Morbus Crohn: trügerische Ruhe nach der OP?

In letzter Zeit ist mir häufiger zu Ohren gekommen, dass Patienten nach einem mehr oder minder langen Leidensweg sich ebenso mehr oder minder freiwillig unters Messer begeben haben und einen hartnäckig entzündeten Darmabschnitt entfernen ließen. Was dann geschah, grenzt in einigen Fällen fast an ein Wunder: es stellte sich eine Vollremission (keine Symptome, keine Medikamente nötig) ein, die etliche Jahre, in wenigen Fällen sogar Jahrzehnte andauerte. Vor kurzem hatte ich eine Patientin, die nach einer OP sage und schreibe für 20 Jahre symptomfrei war. Das ist länger, als ich es mittlerweile bin. Doch dann, oh Schreck, stellte sich wieder ein Schub ein - und zwar ein durchaus saftiger.

 

„Die Krankheit ist ja jetzt aus ihnen draußen!“

 

Ich bin in 1997 operiert worden. Damals wurde mir ein rund 15 cm langer Darmabschnitt in der Sigmaschlinge herausoperiert. Allerdings war es nicht dieses Ereignis, das mir die lange Symptomfreiheit beschert hat. Ich hatte nämlich in den folgenden anderthalb Jahren immer noch bzw. immer wieder Symptome: Durchfall, leichte Fieberschübe, eine hartnäckige Fissur sowie Ekzeme am After. Und teilweise auch noch gelegentlich Blut im Stuhlgang, wenn auch nur in geringen Mengen. Es war um diese Zeit, in der ich mein Ernährungs- und Entgiftungsprogramm begann. Erst dadurch verbesserten sich die Symptome Schritt für Schritt. Definitiv beschwerdefrei war ich dann im Laufe des Jahres 1999.

 

Ich kann mich erinnern, dass der Chefarzt damals nach der OP zu mir gesagt hatte: „die Krankheit ist ja jetzt aus ihnen draußen!“

 

Ein großer Irrtum!

 

Auch wenn ein Darmabschnitt operiert ist und erst einmal Ruhe herrscht, ändert es nichts daran, dass Morbus Crohn und Colitis ulcerosa nach wie vor Systemerkrankungen sind. Eine Operation kann keine dieser Krankheiten prinzipbedingt heilen. Auch die angebliche „Heilung“ der Colitis ulcerosa durch eine Total-Operation des Dickdarms ist ein Trugschluss. Näher betrachtet stellen sich bei vielen Patienten, die einen so genannten „Pouch“ (ein Reservoir aus Dünndarmgewebe, das eine einigermaßen normale Stuhlentleerung ermöglichen soll) angelegt bekommen, in der Folgezeit wieder Entzündungen und Probleme ein.

 

Ein bisschen einfacher formuliert: man kann ein entzündetes Stück Darm chirurgisch entfernen. Man kann aber keinesfalls die Entzündung an sich chirurgisch entfernen. Eine Entzündung ist präsent und betrifft den gesamten Körper!

 

Dennoch stellt sich die Frage, warum operierte Patienten dann solange beschwerdefrei sein können

 

Es bleiben im Prinzip zwei Möglichkeiten: gerade bei einem chronisch-aktiven Verlauf mit entsprechender Erschöpfung des vegetativen Nervensystems kann eine Operation sozusagen einen „Schläfer“ produzieren. Die Krankheit verharrt dann lange in Latenz. Wie der Stoffwechsel dies über einen so langen Zeitraum möglich macht, habe ich ehrlich gesagt noch nicht herausgefunden.

 

Es besteht aber noch eine zweite Möglichkeit, die mich ehrlich gesagt etwas erschrocken hat. Wahrscheinlich wird diese Möglichkeit Sie genauso erschrecken wie mich: es ist bis heute noch nicht vollständig erforscht, wie weit so ein Placebo-Effekt gehen kann. Aus Placebo-Studien wissen wir, dass selbst eine „vorgetäuschte“ Knie-OP zu Schmerzfreiheit führen kann, obwohl definitive organische Veränderungen am Kniegelenk vorhanden sind.

 

Damit will ich die Notwendigkeit einer Operation nicht in Abrede stellen

 

Operationen sind dann und wann tatsächlich notwendig, und daran wird sich auch in absehbarer Zeit nichts ändern. Solange die Medizin bei ihrem „monokausalen“ Therapieansatz bleibt, wird sie immer wieder (und häufig!) Patienten begegnen, die durch jedes Raster fallen und eben mit dieser „letzten“ Möglichkeit - der OP - therapiert werden müssen.

 

Der akute Notfall, beispielsweise das toxische Megacolon, stellt eine absolute OP-Indikation dar. Auch ein chronisch-aktiver Verlauf, der die Lebensqualität stark beeinträchtigt und auf keine medikamentöse Therapie anspricht, ist eine OP-Indikation. Und natürlich bin ich auch dann der Meinung „wer heilt, hat recht“, wenn ein Patient von einer OP mit langen Jahren der Beschwerdefreiheit und guter Lebensqualität profitieren kann.

 

Allerdings liefern uns Phänomene wie die lange Beschwerdefreiheit nach einer Operation zwei interessante Schlussfolgerungen:

 

Erstens: wenn einer Operation jahrelange Beschwerdefreiheit beschert, war sie im Nachhinein betrachtet in jedem Fall sinnvoll. Allerdings hat die Ruhe nichts mit Heilung im Wortsinne zu tun. Die Krankheit kann auch nach vielen Jahren erneut ausbrechen, wie ich immer wieder beobachten musste.

 

Zweitens: wir sollten uns noch intensiver mit den Möglichkeiten des Placebo-Effekts beschäftigen. Es hat den Anschein, als ob die Grenzen für das real mögliche sich immer weiter nach oben verschieben. Könnte es nicht sein, dass sich dadurch auch medizinische Erfolge relativieren?

 

Der Placeboeffekt hat Jahre, ja Jahrzehnte als „Ausrede“ der Wissenschaftler herhalten müssen, wenn eine naturheilkundliche, homöopathische oder komplementärmedizinische Behandlung „funktioniert hat“. Anhand solcher Beispiele kann man erkennen, dass sich der Spieß auch umdrehen kann: der Placeboeffekt ist in Wirklichkeit eher eine Bestätigung dafür, dass das wissenschaftlich-materialistische Weltbild unvollständig ist.

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Kommentare: 3
  • #1

    Jan (Mittwoch, 01 Juni 2016 22:15)

    Bei Morbus Crohn scheint es tatsächlich so zu sein, dass eine OP meistens nicht für Ruhe sorgt und die Entzündung sich nur einen neuen Angriffspunkt sucht. Im Falle einer Kolektomie und Pouchanlage bin ich mir nicht sicher. Zwar ist es auch da sehr beschönigend von "Heilung" zu sprechen, wenn man einen ganzen Teil des Verdauungstraktes vollständig entfernt, aber die Pouchitis, die viele Patienten anschließend haben, ist aus meiner Sicht kein Zeichen für den Fortbestand einer systemischen Entzündung. Die Pouchitis entsteht ja höchstwahrscheinlich durch Bakterien, die sich im Pouch ansiedeln und dann die Entzündung auslösen, da die Dünndarmschleimhaut als Ersatzdickdarm herhalten muss. Abgesehen von dieser Entzündung des Pouches haben ja fast über 90 % der Patienten keine Probleme mehr mit einer Entzündung im Verdauungstrakt. Es sei denn, es handelt sich um einen versteckten Morbus Crohn. Trotzdem wäre es natürlich wünschenswert, wenn es durch eine ursächliche Behandlung der Colitis erst gar nicht zu der sehr riskanten Pouchanlage kommen müsste.

  • #2

    Andreas Ulmicher (Donnerstag, 02 Juni 2016 11:21)

    Hallo Jan,

    Das ist ein interessanter Einwurf, den Sie da bringen. Es lohnt sich in der Tat, darüber nachzudenken. Bei Crohn gibt es wohl nichts zu tippen: der kann ja im Prinzip alle Abschnitte des Verdauungstrakts sowie auch außerhalb der Verdauung auftreten. Aber was ist mit "Colitis"? Ich denke, dass die "entzündliche Tendenz" erhalten bleibt.

    Beim Pouch allerdings übernimmt der Dünndarm ja, wie Sie richtig herausgestellt haben, sozusagen eine Dickdarmaufgabe. Das ist insofern komplex, als dass Dünndarmgewebe ja eine völlig andere Struktur und auch andere immunologische Mechanismen hat als der Dickdarm. Der Dünndarm hat ja natürlicherweise eine dem Namen passend "dünne" Besiedelung mit Darmbakterien, gegenüber entsprechenden Dickdarmabschnitten um den Faktor 10.000 reduziert (Vergleich Rektum-Terminales Ileum). Paneth-Zellen und das lymphatische System sorgen hier für eine natürliche Begrenzung. Aber: übernimmt der Dünndarm Dickdarm-Aufgaben, was dann? Der Dickdarm ist ja schließlich nicht nur ein "Stuhlreservoir"!

    Obwohl eine zu hohe Dichte an Darmbakterien hier sicherlich problematisch ist bzw. wird (->Pouchitis!), hat man ja schon vor Jahren mit Darmflora-Formulas Erfolge bei der Bekämpfung der Pouchitis erzielt: die italienischen VSL#3-Versuche: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26202437 , nach antibiotischer Therapie.

    Der Dickdarm hat spezifische, klar abgegrenzte Aufgaben, die sogar äußerst wichtig sind, vor allem die der Darmflora. Ich denke, hier kann man keine feste Grenze ziehen zwischen "CED" und "entzündlichen Folgen einer Kolektomie", sondern der Übergang ist entsprechend der Ausgangserkrankung fließend, wobei es zu Verschiebungen in der Stoffwechsellage kommen kann (Ballaststoffe, kurzkettige Fettsäuren, Nervenbotenstoffe, Vitamin K2 etc.)

  • #3

    HELLER;Dieter (Montag, 01 Januar 2018 13:01)

    nach der OP hatte ich ständig Durchfall,ich nehme 1x in der Woche eine Tablette gegen Durchfall.