am Ende des Tunnels tatsächlich Gesundheit - oder von mir aus eine „anhaltende Vollremission“ (Selbsthilfegruppen-Jargon) steht oder stehen soll: der Weg bis dahin ist lang, hart und steinig. Rückschläge sind quasi vorprogrammiert.

 

Die hatte ich übrigens auch, und reichlich.

 

An der Wand hinter meinem Schreibtisch in meiner Praxis habe ich einen schönen Spruch stehen: „belohnt wird nicht der, der beginnt - sondern der, der durchhält!“

 

Sie werden auch nicht von heute auf morgen reich, oder schlank, oder begehrenswert, oder ein Kung-Fu-Großmeister, oder ein göttlicher Tänzer, begnadeter Musiker oder Profi-Rennfahrer.

 

All diese Dinge brauchen (viel!) GEDULD. Und es ist ja nicht so, dass nicht viele anfangen, nach solchen Eigenschaften oder Fähigkeiten zu streben. Es ist nur so, dass viele zwar motiviert anfangen, aber nach dem ersten Rückschlag ebenso frustriert wieder aufgeben.

 

Und genauso ist es mit der Therapie einer chronischen Krankheit.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0