Die Darmflora und Morbus Crohn (Teil 1)

Zuerst gehen die Spezialisten.

 

Es ist mit Darmbakterien ein bisschen so wie mit den Menschen: die Spezialisten, die besondere Aufgaben haben bzw. kriegen, sind meist wesentlich sensibler als die robusten Arbeiter an der Basis.

 

Die robusten Arbeiter an der Basis sind im Falle des Darms überwiegend Bifidobakterien und natürlich auch die bekannten Lactobakterien, die allerdings im Dickdarm in wesentlich geringerer Anzahl vorkommen als die Bifidobakterien. Dazu kommen die Enterokokken.

 

Die Spezialisten, das sind Bakterien mit Namen wie Akkermansia muciniphilia, Oxalobacter formigenes oder Faecalibacterium prausnitzii. Gegenüber der schieren Masse der Bifidobakterien kommen sie nur in sehr geringer Anzahl im Darm vor - und sie sind die ersten, die sich bei Problemen verkrümeln.

 

Studien zu diesem Thema haben ergeben, dass sowohl bei Morbus Crohn als auch bei Colitis ulcerosa Bakterien wie Akkermansia und Faecalibacterium gegenüber einer gesunden Darmflora dramatisch reduziert sind.

 

In der Naturheilkunde stellt sich die berühmte Frage: Ursache, Zeiger oder Folge?

 

In den Fachfortbildungen zum Thema Darm wird fast immer die überwältigende Bedeutung der Darmflora betont. Wir sollten allerdings kritisch sein, wenn das Mikrobiom (der modernere Ausdruck für Darmflora!) bzw. die Veränderung desselben grundsätzlich als Ursache für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen hingestellt wird.

 

Ich denke, dass man gerade bei der Darmerkrankung Morbus Crohn nur schwer abgrenzen kann. Ursache, Zeiger oder Folge?

 

Louis Pasteur, der quasi sein ganzes Leben an Bakterien geforscht hat, soll auf dem Totenbett gesagt haben: „die Mikrobe ist nichts, das Milieu ist alles!“ Ich weiß nicht, ob dies der Wahrheit entspricht. Ich habe es irgendwann einmal irgendwo gelesen. Tatsache ist, dass frühkindlicher Antibiotikamissbrauch stärker mit Morbus Crohn assoziiert ist als mit Colitis ulcerosa. Man stellt sich gemeinhin vor, dass die Letztere Darmerkrankung - die sich ja quasi ausschließlich auf den Dickdarm beschränkt - stärker mit Darmflora-Veränderungen assoziiert ist als die Erkrankung Morbus Crohn, die ja de facto überall im Verdauungstrakt auftreten kann.

 

Hier haben wir allerdings die Rechnung ohne den Wirt oder in diesem Fall die Fernwirkung verschiedener Darmflora-Stämme gemacht. Denn was im Dickdarm passiert, hat sehr wohl einen indirekten Einfluss auf den Dünndarm und höhere Bereiche des Verdauungstrakts.

 

Diese Fernwirkung besteht überwiegend in den Nervenbotenstoffen, die von Darmbakterien ausgeschüttet werden und die nicht nur die Darmschleimhaut direkt, sondern das ganze enterische Nervensystem und damit natürlich auch unsere vegetativen „Stress-Zentren“ beeinflussen. Nicht umsonst spricht man ja bereits seit alters her vom Darm als Sitz der Gefühle.

 

Meiner Beobachtung nach haben weit über 90 % aller Betroffenen von Morbus Crohn eine „immunologische Vorgeschichte“. Das ist deutlich mehr, als bei einer Colitis ulcerosa, wo dies meiner Beobachtung nach auf etwas mehr als zwei Drittel aller Patienten zutrifft.

 

Eine immunologische Vorgeschichte beginnt überwiegend mit einer Veränderung der Darmflora!

 

Diese immunologische Vorgeschichte stellt sich klassischer Weise so dar: mehrfacher Antibiotika-Missbrauch in der frühen Kindheit, typischerweise aufgrund von Nebenhöhleninfekten oder Mandelentzündungen (Tonsillitiden). Ein wichtiges Merkmal: binnen eines Zeitraums von zwölf Monaten wird mehr als einmal eine Antibiotikatherapie durchgeführt. Unter Heilpraktikern und Ärzten läuft zurzeit eine Diskussion, nach der mit diesem Merkmal die Darmflora sich wesentlich schwerer regenerieren kann als wenn nur eine Antibiotikatherapie in einem Zeitraum von einem Jahr durchgeführt wird.

 

Wie bereits oben festgestellt: die „Sensibelchen“ verschwinden zuerst. Die Darmflora wird „ausgedünnt“, was noch mehr auf die Anzahl der verschiedenen Arten als auf die absolute Menge der Darmbakterien zutrifft. Vorübergehend werden die „Leitkeime“ (wie die erwähnten Bifidobakterien) ebenfalls ausgedünnt. Unter diesen Bedingungen kann sich eine so genannte opportunistische Flora einstellen. Das bedeutet, dass sich Darmbakterien vermehren, die in Bezug auf die menschliche Gesundheit „nichts Gutes im Schilde führen“.

 

Diese möglicherweise schädigenden Darmbakterien (auch: Pilze, Parasiten) belasten nun die Darmschleimhaut und das Darm-Nervensystem mit giftigen Stoffwechselprodukten. Da der Darm mit dem Gehirn, dem Zentralnervensystem und dem vegetativen Nervensystem kommuniziert, herrscht im Organismus in kürzester Zeit „Stress-Alarm“. Durch diesen permanenten Stresszustand werden die oberen Teile des Verdauungstrakts bzw. Darms in Mitleidenschaft gezogen. Ich pflege immer zu sagen: „die Schleimhäute leiden zuerst“.

 

Die Disposition bestimmt, welcher „Weg“ im Immunsystem eingeschlagen wird

 

Das richtig Gemeine an dieser Situation ist, dass sich dieser suboptimale Zustand stabilisiert. Nun hängt es von der Disposition ab und von den Reaktionen im Immunsystem (zum Beispiel das viel diskutierte Verhältnis von Th1- zu Th2-Zellen!), Ob zunehmend Allergien oder eine Infektabwehrschwäche das Krankheitsbild des „neuen Patienten“ bestimmen.

 

Lesen Sie hier weiter Teil 2!

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