Lösen Immunsuppressiva immer eine Infektanfälligkeit aus?

Das menschliche Immunsystem ist eine äußerst komplexe Sache. Und wenn man sich einmal genauer mit dieser Thematik auseinandersetzt, kann man bestimmte gesundheitliche Probleme nicht allein auf eine „Überaktivität“ oder „Schwäche“ des Immunsystems reduzieren. Die tatsächlichen Vorgänge im Stoffwechsel sind nämlich wesentlich komplizierter, als es den Anschein hat.

 

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen häufig mit Immunsuppressiva therapiert

 

In der Forschung etabliert sich mittlerweile zunehmend die Erkenntnis, dass zu Erkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa mehr gehört als eine „Autoimmunreaktion“. Barrierestörungen, Einseitigkeiten im Immunsystem und sogar eine Immunschwäche werden als mögliche Auslöser diskutiert.

 

Wahrscheinlich war diese Entwicklung notwendig, da sich mittlerweile herausgestellt hat, dass man mit den klassischen Immunsuppressiva nur einem eher kleinen Teil der Patienten helfen kann - vor allen Dingen langfristig. Die erwünschten Effekte einer immunsuppressiven Therapie - die Hemmung der Entzündung mit all ihren Folgen - lassen sich nur an etwa der Hälfte aller Patienten realisieren. Und nicht selten werde ich von Betroffenen der Erkrankung angesprochen: „ich habe ständig Infekte - hängt das mit den Immunsuppressiva zusammen?“

 

Immunsuppressiva und häufige Infekte - nicht immer besteht ein Zusammenhang

 

Bis vor wenigen Jahren war dies der allgemeine Konsens: eine erhöhte Infektanfälligkeit ist der Preis, den man für die Hemmung der Entzündung zu zahlen hat. Jedoch habe ich in der Zwischenzeit auch einige völlig andere Erfahrungen mit Patienten, die Immunsuppressiva erhalten, gemacht. So hatte ich beispielsweise erst vor ein paar Wochen die äußerst erstaunliche Aussage, dass ein Patient seit der Einnahme von Azathioprin „eigentlich überhaupt keine Infekte mehr hat, obwohl er vor der Erkrankung mindestens drei bis viermal pro Jahr erkältet war“.

 

Nach der Anamnese sind andere Einflüsse mit ziemlicher Sicherheit auszuschließen gewesen.

 

Jedoch: dass Patienten mit Beginn einer (wie auch immer gearteten) immunsuppressiven Therapie eher weniger Infekte als vorher an sich registrieren, beobachte ich durchaus häufiger.

 

Erkältungen und banale Infekte - Überläufer oder Retter?

 

„Der menschliche Stoffwechsel ist keine Einbahnstraße!“ - Das sage ich Patienten immer, wenn sie mich fragen, warum etwas bei Bekannten hilft und bei ihnen nicht. In der Praxis können sich infolge einer immunsuppressiven Therapie tatsächlich sowohl eine Häufung von Infekten als auch eine Reduktion einstellen. Es gibt dafür verschiedene Gründe. Der vielleicht wichtigste ist: man kann sich auch mit einem Virus infizieren, ohne dass sich dieses aufgrund von Symptomen zeigt. Dies ist im Übrigen nicht ganz unproblematisch. Zeigen die Symptome beispielsweise wie Fieber, Schnupfen, Schwitzen, Abgeschlagenheit usw. ja, dass sich der Organismus mit der Infektion auseinandersetzt. Vor einigen Jahren hieß es im „Focus“, dass es durchaus als positiv anzusehen ist, wenn man Erkältungssymptome bekommt.

 

Die Betroffenen mögen das anders sehen, vor allen Dingen, wenn sich ein Infekt an den nächsten reiht. Auf der anderen Seite allerdings habe ich in meinen ganzen Praxisjahren viele Menschen mit ausgesprochener Infektanfälligkeit kennen gelernt, die mehr oder weniger ständig Infekte hatten - dafür allerdings nichts anderes.

 

Ich möchte an dieser Stelle nicht zu weit ausholen: ich sehe Erkältungen aus naturheilkundlicher Perspektive als eine Art Entlastungsreaktion, unter anderem auf die vielen verschiedenen Formen von körperlichem und psychischem Stress. Sozusagen eine Art erzwungene Ruhe oder ein Ausgleich.

 

Überreaktion, Schwäche - oder vielleicht Einseitigkeit?

 

Die meisten Immunsuppressiva unterdrücken nicht das gesamte Immunsystem, sondern verschieben es. So ist beispielsweise von Kortisonpräparaten bekannt, dass es nicht das komplette Immunsystem unterdrückt, sondern die zelluläre Abwehr im Verhältnis stärker als die humorale Abwehr (Th1-vermittelte Immunreaktion bzw. Th2-vermittelte Abwehr). Eine interessante, schon etwas ältere Studie vergleicht die Häufigkeit verschiedener so genannter Zytokine einer zellulären Abwehrreaktion von Crohn-Patienten mit und ohne immunsuppressive Therapie im Verhältnis zu gesunden Personen.

 

Die so genannten „CD3+“-Zellen, die die fraglichen Immunbotenstoffe (IFN-γ sowie IL-2) produzierten, waren anteilsmäßig bei den Crohn-Patienten grundsätzlich niedriger als bei den gesunden Vergleichspersonen. Interessanterweise waren die Mittelwerte der Verteilung dieser Zellen bei einer Therapie mit Cortison oder Mesalazin (Salofalk, Claversal) aber näher an denen der gesunden Vergleichspersonen, bei einer Therapie mit Azathioprin jedoch noch geringer als bei den Crohn-Patienten, die dieses Immunsuppressivum nicht erhielten.

 

Der Verständlichkeit wegen noch einmal kurz zusammengefasst:

 

Der Anteil der CD3+ Zellen war bei gesunden Personen hoch, mit nur geringer Varianz. Bei Morbus Crohn-Patienten war er deutlich niedriger, mit höherer Varianz. Bei Morbus Crohn Patienten, die entweder mit Mesalazin oder mit Cortison therapiert wurden, lag er zwischen den beiden Werten – allerdings mit noch höherer Varianz.

 

Bei Patienten, die Azathioprin erhielten, war der Durchschnitt des Anteils der CD3+ Zellen noch niedriger, mit einer noch höheren Varianz. Die Varianz drückt hierbei den Unterschied zwischen der niedrigsten und der höchsten registrierten Zahl von CD3+ Zellen aus.

 

Die erwähnten Zytokine IFN-γ sowie IL-2 sind Botenstoffe der zellulären Abwehr (Th1).

 

Virusinfekte regen weitgehend die zelluläre Abwehr, also Th1-vermittelte Abwehr an. Sobald eine Therapie mit Immunsuppressiva ins Spiel kommt, variiert der relative Anteil der CD3+ Zellen viel stärker als ohne immunsuppressive Therapie - und zwar unabhängig von der Art des Immunsuppressivums. Das erklärt, warum sich bei einigen Personen unter Kortison, Azathioprin etc. eine ungewöhnliche Infektabwehrschwäche einstellt, während eine andere Person unter der gleichen Therapie scheinbar überhaupt keine Infekte mehr entwickelt!

 

Wir haben es also hier mit Einseitigkeiten zu tun, die von einer immunsuppressiven Therapie sehr stark in beide Richtungen beeinflusst werden können. Ein weiteres Beispiel dafür, dass es im Leben eben doch nicht nur schwarz oder weiß gibt!

 

Sagen Infekte etwas über den therapeutischen Erfolg aus?

 

Ich argumentiere natürlich aus Sicht eines Heilpraktikers. Bitte verzeihen Sie mir also, wenn mein Weltbild aus dieser Perspektive eventuell etwas unvollständig ist.

 

In der naturheilkundlichen bzw. ganzheitlichen Therapie „benutze“ ich andere Schleimhäute (fast ausschließlich die der oberen Atemwege), um die Entzündungs- und Abwehrreaktion im Darm zu entlasten. Ich teile meinen Patienten öfter mit: „bitte wundern Sie sich nicht, wenn nach Einnahme der Arznei sich plötzlich ein Schnupfen einstellt oder die Nase verstärkt läuft!“

 

Nach meinen bisherigen Erkenntnissen und Erfahrungen kann eine Th1-dominante chronische Entzündung im Bereich der Verdauungsorgane sehr häufig über die Erscheinungen eines Schnupfens entlastet werden. Das beobachte ich besonders bei „Lymphatikern“ (Personen mit einer blauen Iris).

 

Bei einer medizinischen Standardtherapie habe ich hingegen andere Beobachtungen gemacht: da ein Immunsuppressivum ja unabhängig von seiner therapeutischen Wirkung auch eine gewisse Belastung für den Organismus darstellt, sucht sich dieser häufiger eine Art von Ventil zur Entlastung. In diesem Sinne kann sich sogar ein chronischer Schnupfen einstellen, oder aber eine verstärkte Infektanfälligkeit. Diese Infektanfälligkeit stellt sich unabhängig davon ein, ob die therapeutischen Ziele mit dem Immunsuppressivum erreicht werden oder nicht.

 

Auf der anderen Seite kommt es durchaus häufiger vor, dass besonders ausgerechnet mit Azathioprin und Cortison die übliche Frequenz von Infekten stark unterdrückt wird. Ich hatte schon Patienten in meiner Praxis, die mir mitgeteilt haben, dass sie seit Beginn der immunsuppressiven Therapie keinen einzigen Schnupfen bzw. Infekt mehr hatten.

 

Ich denke, dass Einseitigkeiten in jede Richtung potenziell gefährlich sind und ausgeglichen werden sollten. Das betrifft die chronische „Dauerschnupfennase“ ebenso wie die Leute, die „niemals“ einen Infekt bekommen. Wenn ich Letzteren in der Therapie erst einmal „eine ordentliche Erkältung verpasse“, verbessern sich im Zuge der Therapie häufig entzündliche Reaktionen an anderen Körperteilen. Verallgemeinern kann und will ich dies allerdings nicht.

 

Auf der anderen Seite sehe ich eine Gefahr darin, wenn Patienten infolge einer immunsuppressiven Therapie „keine Infekte mehr bekommen“. In diesem Fall sind nicht nur Entzündungs- und Abwehrreaktionen blockiert, sondern auch normale Entlastungsreaktionen. Zwar müsste man in diesem Zusammenhang die langfristige Entwicklung über zehn oder 20 Jahre hinweg betrachten, und dazu fehlen mir dann doch noch die Erfahrungen. Aber das Immunsystem wird sich rächen, wenn es über einen sehr langen Zeitraum bei seiner Arbeit blockiert wird.

 

Quellen:

 

http://www.uccs.edu/Documents/rmelamed/elenkov_2004.pdf

 

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1906156/

 

http://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/erkaeltung/symptome/tid-16946/die-positive-seite-von-erkaeltungen-wie-husten-und-schnupfen-das-immunsystem-ankurbeln_aid_472990.html

 

 

 

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