„…mit Ernährung hat das Ganze nichts zu tun!“ (...oder?)

Ich komme als Therapeut häufig in die folgende Situation:

 

Ein Patient erscheint und nach dem Klären der Personalien und der groben Beschwerden wird mir von Erfahrungen mit Ärzten berichtet. Nicht selten höre ich in diesem Zusammenhang Sätze wie: „der Arzt hat mir gesagt, dass das Ganze mit Ernährung überhaupt nichts zu tun hat!“ oder: „Der Doktor meint, irgendwelche Diätvorschriften wären bei meiner Krankheit sinnlos.“

 

Das ist natürlich schwierig, wenn wir hier von Magen-Darm-Erkrankungen reden. Der gesunde Menschenverstand legt nahe, dass die Beschwerden irgendetwas mit dem Essen zu tun haben müssen. Jetzt kommt ein Studierter, der es (angeblich) besser weiß, und erzählt einem das Gegenteil! Patienten mit wenig Erfahrung sind in einer solchen Situation „vollendet verwirrt“.

 

Medizin und Ernährung - eine Geschichte voller Paradoxa

 

Es ist auch für die wissenschaftliche Medizin und natürlich auch für die Mediziner „Commonsense“, bei Erkrankungen wie Gicht, Rheuma oder Diabetes an einen Ernährungsspezialisten weiter zu verweisen oder selbst einige Tipps zu geben - sofern der Mediziner mit der Materie vertraut ist. Und das, obwohl die genannten Erkrankungen vordergründig überhaupt nichts mit der Verdauung und den Magen-Darm-Trakt zu tun haben. Da ist es umso erstaunlicher, wenn man von den gleichen Ärzten, Medizinern und Ernährungsspezialisten bei Erkrankungen wie Morbus Crohn, Reizdarm oder Colitis hört: „das hat mit Ernährung überhaupt nichts zu tun!“ oder: „da können Sie mit einer Diät überhaupt nichts beeinflussen. Sie müssen herausfinden, was Ihnen bekommt!“

 

Wassers Ganze noch etwas verwirrender macht ist die Tatsache, dass man zu diesen Darmerkrankungen durchaus Diät-Ratgeber bekommt. Nur eben nicht von Medizinern, sondern von Naturheilkundlern und „alternativ denkende Menschen“. Wer jetzt sagt: „ich rieche da eine Ratte!“, Der liegt gar nicht mal so verkehrt. Das riecht schon fast ein wenig nach den klassischen Konflikt zwischen „Schulmedizin“ und „alternativer Medizin“.

 

Wieso gibt es keine einheitlichen Ernährungsempfehlungen?

 

Während sich die Schulmedizin als geschlossene Front präsentiert, scheint in der Naturheilkunde bzw. alternativen Medizin irgendwie jeder sein eigenes Süppchen zu kochen, im wahrsten Sinne des Wortes: der Eine empfiehlt eine vegane Kost, der nächste die Steinzeit-Diät, wieder ein anderer FODMAPs usw. Da ist man als „wissenschaftlich denkender Mensch“ schnell mit einem Pauschalurteil bei der Hand: da es keine einheitlichen Ernährungsempfehlungen zu bestimmten Erkrankungen gibt, haben diese Erkrankungen mit Ernährung auch nichts zu tun. Wie auch immer geartete Ernährungsempfehlungen schränken den Patienten dementsprechend nur weiter ein und sind von keinerlei Nutzen!

 

Demzufolge lautet der Rat eines Arztes auch: „hören Sie nicht auf diesen ganzen Diät-Quatsch, den man Ihnen im Internet erzählt. Essen Sie, was Ihnen schmeckt und bekommt!“

 

Also, wenn man mich fragt…

 

Wenn jemand mich fragt, warum es zu ein- und derselben Erkrankung wie beispielsweise zu Morbus Crohn aus der so genannten „alternativen Medizinszene“ völlig verschiedene Ernährungsempfehlungen gibt und aus der „Schulmedizin“ keine, antworte ich sinngemäß so:

 

Kopfschmerz ist Kopfschmerz, oder? Wenn Sie mit ausreichend hoher Geschwindigkeit und dem Kopf zuerst gegen eine Wand rennen, oder wenn Sie mit einem grippalen Infekt im Bett liegen, oder wenn Sie sich für eine Prüfung so lange und intensiv vorbereitet haben, dass Ihr gesammeltes Fachwissen in Ihrem Gehirn Achterbahn fährt, was haben Sie dann? Ganz einfach: Sie haben in allen drei Fällen Kopfschmerzen.

 

Eine „Erkrankung“ - drei verschiedene Ursachen. Laut einer Werbung gibt es sogar „27 verschiedene Ursachen von Kopfschmerz, die Sie alle selbst behandeln können“ - weil Kopfschmerz ja eine „simple“ Erkrankung ist.

 

Wenn aber so etwas Simples wie Kopfschmerz 27 verschiedene Ursachen haben kann, wie sieht es dann mit einer komplizierten Erkrankungen wie Morbus Crohn aus? Hat die etwa nur eine Ursache? Wenn man medizinisch-wissenschaftliche Abhandlungen liest, könnte man fast den Eindruck kriegen: die Medizin und die Pharma-Forschung ist auf der Suche nach „der einen“ Ursache für Morbus Crohn. Und die muss man selbstverständlich auch medizinisch behandeln können! Das würde es sicher gar nicht lohnen, danach zu forschen!

 

Ernährungsempfehlungen bei Erkrankungen wie Morbus Crohn haben meist einen Hintergrund: ein selbst Betroffener hat etwas ausprobiert und festgestellt, dass es ihm damit besser geht. Mit ein bisschen Gespür für Marketing, „Selfpublishing“ und Internet, breiten sich diese Erkenntnisse aus. Ein anderer hat für sich etwas ganz anderes herausgefunden. Und dann gibt es natürlich noch welche, die mit verschiedenen Ernährungsweisen herumexperimentiert haben und keine oder zumindest keine nennenswerten Erfolge für sich verbuchen konnten.

 

Alle drei Parteien haben Recht - aber jede leider nur für sich. Das Problem mit Ernährungsempfehlungen ist schlicht und ergreifend, dass man sie nicht verallgemeinern kann. Ernährungsempfehlungen und Diät-Tipps deswegen ihr Existenzrecht absprechen zu wollen, ist dennoch völlig verkehrt. Leider geschieht das ja in der Medizin. Es wird immer einige Personen geben, denen eine bestimmte Ernährungsweise helfen kann. Nicht nur in Bezug auf ihre Krankheit, sondern sogar unabhängig von der Art der Krankheit. Einige Rheumatiker, Morbus-Crohn-Patienten, multiple-Sklerose-Patienten und einige Krebspatienten werden von einer veganen Rohkosternährung profitieren.

 

Genauso sicher ist, dass das niemals auf alle Patienten mit einer bestimmten Krankheit zutreffen wird. Denn jede moderne, chronische Zivilisationskrankheit hat einen Cocktail aus verschiedenen Ursachen. Sie sind von Person zu Person stark unterschiedlich gewichtet. Bei einer Person spielt Stress eine große Rolle, bei einer anderen die Darmflora, bei einer dritten das Immunsystem und bei einer vierten einer Schadstoffbelastung mit bestimmten Stoffen, denen diese Person ausgesetzt war. Selbst wenn eine Krankheit immer wieder reproduzierbar ähnliche bzw. gleiche Symptome macht, können die Ursachen völlig unterschiedlich gelagert sein - siehe Kopfschmerz.

 

Dementsprechend braucht jeder Patient „seine“ speziell auf ihn abgestimmte Diät. Darüber hinaus werden manche Patienten mit der Änderung ihrer Ernährungsgewohnheiten gewaltige Fortschritte erzielen, andere nur geringe Fortschritte.

 

Das bedeutet aber nicht: „wenn es Patienten gibt, bei denen eine Ernährungsumstellung so gut wie nichts bewirkt, folgt daraus, dass eine Ernährungsumstellung generell nutzlos ist“. Das ist – leider Gottes – klassisch „schulmedizinische Denke“. Wir finden diese Einstellung genauso bei Problemen mit Umweltgiften wieder, beispielsweise Amalgam. Hier ist die „logisch-wissenschaftliche“ Schlussfolgerung: „wenn es Menschen gibt, denen Amalgamfüllungen nicht schaden, bedeutet dies, dass Amalgam für die menschliche Gesundheit grundsätzlich unschädlich ist.“ Dass in einem solchen Fall die Menschen, die tatsächlich über gesundheitliche Probleme klagen, auch noch gerne in die „Psycho-Ecke“ gestellt werden, macht die Sache ganz sicher nicht besser.“

 

Wenn Sie diese Zeilen lesen und an irgend einer chronischen Krankheit leiden, womöglich an einem Verdauungsleiden, sollten Sie dies im Kopf behalten: unabhängig von der Beschaffenheit Ihrer Symptome kann Ihnen eine bestimmte Ernährungsform helfen – sie muss aber nicht. Im Umkehrschluss: wenn Sie eine Ernährungsform gefunden haben, die Ihrer gesundheitlichen Probleme dramatisch verbessert, schließen Sie daraus nicht, dass diese Ernährungsform allen Menschen mit ähnlichen Problemen helfen könnte.

 

Menschen sind im Detail unterschiedlicher, als es den Anschein hat. Auch hinter ähnlichen Symptomen können völlig unterschiedliche Ursachen stehen. Für einen erfahrenen Naturheilkundler macht es bereits einen gewaltigen Unterschied, ob ein Patient vor dem Ausbruch seines chronischen Leidens häufig Erkältungen oder häufig Allergien gehabt hat.

 

Auch bei der Ernährung übrigens!

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