Der Darmversteher, Teil 1: "Fünf Freunde sollt Ihr sein!"

Dieser Blogeintrag beginnt mit einer simplen Frage:

 

„Verstehen Sie Darm?“

 

Das ist nämlich die Basis dafür, zu begreifen, warum der „Zivilisationsdarm“ so unglaublich sensibel und Krankheitsanfällig geworden ist. In den letzten 30-40 Jahren hat sich der Darm zum Sorgenkind der modernen Medizin „gemausert“. Wenn die Medizin angesichts dieser Tatsache nach „genetischen Ursachen“ forscht, finde ich das immer ein bisschen lächerlich - zumindest zu hinterfragen.

 

Denn die Gen-Landschaft kann sich in 40 Jahren nicht so dramatisch verändert haben, um beispielsweise zu erklären, dass mittlerweile zwischen 7 und 10 Millionen Deutsche vom Reizdarmsyndrom betroffen sind und mindestens 320.000 Menschen mit einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung diagnostiziert worden sind. Selbst wenn dies der Fall wäre, müsste man die Gründe dafür hinterfragen (und landet automatisch wieder bei der Umweltmedizin).

 

Aber darauf will ich mit diesem Blogeintrag gar nicht hinaus.

 

Der Darm funktioniert einfach und ist äußerst kompliziert zugleich. Im Grunde genommen hat er zwei Aufgaben: Nährstoffe aufnehmen, Schadstoffe abwehren. Das ist der einfache Teil. Der schwierige Teil ist: um dies zu bewerkstelligen, greifen fünf ziemlich komplizierte Regelkreise ineinander und regulieren sich ständig gegenseitig, um auch unter gar nicht optimalen Bedingungen immer noch das bestmögliche für den „Besitzer“ des Darms herauszuholen. Es sind:

 

  • Das Enzymsystem
  • Die Peristaltik
  • Die Darmflora
  • Das darmassoziierte lymphatische System (GALT) und nicht zuletzt
  • Das darmassoziierte Nervensystem (das enterische Nervensystem)

 

Diese fünf Regelkreise kontrollieren, koordinieren und stabilisieren sich wechselseitig. Sie fangen im Normalfall das gröbste an Angriffen und Krisen ab, was den Darm und seinen Wirt gesundheitlich negativ beeinflussen könnte. Doch in den letzten Jahrzehnten sind uns schmerzhaft die Grenzen dieses Systems bewusst geworden: nämlich dadurch, dass immer mehr und immer jüngere Patienten mit Darmstörungen diagnostiziert werden. Da kann irgendwas nicht „rund laufen“, zumal junge Menschen von ihrem Stoffwechsel eigentlich „robuster“ sein sollten als ältere Personen.

 

Die fünf Systeme stehen mehr oder weniger gleichwertig nebeneinander

 

Seit ungefähr zehn Jahren wird – zunächst vereinzelt, in den letzten drei Jahren intensiv – am so genannten Mikrobiom geforscht. Das ist der moderne Begriff für „Darmflora“. Es scheint fast ein wenig, als ob das Mikrobiom das neue goldene Kalb der Medizin und der Mikrobiologie wäre.

 

Meiner subjektiven Meinung nach fallen dabei die vier anderen Regelkreise ein wenig hinten runter. Zwar ist es richtig, dass die Darmflora die vier anderen Regelkreise direkt oder indirekt beeinflussen kann. Dies trifft uneingeschränkt auf die vier anderen allerdings genauso zu. Einige Beispiele:

 

Bei einem versagenden Enzymsystem gelangen wesentlich mehr Nahrungsbestandteile unverdaut in den Dickdarm, wo die Konzentration der Darmflora am größten ist. Dadurch kommt es zu größeren pH-Wert-Schwankungen. Diese Bedingungen sind für ein gleichzeitig stabiles und gesundes Darmflora-Profil nicht so ideal. Bestimmte Bakterienstämme werden „ausgedünnt“, robustere Arten etablieren sich. Diese robusten Spezies sind allerdings opportunistisch. Das bedeutet so viel wie, dass sie unter schlechten ökologischen Bedingungen den Darm und seinen wird schädigen, beispielsweise eine örtlich begrenzte Entzündung provozieren.

 

Das gleiche kann auch bei einer Störung des darmassoziierten Nervensystems passieren. Peristaltik, Enzymsystem und die anderen Komponenten können zeitlich nicht mehr so gut aufeinander koordiniert werden. Auch dadurch wird die Verdauungskraft geschwächt. Diesen Zustand finden wir ursprünglich bei vielen Reizdarmpatienten. In der Folge (!) stellen sich Störungen der Darmflora und des darmassoziierten lymphatischen Systems ein.

 

Umgedreht hat natürlich die Darmflora ihren Einfluss auf die übrigen Komponenten

 

Eine ganz wichtige Komponente darunter: bestimmte Darmbakterien beeinflussen das vegetative Nervensystem. So ist beispielsweise von bestimmten Unterarten von Lactobacillus reuteri dokumentiert, dass diese unsere Stimmung verbessern können. Aber ich würde dazu nicht einmal einzelne Bakterienarten herausgreifen. Der Zustand unseres Mikrobioms insgesamt entscheidet zu erstaunlich großen Teilen über Sensibilität, Stabilität oder Labilität seines Wirts.

 

Aber wie heißt es so schön? „Der menschliche Stoffwechsel ist keine Einbahnstraße!“ Denn der Zustand des vegetativen Nervensystems und des darmassoziierten Nervensystems bewirkt eine Rückkopplung mit der Darmflora: sensible Personen empfinden subjektiv wesentlich früher Stress als robuste Menschen. Der Schleimhaut ist es im Prinzip egal, wie groß die objektive Stressbelastung ist. Sie reagiert auf subjektiv empfundenen Stress. Das gleiche gilt auch für das Enzymsystem. So wird die Verdauungsleistung unter Stress herabgesetzt – und zwar unter dem subjektiv empfundenen Stress, nicht dem tatsächlichen Stress! Eine verschlechterte Verdauung kann das Milieu verändern. So kann beispielsweise ein Teufelskreis entstehen, der nicht unerheblich zu den Zustand der endogenen Depression beiträgt.

 

Ich denke auch, dass man alle Überlegungen zum Thema Burnout-Syndrom noch einmal vor dem Hintergrund eines veränderten Enzymsystems, einer veränderten Darmflora und eines veränderten darmassoziierten Nervensystems stellen sollte.

 

Wenn dann auch noch entzündliche / immunologische Faktoren mit hinzu kommen, ist das Chaos perfekt und der Boden bereitet für eine Darmentzündung, die natürlich auch chronisch werden kann.

 

„Fünf Freunde“ arbeiten so gut es geht zusammen, um die optimale Darmfunktion zu ermöglichen

 

Bis ins Detail ist dies wahrscheinlich noch nicht erforscht. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass die fünf Komponenten der Darmtätigkeit - Peristaltik, Darmflora, darmassoziierte Immunsystem, Enzymsystem und darmassoziiertes Nervensystem - so zusammenarbeiten, dass selbst unter schlechten Bedingungen noch lange Zeit der Eindruck von Gesundheit aufrecht erhalten werden kann.

 

Nicht anders ist es nämlich zu erklären, dass viele Menschen mit ihrer Gesundheit insbesondere den Faktor Ernährung betreffend Schindluder treiben können und dabei relativ ungestraft bleiben.

 

Doch auch diese Medaille hat leider zwei Seiten:

 

Denn ist man erst einmal - auf welche Weise auch immer - sensibilisiert, reagiert der Darm viel empfindlicher nicht nur auf psychischen Stress, sondern auch auf Stress in Form aller möglichen Umwelteinflüsse. Das fängt mit allen möglichen Nahrungsmittelzusatzstoffen an und hört mit technischer Strahlung und langem Sitzen (eine der größten Gesundheitsgefahren!) noch lange nicht auf.

 

Schwermetallbelastungen, nicht ausgeheilte Infekte (unter chronischem Stress sehr häufig!) und Belastungen mit hormonähnlichen Substanzen kommen in der modernen Zeit noch hinzu. Die Anzahl der biologischen, chemischen und physikalischen Faktoren, die direkt oder indirekt auf die Darmfunktion Einfluss nehmen, ist nahezu unüberschaubar.

 

Unter diesem Aspekt ist es nicht verwunderlich, dass der Darm in den letzten Jahrzehnten so lautstark nach Beachtung verlangt.

 

Weiterlesen:

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Teil 6

 

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