Der Stellenwert von Probiotika in der Therapie

Egal, ob man als Heilpraktiker in eine Fachfortbildung geht oder ob man Bücher liest, sich im Internet informiert, etc. - bei der Therapie des Darms sind Probiotika immer präsent. Auch der Laie wird mit diesem Thema mehr oder weniger ständig konfrontiert, sobald er ein Buch über den Darm in die Hand nimmt. Man kann mit Fug und Recht behaupten: Probiotika sind die Pharmazeutika des nachdenklichen Therapeuten. Auch bei medizinischen Laien hat sich ihre Bedeutung in den letzten ungefähr zehn Jahren sehr herumgesprochen, nicht zuletzt aufgrund des Aufkommens der so genannten „probiotischen Joghurts“.

 

Die moderne Probiotika-Therapie wird 100 Jahre alt

 

Angefangen hat die moderne Probiotika-Therapie mit Metchnikoff und Nissle. Seit den sechziger- bis siebziger Jahren wird sie in größerem Umfang von Heilpraktikern, später zunehmend auch von Ärzten der Naturheilkunde, praktiziert. Bis etwa um die Jahrtausendwende war die Therapie mit den freundlichen Darmbakterien aber nur solchen Personen bekannt, die sich in irgendeiner Weise mit Naturheilkunde auseinandersetzten - entweder, weil sie es zu ihrem Beruf gemacht haben, oder weil sie sich zwangsweise durch eigene chronische Krankheit mit dem Thema beschäftigen mussten.

 

Ungefähr im Rahmen der Zeitspanne der oben erwähnten Joghurts beschäftigte sich auch die Medizin zunehmend mit den Möglichkeiten einer Probiotika-Therapie und untersuchte einzelne Bakterienarten besonders gründlich. Dabei zeigte sich relativ rasch, dass die Annahme des Einflusses der Darmgesundheit auf den gesamten Körper erstens wissenschaftlichen Kriterien standhielt und außerdem, dass bestimmte Probiotika-Arten dazu in der Lage waren, weit mehr als die reine Gesundheit des Darms zu beeinflussen. Heute kennen wir Bakterienarten, die eine definitive Wirkung auf die Psyche ausüben oder die selbst Symptome wie Impotenz, Burnout etc. behandeln können.

 

Die „Kernkompetenz“ der Darmtherapie wird noch stärker betont

 

Im Zuge der neuesten Forschungen zum Thema Darmflora fand man heraus, wie die Bakterien den Stoffwechsel, das Immunsystem, Entzündungen etc. beeinflussen. Mittlerweile spricht man sogar davon, dass das Körpergewicht zu 70-80 % von der Darmflora abhängt und selbst die gesündeste Ernährungsweise und viel Training noch keinen Waschbrettbauch bringen, wenn die Darmflora dies nicht zuletzt.

 

Kurzum: die Darmflora ist zwar nicht im wörtlichen, wohl aber im übertragenen Sinne in aller Munde.

 

Kurz zusammengefasst: was machen Probiotika-Präparate?

 

Auch apothekenpflichtige Probiotika-Präparate sind mittlerweile recht vielseitig geworden. Man kann je nach Lebensalter und Aufgabenbereich der Darmbakterien unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Man kann auf das Immunsystem, die Psyche, den Stoffwechsel mit verschiedenen Darmflora-Präparaten einwirken. Man geht von etwa 2000 verschiedenen Arten von Bakterien im Darm aus - wenn es dem Darm gut geht. In Probiotika wird nur ein Bruchteil dieser Anzahl eingesetzt. Probiotika regulieren das Milieu, den pH-Wert, koordinieren das Immunsystem und sind wichtig bei der Neubildung bestimmter Nährstoffe, die entweder die Darmschleimhaut stärken oder dem Körper direkt zugutekommen. Außerdem bilden bestimmte Darmbakterien eine Art von „Schutzwall“ gegen andere Bakterien oder auch Viren und Pilze. Die so genannten „Säurebildner“ („Acidophilus“ aus dem Lateinischen: „säurefreundlich“) regen die Peristaltik an und sorgen für eine geregelte Verdauung.

 

Egal ob Reizdarm, Morbus Crohn, Colitis ulcerosa, Allergien oder chronische Infektanfälligkeit oder sogar chronisches Erschöpfungssyndrom, Rheuma oder Multiple Sklerose: die freundlichen Darmbakterien scheinen ein unverzichtbarer Bestandteil der ganzheitlich-naturheilkundlichen Therapie zu sein.

 

Das Problem ist jedoch: Sie haben Grenzen…

 

Die Darmsanierung mit Probiotika ist nur ein Schritt unter vielen!

 

Bei vielen Therapeuten sind Probiotika Dreh- und Angelpunkt der Therapie. Wer sich bei der Therapie gar ausschließlich auf die freundlichen Darmbakterien verlässt, bei dem kehrt rasch Ernüchterung ein. Gerade im Zusammenhang mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen beobachte ich immer wieder, dass die isolierte Therapie mit einzelnen Probiotika nicht den gewünschten Erfolg bringt bzw. sogar zu Problemen führen kann.

 

Darmbakterien - egal wie gut Sie sind und egal wie sinnvoll ihre Zusammensetzung - müssen in Bezug auf den Patienten zwei Forderungen erfüllen:

 

Erstens müssen sie in ein Milieu kommen, in dem sie sich wohl fühlen.

 

Zweitens müssen sie auch zum Patienten „passen“.

 

Der erste Punkt ist sehr viel komplizierter als der zweite. Also komme ich zunächst zum zweiten Punkt. Die Wissenschaft unterscheidet mittlerweile verschiedene „Darmflora-Typen“. So sind bei dem Einen „Prevotella“ dominant, beim Nächsten sind es „Ruminococcus“, beim Dritten „Bacteroides“. Den Darmflora-Typus bestimmen zu 10-20 % die Gene und zu 80-90 % Umweltfaktoren, von denen der wichtigste die langfristige Ernährungsgewohnheit ist. Der Darmflora-Typus ist in sich relativ stabil und lässt sich nur mit viel Geduld verändern.

 

Auch der Darmflora-Typus bestimmt in weiten Teilen, ob der Darm sauer oder basisch reagiert, wie das Milieu, die Peristaltik und die Synthese von Nährstoffen im Darm vonstatten gehen. Dabei muss der Darmflora-Typus natürlich auch zum Stoffwechseltyp passen. Manche Menschen fühlen sich wohler mit einer eiweißreichen Ernährung, andere brauchen hingegen nur wenig Eiweiß. Wenn alles in Ordnung ist, passt die Darmflora zu seinem Träger.

 

Wenn man hier Darmbakterien von außen mit ins Spiel bringt - und seien sie noch so „gut“ - kommt es zu Problemen. Weswegen viele Probiotika bei manchen Patienten Reaktionen ähnlich eines Abführmittels hervorrufen und nur so lange wirken, wie er sie nimmt. Stellt der Patient die Einnahme ein, verflüchtigen sich rasch alle Effekte - da sich die Darmflora in einem für sie ungewohnten Milieu nicht ansiedeln konnte.

 

Jetzt kommen wir zum ersten Punkt. Vor allen Dingen definitiv chronisch kranke Personen haben kaum noch ein Milieu ihrer Schleimhäute, indem sich die freundlichen Darmbakterien wohl fühlen. Das hat viele verschiedene Gründe. Einige dieser Gründe liegen auch außerhalb des Terrains des Verdauungstrakts im Besonderen und der Schleimhäute im Allgemeinen. Man spricht in der Naturheilkunde von einem so genannten „Herdgeschehen“ oder, wissenschaftlicher ausgedrückt von einer „Fokaltoxikose“. Diese „Herde“ üben eine Fernwirkung auf alle Schleimhäute des Körpers und natürlich insbesondere auf den Darm aus. Diese Fernwirkung führt zu einer chronischen Milieuveränderung und einer latent immer vorhandenen Entzündung. Das sich in einem solchen Milieu „gute“ Darmbakterien nicht wohl fühlen, dürfte auf der Hand liegen.

 

So ist es zwar wahr, dass „im Darm der Tod sitzt“, aber auch der Darm ist nur ein Organ, das viele andere Probleme im Körper ausbaden muss. Mithilfe der beiden Vermittler „oxidativer“ und „nitrosativer“ Stress stellen sich mit der Zeit Wechselwirkungen zwischen Herdbelastungen und kranker Schleimhaut ein, die nur durch eine „Darmsanierung“ mit Probiotika nicht zu brechen sind. Hier muss man an vielen, verschiedenen Stellen ansetzen: Entgiftung, Herdsanierung, antioxidative Therapie und dann – in einem letzten Schritt – Probiotikatherapie sind die wichtigsten Schritte.

 

Es bleibt zusammenzufassen: in der ganzheitlichen bzw. naturheilkundlichen Praxis ist der Einsatz von Probiotika nicht „primus inter pares“, sondern vor allen Dingen bei chronischen Erkrankungen einer unter mehreren notwendigen Schritten - und damit in seiner Wichtigkeit vergleichbar mit allen anderen therapeutischen Maßnahmen.

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