Die Darmflora und Morbus Crohn (Teil 2)

Lesen Sie hier Teil 1

 

Oxidativer Stress sowie eine mehrfach-Belastung mit Antibiotika verursacht in aller Regel einen so genannten „Th 2-Shift“: das bedeutet, dass sich bei der Differenzierung von T-Helferzellen mehr Zellen vom Typ 2 als vom Typ 1 bilden.

 

Normalerweise besteht ein Gleichgewicht zwischen Th1- und Th2-Zellen: erst eine permanente Verschiebung dieses Gleichgewichts kann überhaupt dazu führen, dass sich eine Entzündung im Körper chronifiziert. Bei einem Th1-Überschuss überwiegt die „zelluläre“ Abwehr, es kommt eher zu organspezifischen Entzündungen. Bei einem Th2-Überschuss kommt es eher zu systemischen Entzündungen, hier überwiegt die humorale Abwehr.

 

Man kann die individuelle Ursache einer Entzündung nicht klar trennen. Zwar werden dem Th1-Zellen-Überschuss eher Autoimmunerkrankungen sowie den Th2-Zellen-Überschuss eher Allergien zugeordnet, aber nach diesem Schema lassen sich nicht unbedingt Krankheiten zuordnen.

 

Einen Hinweis gibt es allerdings: Th1-Zustände werden mehrheitlich bei Morbus Crohn gefunden, Th2-Shifts bei Colitis ulcerosa. An Ersteren sind in irgendeiner Weise (chronische) Infekte und Erreger eingebunden, eventuell ein Hinweis auf eine Infektabwehrschwäche – bei der sich z.B. Virusinfektionen chronifizieren können. Bei Th2-Zuständen hingegen ist der oxidative Stress das dominierende Element sowie der Verbrauch an Glutathion.

 

Beide Zustände werden zu einem Teil - aber nicht komplett - von der Darmflora gesteuert.

 

Die Darmflora bzw. das Mikrobiom kann durch subtile Zustandsänderungen (die nicht einmal die Dramatik eines Eingriffs mit Antibiotika oder anderen Medikamenten erreichen müssen!) In gewisser Weise dirigieren, wohin der Zug fährt - wenn Sie erst einmal in ihrer Gesamtheit aus dem Gleichgewicht geraten ist. Mit etwas Wissen über den Einfluss des Mikrobioms auf die Differenzierung der T-Helferzellen können die Bakterienarten identifiziert werden, deren Fehlen sich auf die Struktur der Schleimhaut (Leaky-Gut-Syndrom!), die Bereitstellung von sIgA, die Ausschüttung von Zytokinen, den Tumornekrosefaktor und so weiter auswirkt.

 

Und das betrifft erstaunlicherweise verschiedene Unterarten der am häufigsten vorkommenden Bakterienstämme im Darm: nämlich Laktobazillus und Bifidus.

 

Bakterienarten, die sich auf die T-Helferzellen-Differenzierung auswirken

 

So senken die Bakterienstämme bzw. Hefen Lactobacillus lactis, L. plantarum, L. helvetica, Saccharomyces boulardii, Bifidobacterium infantis, B. bifidum und B. breve Th1-Zell-Produktion, hingegen die Stämme Lactobacillus reuteri, L. salivarius, L. acidophilus, L. casei sowie Bifidobacterium longum Th2-dominante Zustände.

 

Dies sind natürlich nur einige Beispiele, die Forschung diesbezüglich ist sicherlich bei weitem nicht an ihrem Ende angelangt. Bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen denke ich jedoch, dass dies die Komponente ist, die auch (zumindest zu einem Teil) anlagebedingt gesteuert wird.

 

Eine Darmsanierung: je nach Sichtweise die halbe Miete – oder nur die halbe Miete?!

 

Unter diesem Aspekt wird auch klar, warum therapeutische Probiotika bei dem einen Patienten Nutzen entfalten und bei dem anderen nicht. Ich glaube, wenn ich heute zurückblicke, habe ich in keiner Sparte mehr Therapieversager erlebt als mit therapeutischen Probiotika. Wenn eine Therapie mit einem Darmflora-Präparat eindeutig positive Resultate bringt, ist sicherlich der Ausgleich zwischen den Helferzellen des Th1- und Th2-Typs mitbeteiligt. Oder anders formuliert: die Bakterien müssen zum „Immun-Typ“ passen.

 

Das Problem ist, dass selbst gut zusammengestellte Probiotika-Präparate, auch wenn sie „passen“, häufig nur so lange wirken, wie sie auch genommen werden. Das liegt daran, dass wir uns noch vier weitere Systeme, die den Darm und seine Funktion steuern, vergegenwärtigen müssen:

 

  • Motilität und Peristaltik
  • das darmassoziierte Nervensystem (enterisches Nervensystem)
  • das Enzymsystem
  • das eigentliche, darmassoziierte Immunsystem (z.B. Defensine, Immunglobuline etc.)

 

Darmflora-Präparate haben die Eigenschaft, dass sie die Peristaltik anregen können. Sie können sich auf die Motilität allerdings nur indirekt auswirken, nämlich dann, wenn ihre Wirkung ausreichend ist, über das darmassoziierte Nervensystem und die indirekte Auswirkung auf oxidativen Stress die Motilität anzuregen. Oft fehlen an diesem Punkt noch weitere Komponenten wie beispielsweise Antioxidantien, überwiegend aus sekundären Pflanzenstoffen (Anthocyanine, Gerbstoffe etc.), Vitamine und Aminosäuren (Glutamin, Glycin, Cystein, Tryptophan etc.).

 

Nimmt man Spurenelemente mit hinzu, könnte mittelfristig zumindest in der Theorie auch das Enzymsystem ausreichend angeregt werden, um pH-Wert-Schwankungen, bedingt durch unverdaute Nahrungsmittel, abzumildern. Gerade bei Morbus Crohn stets diesen Faktor allerdings gerne die Entzündung verschiedener Dünndarmabschnitte gegenüber. Dies erweist sich in der Praxis als echter „Hemmschuh“ bei der naturheilkundlichen Standardtherapie.

 

Bei den verschiedenen, hier aufgezählten Faktoren haben selbst ausgeklügelt und gut zusammengestellte Darmflora-Präparate zumindest in 70-80 % aller Fälle bestenfalls eine ausgleichende Wirkung auf die verschiedenen (Stress-)Faktoren, die auf den Darm und seine Schleimhaut einwirken. Übrigens auch von außerhalb des Darms. Denn gerade bei Verschiebungen in der Differenzierung von T-Helferzellen spielt die Anreicherung biologischer Toxine in den Zellen (auch außerhalb des Darms!) eine nicht zu unterschätzende Rolle!

 

Der Umstand, der überhaupt erst dazu führt, dass Infekte chronisch werden können (denken wir beispielsweise an Epstein-Barr oder Herpes, HPV etc.), wirkt sich auch auf den Darm aus. In diesem Zusammenhang sind übrigens das chronische Erschöpfungssyndrom, Krankheiten wie Fibromyalgie, verschiedene Formen von entzündlichen Rheuma sowie nicht zuletzt Morbus Crohn immunologische und biochemisch gesehen entfernt miteinander verwandt.

 

Neben diesen biologischen Vergiftungen haben wir einen beständigen Stressreiz von unserer modernen Umwelt: Nahrungsmittelzusatzstoffe, technische Strahlung und Umweltgifte „vergiften“ den Organismus nur zu 20 % direkt, verhindern aber zu 80 % eine effektive Entgiftung, die übrigens mittlerweile in der Medizin unter dem Begriff der Autophagie bekannt geworden ist, nachdem der Japaner Yoshinori Ohsumi für die Erforschung dieses Themengebiets den Nobelpreis erhalten hat.

 

Nimmt man all diese Faktoren zusammen, wird auch klar, warum

 

  • sich die chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen in den letzten rund 40 Jahren so stark ausgebreitet haben
  • der chronische Entzündungsprozess über individuell (!) angepasste Probiotika zwar regulierbar, nicht aber definitiv ausheilbar ist.

 

Letzten Endes müssen wir uns mit dem Ergebnis bescheiden, dass eine veränderte Zusammensetzung des Mikrobioms

 

  • Zum Teil die Ursache,
  • zum Teil ein Zeiger und
  • zum größten Teil die Folge einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung ist

 

Aber das ist ja immerhin schon einmal besser als nichts!

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Kommentare: 1
  • #1

    Annabell Friley (Dienstag, 07 Februar 2017 01:33)


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