Der Darmversteher, Teil 3: Peristaltik und Motilität

„Verstehen Sie Darm?“ - In diesem Kapitel geht es um den kleinen Unterschied. Der Speisebrei wird mittels der Peristaltik durch den Darm transportiert bzw. auch durchmischt. Man unterscheidet verschiedene Formen der Peristaltik: die Durchmischung, die vorwärts- und rückwärtsgerichtete Peristaltik.

 

Daneben gibt es noch einen weiteren Begriff, der die Bewegung des Darms beschreibt: den der Motilität. Diese Begriffe sind zwar sehr eng miteinander verzahnt, es gibt aber gewisse Unterschiede. Sie werden sicherlich da oder dort eine andere Definition für diese beiden Begriffe finden. Ich nehme diesbezüglich auch nicht die allein seligmachende Weisheit für mich in Anspruch. Der Begriff Motilität bedeutet sinngemäß in etwa so viel wie „Befähigung zur Bewegung“.

 

Ich würde diesen Begriff nicht einsetzen, wenn es um den aktuellen Zustand der Darmbewegung geht - also das, was jetzt gerade im Bauch vor sich geht. Dabei handelt es sich aus meiner Sicht um Peristaltik.

 

Peristaltik und Motilität - was sind die Unterschiede?

 

Wie gesagt, so ohne weiteres sind die beiden Begriffe nicht streng voneinander zu trennen. Peristaltik ist das, was aktuell im Darm vor sich geht. Motilität ist das, wozu der Darm insgesamt fähig ist. Dass dies nicht ein- und dasselbe ist, möchte ich an folgendem Beispiel erklären:

 

So ist zum Beispiel oft davon die Rede, dass Vollkornprodukte die Motilität steigern. Nach der oben genannten Definition ist dies so nicht ganz korrekt. Vollkornprodukte beschleunigen die Peristaltik, wirken sich aber individuell unterschiedlich auf die Motilität aus.

 

Vollkornprodukte haben biologisch gesehen einige positive Eigenschaften. Sie enthalten unlösliche Ballaststoffe, die die Darmschleimhaut mechanisch reizen und außerdem dafür sorgen, dass der Stuhlgang mehr Wasser enthält. Durch diese beiden Eigenschaften regen Vollkornprodukte die Peristaltik an.

 

Gleichzeitig haben sie biologisch gesehen auch einige ungünstige Eigenschaften, die sich jedoch individuell (zum Beispiel aufgrund des Stoffwechseltyps) unterschiedlich auswirken. Zum Beispiel enthalten sie Phytinsäure. Dies sorgt dafür, dass bestimmter Mineralstoffe und Spurenelemente nicht so gut aufgenommen werden können. Der größte Anteil an Phytinsäure steckt in der Kleie. Wenn aber den Körper Mineralstoffe und Spurenelemente fehlen bzw. verloren gehen, ist zumindest in den westlichen Industrienationen mittel- bis langfristig nicht so sehr der absolute Mangel, sondern eher eine ungleiche Verteilung von Mineralstoffen und Spurenelemente im Körper das Problem. Relative Mangelzustände etwa an Kalium, Magnesium oder Calcium bergen in sich für den Organismus ein nicht unerhebliches Stresspotenzial.

 

Und mit dem Stress ist das so eine Sache. Er legt sich eher lähmend auf die glatte Muskulatur, beispielsweise die des Darms. Er sorgt auch für eine graduell verschlechtere Durchblutung der Schleimhäute. Und hier kommt der Begriff der Motilität schließlich ins Spiel.

 

Stress (egal welcher Art!) wirkt sich negativ auf die Motilität des Darms aus. So ist es zwar richtig, dass Vollkornprodukte die Peristaltik anregen, individuell von der Ausgangslage, vom Stoffwechseltyp und vom vegetativen Nervensystem her längerfristig die Motilität aber schwächen können. Ich beobachte das bei Personen, die sich verzweifelt wegen einer hartnäckigen Verstopfung an mich wenden: vorher haben diesen Menschen Ärzte und Ernährungsberater gleichermaßen zu „mehr Vollkornprodukten“ geraten - wodurch sich der Zustand leider immer weiter verschärft hat.

 

Ich habe solchen Personen bereits häufiger empfohlen, einmal Getreide komplett aus der Ernährung zu verbannen und stattdessen fermentierte Nahrungsmittel zu sich zu nehmen. Mit dem Weglassen des Getreides verschwand die Verstopfung oft wunderbarerweise binnen einer Woche.

 

Natürlich kann man dieses Beispiel nicht verallgemeinern.

 

Ich finde es genauso blödsinnig, Vollkornprodukte im Besonderen oder Getreide im Allgemeinen generell zu verteufeln. Es gibt genügend Menschen, die sich mit einer Ernährung, die Vollkornprodukte enthält, sehr wohl fühlen. Hier kommen viele individuelle Faktoren ins Spiel.

 

Also noch einmal: Peristaltik ist die aktuelle Darmbewegung.

Motilität ist die aufgrund einer Kombination verschiedener Umstände mögliche Darmbewegung.

 

Beides ist nicht immer ein- und dasselbe.

 

Wenn ich jemandem ein Abführmittel gebe oder von mir aus auch einen „probiotischen Joghurt“, dann kann er trotz einer allgemein schwachen Motilität aufgrund der akuten Reizung trotzdem (kurzfristig) Durchfall bekommen.

 

Eine optimale Darmmotilität ist für die langfristige Gesundheit des Darms sehr wichtig

 

Beim Reizdarmsyndrom spricht man von einer Motilitätsstörung. Obwohl das Reizdarmsyndrom als eine funktionelle Erkrankung gilt, kann die Motilitätsstörung mittel- bis langfristig subtile organische Veränderungen hervorrufen (siehe auch mein Kapitel über das Reizdarmsyndrom!). Die fünf Säulen der Darmgesundheit, Enzymsystem, Darmbewegung, Darmflora, darmassoziiertes Immunsystem und enterisches Nervensystem regulieren sich kontinuierlich gegenseitig. So wirken das Enzymsystem und das enterische Nervensystem sowie die Darmflora direkt, das darmassoziierte Immunsystem indirekt auf die Darmbewegung ein.

 

Umgekehrt kann eine gestörte Motilität des Darms mittel- bis langfristig die Ursache für eine Veränderung der Darmflora sein. Überhaupt treten die Darmflora und die Motilität in Wechselwirkung: beide Faktoren beeinflussen sich sehr gut gegenseitig. Kommen negative Umwelteinflüsse hinzu, beeinflussen sich beide entsprechend negativ und treten zusammen mit allen anderen Faktoren in negative Wechselwirkung miteinander.

 

Deswegen ist es manchmal schwierig, die Ursachen für eine gestörte Darmmotilität therapeutisch zu brechen. Geht die Störung nämlich vom darmassoziierten Nervensystem aus, wird eine Darmsanierung mit medizinischen Probiotika zumindest kurz- und mittelfristig bestenfalls Teilerfolge bringen. Wenn auch noch tiefgreifende Nervengifte („Neurotoxine“) mit im Spiel sind, wird es noch schwieriger.

 

Ernährung beeinflusst kurzfristig die Peristaltik und langfristig die Motilität. Eine Mineralstoff- und enzymreiche Ernährung muss vom Darm auch optimal aufgenommen werden, damit sich der erwünschte positive und langfristig anregende Effekt auf die glatte Muskulatur der Hohlorgane einstellen kann. Ist dies nicht der Fall, kann sich selbst der hartgesottenste Rohköstler auf die Dauer eine Verstopfung, chronischen Durchfall oder – wahrscheinlicher – Motilitätsstörungen einhandeln.

 

Der Darm macht diesbezüglich viel mit - und vor allen Dingen über einen längeren Zeitraum. Doch wenn sich die negativen Auswirkungen einer bestimmten Ernährungsform durch chronische Veränderungen am Darm zeigen, sind sie auch nicht so schnell wieder rückgängig zu machen.

 

Dann braucht es viel Geduld. Von therapeutischer Seite her, aber natürlich auch von Patientenseite. Die Wiederherstellung der Darmgesundheit entpuppt sich durch das Ineinandergreifen der fünf Säulen der Darmgesundheit im wahrsten Sinne des Wortes häufig als Geduldsspiel.

 

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