Der Darmversteher, Teil 4: das darmassoziierte Immunsystem

Die Forschung konzentriert sich sehr auf die Darmflora, oder das Mikrobiom. Und natürlich ist das Mikrobiom ein Teil des darmassoziierten Immunsystems. In diesem Blogartikel möchte ich allerdings über den anderen Teil sprechen.

 

Der Dickdarm und der Dünndarm sind, was die Besiedelung mit Darmbakterien angeht, völlig unterschiedlich. Relativ gesehen zum Dickdarm ist der Dünndarm nur sehr spärlich mit Darmbakterien besiedelt. Es sind einige wenige (wobei die Formulierung „einige wenige“ relativ zu sehen ist - absolut gesehen handelt es sich um Milliarden von Individuen!) Enterokokken und Lactobazillen, die ihm Dünndarm ihr Wesen treiben. Die Darmbakterien sind sehr stark selektiert.

 

Diese Welt, in der die eigentliche Verdauung stattfindet und das Immunsystem permanent, 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche zwischen „gut“ (Nährstoffe) und „böse“ (Antigene) unterscheiden muss, ist wie der Hochsicherheitstrakt eines Labors oder einer Firma. Zugang haben nur einige, wenige, „selektierte“ Individuen. Die einfachen Arbeiter (die Darmbakterien des Dickdarms!) Sind im Idealfall von der Bauhin’schen Klappe von diesem „Hochsicherheitstrakt“ ausgeschlossen.

 

Im Dünndarmbereich herrschen eigentlich paradiesische Zustände: normalerweise könnte die Darmflora sich hier ungehemmt ausbreiten und vermehren. Die Bedingungen sind einfach ideal: der pH-Wert ist nahezu neutral, Nährstoffe sind in Hülle und Fülle vorhanden. Die Magensäure mit ihrem wirklich „keimfeindlichen“ pH-Wert tötet erstaunlicherweise nur gut die Hälfte aller Mikroorganismen ab, die über die Nahrung Zutritt in den Verdauungstrakt finden.

 

Verschiedene Mechanismen im Dünndarm begrenzen die Anzahl der Darmbakterien

 

dass sich aufgrund dieser idealen Umstände die Darmflora nicht hemmungslos vermehrt und ausbreitet, dafür sorgen verschiedene Regelsysteme, die Teile des darmassoziierten lymphatischen Systems sind (aus dem Englischen „GALT“: „Gut associated lymphatic tisse“). Dies sind:

 

Die Peyer’schen Plaques: Spezialisierte Abwehrzentren, die einen Erreger oder einen Schadstoff mithilfe von unspezifischen sowie spezifischen Immunzellen „abfangen“ und unschädlich machen.

 

Die Lamina Propria: Hier entsteht „sekretorisches IgA, das wie eine Art „Stacheldrahtzaun“ die Darmschleimhaut vor dem Übertritt von Schadstoffen beschützt.

 

Das Defensin-System: dieses Abwehrsystem ist so eine Art von Chemiefabrik, am Grunde der Dünndarmzotten, wo durch die Paneth-Zellen eine Art von körpereigenen Antibiotika hergestellt wird. Diese sorgen dafür, dass sich Darmbakterien im letzten Dünndarmabschnitt nicht allzu hemmungslos ausbreiten.

 

Seit etwa zehn Jahren führen einige Forscher die Darmerkrankung Morbus Crohn, die ja besonders häufig den letzten Dünndarmabschnitt betrifft, auf eine Fehlfunktion dieser Zellen zurück. Es überleben mehr Bakterien, als der Darmschleimhaut gut tut. Diese Bakterien reizen mit ihren Stoffwechselprodukten fortwährend die Darmschleimhaut und führen so bei entsprechender Disposition zu Entzündungen.

 

Insgesamt verfügen die Darmschleimhaut sowie das darmassoziierte lymphatischen System über eine Kampfsport-Schule, einen Stacheldrahtzaun und eine Chemiefabrik. Wären einzelne Darmbakterien Menschen, wäre die Kombination aus diesen drei Abwehrmechanismen sicherlich mehr als ausreichend, diese Individuen gehörig zu verschrecken.

 

Aus diesem Grund ist die „Dichte“ an Darmbakterien trotz der eigentlich im Dünndarm viel besseren Lebensbedingungen gegenüber dem Dickdarm um den Faktor 10.000 reduziert.

 

Probleme mit einer Fehlbesiedelung des Dünndarms

 

Dass alles so ganz anders sein kann, zeigt SIBO. SIBO ist eine Abkürzung für „Small Intestinal Bacterial Overgrowth“, was so viel bedeutet wie „Überwucherung des Dünndarms mit Bakterien aus dem Dickdarm“.

 

Solch eine Überwucherung hat mehrere Gründe. Neben der Schwäche eines der drei Abwehrsysteme des Dünndarms gehören noch eine gestörte Motilität (z.B. Stagnation oder Rückwärtsbewegung des Speisebreis im Darm) und eine operative Entfernung oder Durchlässigkeit der Bauhin-Klappe zu den möglichen Ursachen.

 

Das ist keine gute Aussicht für Morbus Crohn-Patienten, die häufig an diesen Problemen zu leiden haben - entweder einzeln oder in Kombination.

 

Ich bespreche öfter mit Morbus Crohn-Patienten in diesem Zusammenhang die Wirksamkeit der konventionellen medikamentösen Therapie, beispielsweise von Immunsuppressiva, Kortison und Biologika.

 

In einzelnen, wenigen Fällen verschlechtern diese Medikamente nämlich die Symptome erheblich, statt sie - wie gewünscht - zu lindern. Wenn die Beschwerden sich hartnäckig auf den letzten Dünndarmabschnitt konzentrieren und Immunsuppressiva das Befinden eher verschlechtern, sollte man in erster Linie an zwei verschiedene Probleme denken: das erste Problem ist der Verlust von Gallensäure (Gallensäure wird im letzten Dünndarmabschnitt durch bestimmte Darmbakterien rückresorbierbar gemacht und im weiteren Verlauf des Darms „recycelt“) oder ein SIBO - eine Überwucherung der Dünndarmschleimhaut durch Darmbakterien, die eigentlich nicht dorthin gehören. Mittlerweile gibt es Vorstöße einiger Arzneimittelhersteller, so ein SIBO zu behandeln.

 

Der Dünndarm ist ein wichtiger und sensibler Bereich, und wird bei all unseren (berechtigten) Bemühungen um das Mikrobiom und seine Bedeutung gerne ein bisschen vernachlässigt bzw. übersehen. Hier ist keine Vielfalt trumpf, sondern es ist das störanfällige Gleichgewicht zwischen den wenigen, speziellen Arten und dem darmassoziierten lymphatischen System. Es sorgt dafür, dass im Dünndarm sowohl Nährstoffe als auch Schadstoffe / Antigene richtig „erkannt“ und zugeordnet werden – und dass der Darm gleichzeitig Nützliches aufnimmt und schädliches (so gut es geht) abweist.

 

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