Vitamin D - Dosierungen bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa: gibt es Unterschiede?

 

 

 

Ich möchte an dieser Stelle noch einmal meinen Blogeintrag vom März 2014 aufgreifen: „Morbus Crohn - helfen "Mega-Dosen" von Vitamin D besser als eine normale Dosierung?“

 

Erfolge mit „Mega-Dosen“ wurden mir bisher immer nur von Crohn-Patienten berichtet…

 

Man soll das ja nicht verallgemeinern. Als Heilpraktiker mit einem Patientenstamm von vielleicht einigen 100 Patienten kann ich nur sehr begrenzt statistische Aussagen über die Wirkung beispielsweise von Vitaminen oder andere Nahrungsergänzungen treffen. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass auch der ein-oder andere Colitis-ulcerosa-Patient schon positive Erfahrungen mit sehr hohen Dosen von Vitamin D gemacht hat.

 

Aber: berichtet wurden mir Erfolge mit enorm hohen Dosierungen von Vitamin D (ab 20.000 internationalen Einheiten täglich aufwärts) bisher nur von Morbus Crohn-Patienten.

 

Ich beschäftige mich schon eine Weile mit der Rolle der humoralen und zellulären Abwehr bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen und anderen chronischen Entzündungen, also der Vermittlung mittels einer Th1- oder Th2-Dominanz. Irgendwann habe ich mir dann mal die Frage gestellt: gibt es Unterschiede in der idealen Dosierung von Vitamin D je nachdem, ob T-Helferzellen vom Typ 1 oder vom Typ 2 dominant sind? Oder treffen eventuell die großartigen Behandlungserfolge mit „Mega-Dosen“ von Vitamin D nur auf einen dieser beiden Typen zu?

 

Verteilung von Th1- und Th2-Dominanz bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa

 

Th1-Dominanz bedeutet: T-Helferzellen vom Typ 1 sind relativ gesehen in der Mehrzahl, die zelluläre Abwehr ist dominant. Dies ist von Vorteil bei Infekten und bei Krebs. Bleibt jedoch nach der Bereinigung eines Infekts diese Dominanz bestehen, führt dies zu chronischen Symptomen. Morbus Crohn ist – vermutlich mit großer Mehrheit von ca. 80-90% - durch eine Th1-Dominanz gekennzeichnet.

 

Th2-Dominanz bedeutet: T-Helferzellen vom Typ 2 sind relativ gesehen in der Mehrzahl, die humorale Abwehr ist dominant. Dies ist bei Vergiftungen, oxidativem Stress und Belastung mit Schadstoffen / Antigenen von Vorteil. Durch die medizinische Bekämpfung eines Infekts, z.B. mit Antibiotika, eine (oder mehrere) umweltmedizinische Belastungen mit Schwermetallen, mit Feinstaub oder aber durch übertriebene Hygiene ist diese Form der Abwehr dominant. Die Folge ist eine so genannte Atopie. Meiner Beobachtung nach trifft dies auf etwa 60% der Colitis-ulcerosa-Patienten zu. Ich möchte allerdings dazu sagen, dass meine persönliche Datenlage noch nicht ausreichend ist. Ich würde die Anzahl der „Atopiker“ unter meinen Colitis-Patienten jedoch in jedem Falle auf mehr als die Hälfte schätzen.

 

Was macht Vitamin D mit dem Verhältnis von Th1 zu Th2?

 

In einer Studie über die Wirkung von Vitamin D auf das Immunsystem wird es, einigermaßen verständlich formuliert, so ausgedrückt: Vitamin D besetzt die Rezeptoren in bestimmten Zellen des Immunsystems und veranlasst diese, mittels Signalproteinen, die DNA zu kopieren und regt damit die Zellteilung an.

 

Dabei regt es diese Zellen auch an, so genannte „antimikrobielle Peptide“ zu produzieren, beispielsweise Cathelicidin und Beta-Defensine. Auf diese Weise wird das unspezifische bzw. angeborene Immunsystem gestärkt, während das erworbene bzw. spezifische Immunsystem gedämpft wird. Vitamin D balanciert auf diese Weise entzündliche und entzündungshemmende Faktoren.

 

Vitamin D – kann es im Einzelfall zu unerwünschter Immunsuppression führen?

 

Eine erstaunliche, neue Hypothese ist, dass Vitamin D ausgerechnet auf diesem Weg zu einer unerwünschten Unterdrückung des Immunsystems führen kann. Wenn Bakterien sich in Zellen „einnisten“, um vor Angriffen des Immunsystems oder Antibiotika geschützt zu sein, sind die Vitamin D-Rezeptoren in diesen Zellen blockiert. Der Organismus versucht dies zu kompensieren, indem er aus dem aus Sonnenlicht, Nahrung oder Nahrungsergänzung gewonnenen Vitamin D den Vitamin D-Metaboliten 1,25(OH)2D herstellt. Ein Paradoxon stellt sich ein: obwohl eigentlich „zu viel Vitamin D“ im Körper ist, ergibt sich bei einer Bestimmung der Serumkonzentration „zu wenig Vitamin D“ (!). Eine Unterdrückung des Immunsystems und chronische Entzündung ist die Folge.

 

Eine Art Stellungskrieg oder eine Patt-Situation stellt sich ein: es werden beständig entzündungsfördernde Botenstoffe ausgeschüttet, um die Mikroben, die sich auf verschiedene Arten den bekämpfenden Mechanismen entziehen, doch noch zu vernichten. Das Resultat ist eine chronische Entzündung. Bei der bakteriellen Entzündung oder eventuell auch durch Bakterientoxine vermittelte Symptome (!) kann eine hohe Dosierung von Vitamin D als Nahrungsergänzung also kontraindiziert sein!

 

Ich habe schon öfter einmal die Aussage gehört: „ich merke nichts - egal ob ich viel, wenig oder gar kein Vitamin D nehme“. Das ist eine so völlig andere Erfahrung als die, die mir auch in meinem Blog von 2014 von Crohn-Patienten berichtet wurde.

 

Th1 oder Th2? – Was wird von Vitamin D reguliert?

 

Bereits gegen Anfang des neuen Jahrtausends wurden im Mausmodell verschiedene Untersuchungen mit VDR-KO-Mäusen im Verhältnis zur Wildform der Mäuse in Bezug auf den Vitamin D-Stoffwechsel durchgeführt. Das Ergebnis ist – erstaunlicherweise  - dass Vitamin D die Immunantwort so ähnlich wie Cortisol zu regeln scheint: es fördert die Th2-vermittelte Antwort und dämpft die Th1-vermittelte Antwort. Für die Praxis würde das bedeuten, dass hohe Dosierungen dieses Vitamins bei einer Th1-Dominanz sehr gut funktionieren, bei einer Th2-Dominanz eventuell sogar kontraindiziert sind.

 

Auf der anderen Seite gibt es aber auch Hinweise darauf, dass Vitamin D eine exzessive Th2-Dominanz zu dämpfen vermag. Dies trifft besonders auf den Zustand der Eosinophilie zu, die sich ja auch bei Colitis ulcerosa häufiger während bestimmter Stadien der Krankheit findet.

 

Weitere widersprüchliche Aussagen betreffen den Vitamin D-Status von Schwangeren und die Versorgung mit diesem Vitamin bei Neugeborenen und kleinen Kindern. Während sich ein optimaler Vitamin D-Status bei Schwangeren positiv auf die Gesundheit der Säuglinge in Bezug auf eine Atopie (Asthma, Neurodermitis, Allergien = Th2-Dominanz) auswirkte, führte eine regelmäßige Versorgung der Kinder in den ersten Lebensjahren mit Vitamin D nicht zu einer solchen Verbesserung.

 

Vorläufiges Fazit: während die entzündungshemmende Wirkung von Vitamin D bei Th1-dominanten Erkrankungen ziemlich sicher belegt ist, wirft die Anwendung dieses Vitamins bei Th2-Dominanz Fragen auf. Zumindest einen positiven Effekt hat Vitamin D aber in beiden Fällen: es regt die Bildung von regulatorischen T-Helferzellen an, die - wie der Name schon sagt - regulierend auf die Anzahl von Th1- und Th2-Zellen wirkt.

 

Meine Empfehlung: durchaus einmal die Dominanz der T-Helferzellen Labor medizinisch abklären lassen, zum Beispiel beim Institut für medizinische Diagnostik Berlin. Bei einer Th1-Dominanz spricht nichts dagegen, kurzfristig einmal eine hohe Dosis von 20.000 Einheiten oder mehr pro Tag zu verwenden. Einige Tage können bereits einen Unterschied machen, und das Vergiftungsrisiko ist in dieser kurzen Zeitspanne sehr gering. Bei einer Th2-Dominanz empfiehlt es sich eher, bei moderaten Dosierungen (1.000 bis höchstens 5.000 internationalen Einheiten pro Tag) zu bleiben. Bei Morbus Crohn ist eine Th1-Dominanz wesentlich wahrscheinlicher als bei Colitis ulcerosa.

 

Quellen:

 

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4979151/

 

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4160567/figure/Fig3/

 

https://www.thepaleomom.com/3254/

 

https://books.google.de/books?id=pyK2iDVWxfwC&pg=PA1010&lpg=PA1010&dq=Vitamin+D+dosage+Th1+dominance&source=bl&ots=VchLnJaqcK&sig=0EcvV4mIs0IY5yei3EU30vbiEyE&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwifg4yhh7rTAhWMEVAKHWueCXsQ6AEISzAF#v=onepage&q=Vitamin%20D%20dosage%20Th1%20dominance&f=false

 

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4160567/

 

https://selfhacked.com/2014/06/16/supplements-foods-exercise-right-type-th1-vs-th2-dominance/

 

 

 

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