Crohn, Colitis und die Steinzeit-Diät: wann und wie kann sie helfen?

Falls Sie an einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen leiden und sich nach alternativen Heilmethoden umschauen, werden Sie beinahe zwangsläufig irgendwann über die „Steinzeit-Diät“, auch „Paläo-Ernährung“ genannt, stolpern. Um dies gleich vorweg zu nehmen: ich bin kein großer Anhänger der Steinzeit-Diät. Ich bin der Meinung: Morbus Crohn und Colitis ulcerosa sind komplexe und vielschichtige Erkrankungen mit einer Kombination mehrerer verschiedener Ursachen, die von Person zu Person in unterschiedlichen Anteilen am Krankheitsprozess beteiligt sind.

 

Aus diesem Grund denke ich nicht, dass es einen einzigen Ansatz in der Ernährung, in der medizinischen Therapie oder auch in der naturheilkundlichen Therapie gibt, der allen Erkrankten gleichermaßen hilft.

 

Was ist die Steinzeit-Diät oder Paläo-Ernährung?

 

Die Philosophie, die hinter der Steinzeit-Diät steckt, geht davon aus, dass der Mensch nicht genug Zeit hatte, sich genetisch eine Ernährung mittels Feldfrüchten aus Ackerbau (zum Beispiel Getreide und Kartoffeln) bzw. den Produkten der Viehwirtschaft (Milchprodukte) anzupassen. Ackerbau und Viehwirtschaft etablierten sich vor etwa 10.000 - 7.000 Jahren. Evolutionsbiologisch ist das eine recht kurze Zeitspanne.

 

Diese Unverträglichkeit umfasst natürlich erst recht moderne Nahrungsmittel, die erst seit einem Jahrhundert oder weniger eine Rolle spielen. Nach der Steinzeit-Diät sind folgende Nahrungsmittel nicht erlaubt:

 

  • Zucker (im Prinzip alles, was man streuen kann) Anm.: Fruchtzucker aus natürlichen Quellen ist in geringer bis moderater Menge erlaubt, sprich: Beerenobst ist gut, Mango oder Bananen sind eher grenzwertig! Fruchtsäfte sind No-Go!
  • Getreide: mehr oder weniger alles, was damit zu tun hat. Auch stärkereiche Feldfrüchte wie Kartoffeln, aber auch der Reis, der Mais und die Hirse gehören dazu, ja sogar Quinoa – erst recht natürlich alles, was daraus hergestellt wird
  • Hülsenfrüchte zählen auch dazu, obwohl eiweißreich: also, verabschieden Sie sich von Soja, Erbsen, Linsen, Erdnüssen, Bohnen, Kichererbsen, Lupinen und Platterbsen! – und allen Produkten, die daraus hergestellt werden!
  • Pflanzenöle – sie sind bei Paläo-Ernährung nicht erlaubt!
  • Milchprodukte sind grenzwertig, aber da die Milchwirtschaft kein Paläo-Thema ist bzw. war, werden Sie auch gestrichen
  • Künstliche Süßstoffe sind selbstverständlich auch verboten - und da bin ich weiß Gott nicht böse drum. Das gleiche trifft aber uneingeschränkt auf E-Nummern zu, sofern diese nicht vollkommen natürlich (wie etwa Ascorbinsäure) sind. Damit fallen schon einmal sehr viele Nahrungsmittel, die in irgendeiner Weise industriell verarbeitet sind, hinten runter
  • Genussmittel wie Kaffee und Alkohol stehen auch auf der Verbotsliste!

 

Wenn Sie mit der Darmerkrankung Morbus Crohn schon ein bisschen vertraut sind und wissen, dass leicht verdauliche Nahrungsmittel wie Stärke (zum Beispiel Kartoffeln und Reis) Ihren Darm am wenigsten zu belasten scheinen, wird Sie diese Verbotsliste sicherlich nicht glücklich machen.

 

Woran liegt es aber, dass zumindest einige Patienten doch gute Erfolge mit dieser Ernährung aufweisen?

 

Das ist gut an der Steinzeit-Diät für den Darm und fürs Immunsystem:

 

1.     Verarbeitete und gehärtete Fette werden ausgeschlossen

 

Manche Fette sind gut für den Organismus, andere nicht. Der gesundheitliche Wert von gehärteten Pflanzenfetten und –Ölen, Margarine, aber vor allen Dingen erhitzten Pflanzenfetten und –Ölen ist mehr als zweifelhaft. Der Organismus benötigt ungesättigte Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren und Omega-6-Fettsäuren) in einem bestimmten Verhältnis, idealerweise eins zu eins. Die meisten Pflanzenöle liefern zu viele Omega-6-Fettsäuren, was Entzündungen fördert. So genannte „Transfettsäuren“ (stark erhitzte und / oder stark verarbeitete Pflanzenfette) können die Darmschleimhaut schädigen und zu einem Leaky Gut Syndrom führen, was die Darmfunktion einschränkt und die Nährstoffaufnahme behindert. Diese Faktoren verstärken eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung und werden mit der Steinzeit-Diät eliminiert.

 

2.     Beruhigung eines gereizten darmassoziierten Nervensystems „ohne Zucker“

 

Zucker, egal in welcher Form, reizt das darmassoziierte Nervensystem (auch enterisches Nervensystem oder kurz „ENS“ genannt). Die meisten Morbus Crohn-Patienten reagieren beim Verzehr von Zucker mit verstärktem Durchfall. Da die Steinzeit-Diät Zucker - bis auf geringe Mengen an natürlichem Fruchtzucker - aus der Ernährung verbannt, wird der gereizte Darm über diesen Faktor ein Stück weit beruhigt.

 

 3.     Allgemein verbesserte Nährstoffaufnahme

 

Die Steinzeit-Diät reduziert „leere Kalorien“ und schafft ein besseres Verhältnis von Kalorien zu Vitalstoffen. Auf diese Weise werden mehr Antioxidantien aufgenommen. Antioxidantien neutralisieren die Auswirkungen sowohl von psychischem Stress als auch von oxidativem Stress im Körper. Denken Sie beispielsweise an Zink! Zink ist ein äußerst wichtiges Spurenelement für Personen mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, ebenso wie Selen. Sowohl diese, als auch andere Mikronährstoffe sowie Aminosäuren werden bei einer Steinzeit-Diät besser aufgenommen.

 

4.     Fett für die Bauch-Hirn-Achse

 

Die reichliche Aufnahme ausgewogener und unverarbeiteter Fette „versorgt“ die Nervenzellen sowohl im Darm als auch im Gehirn, koordiniert sie, wirkt ausgleichend. Dadurch funktioniert die Kommunikation zwischen Darm und Gehirn bedeutend besser. Zur Erinnerung: der Darm sendet etwa zehnmal so viele Informationen an das Gehirn wie umgekehrt! Dadurch werden auch relevante Nervenbotenstoffe / Hormone koordiniert, die sich ausgleichend auf eine Reizung des ENS (siehe oben) auswirken.

 

5.     „Viszerales Fett“ wird abgebaut - ein Faktor zur Reduktion von Entzündungen

 

Die meisten Morbus Crohn-Patienten sind ja eher mager. Aber hier geht es (ausnahmsweise) einmal um Fett, das man nicht sieht. So genanntes viszerales Fett ist nicht unbedingt in Form eines vergrößerten Bauch- oder Hüftumfangs zu sehen. Auch sehr magere Personen können einen erhöhten Anteil an viszeralem Fett haben. Und diese Art von Fett fördert Entzündungen im Körper. Durch eine Steinzeit-Diät wird diese Form von Fett mittelfristig effektiv abgebaut.

 

Meine Meinung dazu: das ist das, was die Steinzeit-Diät idealerweise mit Ihrem Darm und Ihrem Stoffwechsel tun sollte. Tatsächlich aber wirken diese Mechanismen nur theoretisch. In der Praxis gibt es viele Hindernisse, die sich auf die Ergebnisse durch eine Ernährungsumstellung auswirken können. So kann der Darm zum Beispiel nicht in der Lage sein, die Mikronährstoffe trotz des verbesserten Verhältnisses zwischen Ihnen und den Kalorien aufzunehmen. Zweitens kann der Mangel an energieliefernden Kohlehydraten zumindest vorübergehend Stoffwechselstress verstärken. Drittens sind die pflanzlichen Nahrungsquellen bei der Steinzeit-Diät oft sehr ballaststoffreich, was zu einer weiteren Irritation der Darmschleimhaut führen kann. Nicht unterschätzen sollte man auch ein weiteres Argument: auf der Suche nach „mehr Energie“ könnte es beim Fleisch bzw. Eiweiß schnell des Guten zu viel werden. Nicht verdautes Eiweiß aber führt im Dickdarm zu Fäulnis, einer Veränderung der Darmflora und eventuell einem sekundären Entzündungsherd neben den bereits entzündeten Arealen des Dünndarms.

 

Wie Sie also sehen: es ist nicht ganz so einfach, wie es scheint. Die Steinzeit-Diät ist nicht für jeden Patienten mit einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung in jeder Situation hilfreich, sondern kann nur unter bestimmten Bedingungen eine positive Wirkung entfalten. Lesen Sie in diesem Artikel die Gründe, warum eine Steinzeit-Diät bei Morbus Crohn (und Colitis ulcerosa) auch einigen Schaden anrichten kann!

 

Quellen für diesen Artikel:

 

https://paleoleap.com/how-to-get-your-digestion-adjusted-to-paleo/

 

https://paleoleap.com/you-and-your-gut-flora/

 

http://thepaleodiet.com/mind-your-microbes-gut-health/

 

http://particle.scitech.org.au/food/paleo-diet-good-us/

 

http://www.huffingtonpost.ca/jason-tetro/paleo-diet-microbiome_b_5380713.html

 

http://paleogrubs.com/benefits-of-the-paleo-diet

 

http://www.paleodietevolved.com/benefits-of-the-paleo-diet.html#.WRFqbzekLtw

 

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