Der Darmversteher, Teil 6: das darmassoziierte Nervensystem

Es ist im Verhältnis zur Forschung an der Darmflora oder am „Mikrobiom“ eher ein Stiefkind: das darmassoziierte Nervensystem, auch enterisches Nervensystem genannt, mit seinen Nervenbotenstoffen und Hormonen. Aber sein Zustand ist vor allen Dingen bei Umweltmedizinern und auch manchen Heilpraktikern Dreh- und Angelpunkt in der Therapie.

 

Das darmassoziierte Nervensystem ist die regelnde Instanz, die graue Eminenz im Hintergrund. Ohne es wirklich zu verstehen, bemerken wir sehr viel davon: nämlich wenn es darum geht, wie wir uns fühlen.

 

Die Wissenschaft spricht vom Bauchhirn…

 

Wenn wir nach gegenwärtigen medizinisch-wissenschaftlichen Erkenntnissen gehen, haben wir ein Gehirn im Kopf und ein weiteres im Bauch. Außerdem hat es sich erstaunlicherweise herausgestellt, dass das „Bauchhirn“ offensichtlich mehr zu sagen hat als das „Kopfhirn“. Denn in der Kommunikation zwischen diesen beiden sendet der Darm ungefähr zehnmal so viele Nachrichten an den Kopf wie umgekehrt. Das ist sehr beeindruckend, läuft aber unbewusst ab.

 

Bewusst merken wir eigentlich nur, wie wir uns fühlen. Das darmassoziierte Nervensystem arbeitet mit den gleichen Hormonen wie der Kopf - und mit einer Vielzahl von Nervenbotenstoffen, die teilweise von der Darmflora produziert werden. Das ist übrigens mit ein Grund, warum mittlerweile Probiotika designt werden, die z.B. gegen Depression wirken sollen. Wie dem auch sei: ohne eine korrekte Funktion des darmassoziierten Nervensystems kann sich langfristig keine gesunde Darmflora halten und das „gute Bauchgefühl“ kann sich ebenso nicht einstellen. Was das bedeutet, bemerken vor allen Dingen Reizdarmpatienten.

 

Der Reizdarm und das darmassoziierte Nervensystem

 

Der Reizdarm ist eine Motilitätsstörung und hat nicht etwa in erster Linie mit der Peristaltik, sondern mit dem darmassoziierten Nervensystem zu tun. Das ist nämlich entweder überreizt oder geschwächt. Diese Reizung oder Schwächung wiederum ist die Ursache dafür, dass der Patient mit Reizdarm viele Nahrungsmittel nicht so recht verträgt - und das auch ohne eine Enzymschwäche oder eine Entzündung im Darm zu haben.

 

Während das intakte darmassoziierte Nervensystem je nach „Säurereiz“ (zum Beispiel als Folge des Verzehrs von Zucker oder Früchten) die Darmbewegung vernünftig und in geregelten Bahnen koordiniert, fällt der Darm bei bestehendem Reizdarm mit einem zusätzlichen „Säurereiz“ komplett aus der Rolle: er reagiert sozusagen über. Es kommt zu heftigen Blähungen, möglicherweise Darmkrämpfen, Bauchschmerzen und Durchfall. Das ist ein Grund, warum gerade bei Reizdarmsyndrom die so genannte „FODMAPS“ Diät empfohlen wird: sie nimmt den Säurereiz durch Gärungsprozesse im Dickdarm weg. Der Darm kann sich beruhigen. Das funktioniert erstaunlich oft, was mittlerweile sogar die Wissenschaft bestätigt hat!

 

Das bedeutet aber nicht, dass gärende Nahrungsmittel an sich für einen Reizdarmpatienten schädlich sind. Es bedeutet lediglich, dass die Darmnerven zu sensibel auf die Säure reagieren.

 

Dazu kommt, dass sich der Reizdarm-Patient oft nicht sonderlich wohl in seiner Haut fühlt - auch unabhängig von Darmsymptomen übrigens - und ein Zusammenhang zwischen Depressionen bzw. depressiver Verstimmung und Reizdarm ist mittlerweile wissenschaftlich dokumentiert. Reizdarm-Patienten leiden relativ gesehen häufiger an Depressionen.

 

Darmassoziiertes Nervensystem aus dem Takt: was sind die Ursachen?

 

Wenn die Magen-Darm-Funktionen auch ohne eine organische Krankheit oder Entzündung aus dem Takt geraten, spricht man von Motilitätsstörung. Mittlerweile sollen mehr als 10 Millionen Deutsche von Reizdarmsyndrom betroffen sein. Ich denke, es ist ein Mix aus verschiedenen Ursachen, der schließlich zu einer solchen Erkrankung führt. Das gilt natürlich nicht nur für Reizdarm, sondern auch für andere Motilitätsstörungen, die fast immer entweder mit einer Störung der Darmflora oder einer Art von „Vergiftung“ des darmassoziierten Nervensystems zusammenhängen.

 

Das darmassoziierte Nervensystem kann beispielsweise durch nicht ausgeheilte Infekte, Lebensmittelvergiftungen, Nahrungsmittelzusatzstoffe, große Mengen an Zucker, hormonähnliche Substanzen (beispielsweise in Haarspray, in Kosmetika etc.), natürlich durch Medikamente, aber sogar durch technische Strahlung gereizt, erschöpft oder sogar vergiftet sein.

 

Eine weitere Rolle spielen Verschiebungen und Blockaden in der Wirbelsäule, von denen ebenfalls funktionelle Störungen des Magen-Darm-Trakts ausgehen können. Sie entstehen häufig durch langes Sitzen.

 

Das Darmnervensystem normalisieren: viel Geduld ist gefragt

 

Wenn Patienten Probleme mit den Darm haben – aber auch Probleme mit Gefühlen, Stimmung, Energie, Konzentrationsvermögen etc. – und nicht recht auf andere Therapiemaßnahmen wie beispielsweise Probiotika ansprechen, muss man immer an eine Überreizung, Belastung oder Vergiftung des darmassoziierten Nervensystems denken.

 

Mit der Wirkung des darmassoziierten Nervensystems und seiner Rolle und seinem Einfluss auf das Gehirn ist so etwas wie eine politische Idealvorstellung verwirklicht: alle Gewalt geht vom Volke aus. Denn der „Vorstand“ – das Gehirn – scheint doch recht viel von dem zu halten, was „da unten“ (im Darm) entschieden wird. Hingegen scheint der Darm / das Volk relativ unabhängig von den Entscheidungen des Gehirns / des Vorstandes zu sein.

 

Da unsere Gesellschaft dummerweise sehr kopflastig ist und es weitestgehend verlernt hat, auf den Bauch zu hören (dass das in der Politik nicht anders ist, sieht man aktuell mit der jüngsten Entwicklung, dass populistische Parteien immer mehr Zulauf erhalten), neigen wir dazu, die liebevollen Hinweise unseres Bauchs bzw. Darms zu ignorieren, etwas weniger zu arbeiten, etwas vernünftiger und weniger zu essen und uns eventuell mehr zu bewegen und zu entspannen.

 

Kein Wunder, dass in unserer Gesellschaft die Probleme und Folgen von Stress in all seinen Facetten so verbreitet sind und dass auf der anderen Seite der Bauch bei vielen Menschen mittlerweile lautstark nach Beachtung verlangt!

 

Sehen wir den Bauch bzw. den Darm als Symbol für das Volk: wenn der Kopf / das Gehirn (die politische Elite) den Willen des Bauchs / des Volkes so konsequent ignoriert, wie das aktuell in beiden Fällen unserer kleinen Metapher der Fall ist, macht der Bauch / das Volk irgendwann lautstark auf sich aufmerksam.

 

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