Das heikle und schwierige Thema "Schleimhautatrophie"

Eine Allergie ist eine Allergie ist eine Allergie. Daran gibt es wenig zu tippen. Der Streitpunkt bezieht sich einzig allein darauf, was in der Medizin als eine Nahrungsmittelallergie akzeptiert wird und was nicht. Die in der Naturheilkunde bzw. „Alternativmedizin“ angebotenen (teuren) Tests auf IgG-4-vermittelte Allergien sind allgemein sehr umstritten. Ich selbst muss dazu sagen, dass die sich aus solchen Tests ergebenden Empfehlungen nicht bei jedem zutreffen, bei Einigen allerdings schon. Die Trefferquote liegt, meiner Beobachtung nach, bei 50-65%.

 

 

 

Eine Nahrungsmittelunverträglichkeit ist schon differenzierter. Da gibt es enzymatische Probleme, Transporterprobleme, eine biochemische Inkompatibilität oder schlicht und ergreifend Mengenprobleme, wie dies beispielsweise bei einer „glutensensitiven Enteropathie“ der Fall ist - einer teilweisen, aber nicht allergisch oder autoimmunbedingten Glutenunverträglichkeit.

 

 

 

Spezielle Probleme, die einige seltsame Fragen aufwerfen

 

 

 

Allerdings ist das Thema mit diesen beiden Formen der Unverträglichkeit, nämlich der Nahrungsmittelintoleranz und der Nahrungsmittelallergie, nicht abgehakt. So hat sich neulich eine junge Dame an mich gewandt mit Problemen, die ganz sicherlich in keine dieser beiden Kategorien fallen. Bei ihr ging es um die Unverträglichkeit von Nahrungsergänzungsmitteln, die für sich gesehen bekannt sind, keine Unverträglichkeiten oder Allergien auszulösen - und die auch frei von bedenklichen Zusatzstoffen wie beispielsweise Magnesiumstearat oder Titandioxid waren.

 

 

 

Interessanterweise halten würde sich dabei teilweise um Fette und Öle, wie zum Beispiel Omega-3-Fettsäuren. Hier eine Allergie oder auch nur eine Nahrungsmittelunverträglichkeit zu vermuten, wäre vermessen. Besonders in an Betracht der Tatsache, dass die Patientin an Colitis ulcerosa und damit an einer reinen Entzündung der Dickdarmschleimhaut litt. Insofern sollte es eigentlich mit Nahrungsergänzungen wie den genannten keine Probleme geben.

 

 

 

Eine „biochemische Inkompatibilität“ (die zum Beispiel häufiger bei Kaffee oder schwarzem Tee beobachtet wird) fällt in unseren Möglichkeiten aus. Mengenprobleme sind bei den standardmäßig eingenommenen Mengen an diesen Nahrungsergänzungsmitteln - der Körper benötigt ca. 2-4 g Omega-3-Fettsäuren pro Tag - extrem unwahrscheinlich. Es bleiben die beiden anderen Faktoren: Enzymprobleme und Transporterprobleme. In Anbetracht der Mengen sind Enzymprobleme ebenfalls recht unwahrscheinlich. Es bleiben Transporterprobleme.

 

 

 

Nun zeichnen sich Nahrungsergänzungen ja bekanntlich dadurch aus, dass der Körper wenig „Arbeit“ mit Ihnen hat. Sie sind bis zu einem Maß aufgeschlossen, dass die Resorption relativ einfach von statten geht. Wenn dann allerdings Symptome auftreten, die eigentlich auf eine Allergie hindeuten - das heißt, sich auch außerhalb des Verdauungstrakts manifestieren - dann muss ein Problem dahinter stehen, das mit einer simplen Nahrungsmittelintoleranz nicht abzutun ist.

 

 

 

Nachdem ich mich in letzter Zeit recht intensiv mit dem Thema Cholesterin beschäftigt habe, bin ich der Auffassung, dass Probleme wie diese auf eine (in der Medizin kaum beachtete bzw. anerkannte) Schleimhautatrophie zurückzuführen sind. Diese Schleimhautatrophie betrifft alle Schleimhäute des Körpers und geht mit Veränderungen im Immunsystem einher, die auf eine Immunschwäche hindeuten. Vor allen Dingen muss sie nicht zur Entzündung führen - so können Colitis-ulcerosa-Patienten durchaus an einer Schleimhautatrophie leiden, die sich überwiegend im Dünndarm anhand von Symptomen zeigt.

 

 

 

In diesem Bereich gibt es vier Laborparameter, die medizinisch erfasst werden können und die einen Rückschluss auf eine Schleimhautatrophie zulassen:

 

 

 

  • Beta-Defensine

 

  • Alpha-1-Antitrypsin

 

  • Sekretorisches Immunglobulin A

 

  • Eosinophil-derived Neurotoxin

 

 

 

Was ist eine Schleimhautatrophie?

 

 

 

Eine Schleimhautatrophie ist ein Zustand der Schleimhaut, der durch eine Minder- bzw. Mangelversorgung bewirkt wird und zu einem teilweisen Funktionsverlust führt. Dieser Funktionsverlust bezieht sich auf alle Aspekte der Schleimhäute: mechanischer Schutz, biochemischer Schutz und - im Falle des Darms - Aufnahmekapazität für Nährstoffe. In der Naturheilkunde machen wir normalerweise langanhaltenden oxidativen bzw. nitrosativen Stress für solche Schleimhautprobleme verantwortlich. Aber kommen wir zurück zum Cholesterin.

 

 

 

Cholesterin ist ein Stoff, der zu 90 % vom Körper selbst hergestellt wird und zu 10 % mit der Nahrung aufgenommen wird. Seine wichtigsten Aufgaben sind der Schutz und die Isolation von Nervenzellen sowie der Aufbau einer strukturellen Festigkeit und Geschmeidigkeit der Zellmembran. Diese muss sowohl für Nährstoffe ausreichend durchlässig sein wie sie für Antigene ausreichend schützend sein muss. Natürlich trifft dies auch auf die Schleimhautzellen zu.

 

 

 

Cholesterin ist außerdem ein Stoff, der als Grundlage für die Synthese vieler Hormone und für Vitamin D (ebenfalls ein Hormon!) dient.

 

 

 

Für die Stabilität und die Struktur aller Schleimhäute des Körpers ist Vitamin A ein unbedingt wichtiger und vielfach unterschätzter Stoff. Bei Vitamin A handelt es sich um ein fettlösliches Vitamin. Vitamin D koordiniert die Differenzierung der T-Zellen, wichtiger Zellen des Immunsystems. Vitamin E ist ein wichtiges Antioxidans und hat in der richtigen Zusammensetzung einen entzündungshemmenden Effekt. Es sind allesamt fettlöslichen Vitamine, ohne die in Bezug auf die Gesundheit der Schleimhäute so gut wie nichts geht.

 

 

 

Die Schleimhautatrophie beginnt mit einem Fettstoffwechselproblem

 

 

Ich möchte weg gehen von der reinen „Stress-Hypothese“ und auf ein anderes Problem hinaus. Es ist wieder mal eine klassische Henne-oder-Ei-Geschichte: es kann sowohl mit einer (Umweltmedizinisch- oder ernährungsbedingten) Leberbelastung losgehen als auch mit einer subtilen Aufnahmestörung für fettlöslichen Vitamine. Gerade Vitamin A spielt hier eine (weithin unterschätzte) entscheidende Rolle. Provitamin A (Beta-Carotin) benötigt Fett, um entsprechend vom Körper umgewandelt werden zu können. Besteht also entweder eine Leberbelastung oder eine Fettaufnahmestörung (oder beides!) Kann es durchaus mittelfristig zu einem relativen Mangel an Vitamin A kommen. Mehr oder weniger gleichzeitig ist die Cholesterinsynthese durch das bestehende „Leberproblem“ gestört. Interessanterweise kann der dabei im Blut gemessene Cholesterinspiegel sogar ansteigen -  laut Dr. Jon Barron, einem bekannten Naturheilkundeexperten aus den USA, ist dieser Anstieg auf Stoffwechselstress und latente Entzündung zurückzuführen (http://jonbarron.org/article/cholesterol-myth#.VqSlE0-N3Iw ) - dennoch haben wir es hier, so paradox es klingt, mit einem Cholesterinmangel zu tun.

 

 

 

Die Folge: Schleimhautzellen des Magen-Darm-Trakts können sich weder ausreichend differenzieren noch einen ausreichenden Schutz aufbauen. Folgen und Begleiterscheinungen sind Veränderungen der oben genannten Laborwerte, vor allem ein S-IgA-Mangel. Wie das ganz genau biochemisch vor sich geht, kann ich im Moment noch nicht erklären. Die Unverträglichkeit von vielen Nahrungsmitteln, die sich nicht in die bekannten Schemata einordnen lassen und außerdem Fernwirkungen im Organismus hervorrufen (vor allen Dingen an der Haut und an anderen Schleimhäuten!) lassen am wahrscheinlichsten diese Erklärung zu.

 

 

 

Darüber hinaus entwickelt sich aus diesem Fett Stoffwechselproblem ein echter Teufelskreis, der sich wechselseitig immer weiter verstärkt. So ließe sich beispielsweise erklären, warum mit der Zeit immer mehr „Nahrungsmittelunverträglichkeiten“ und Mangelzustände hinzukommen.

 

 

 

Das kann in der Tat so weit gehen, dass betroffene Patienten für magersüchtig gehalten werden und einer absolut unangebrachten psychiatrischen Therapie unterworfen werden. Welche umweltmedizinischen Faktoren hier eine Rolle spielen, kann man als Heilpraktiker nur erahnen. Ein umweltmedizinisch tätiger Spezialist bzw. Arzt mit einem entsprechenden labormedizinischen Fundus im Rücken könnte hier vielleicht eher für Klarheit sorgen.

 

 

 

Allgemein lässt sich das Problem anhand folgender Beobachtungen festmachen:

 

 

 

  • Verdauungssymptome sind meist für lange Zeit latent, subtil oder unklar

 

  • stattdessen stellt sich eine allgemeine Schwächung des Körpers ein, eventuell auch eine Abmagerung

 

  • in dieser Phase treten seltsame Nahrungsmittelunverträglichkeiten auf, auch auf Nahrungsmittel und Nahrungsergänzungsmittel, die in aller Regel nicht in dieses Schema passen (Histamin, Laktose, Fructose, biochemisch definierte Nahrungsmittelintoleranzen)

 

  • interessanterweise treten Störungen und Veränderungen an allen Schleimhäuten auf, beispielsweise Aphten, Fissuren etc.

 

  • in der Spätphase kommt es zu Hauterscheinungen, wie Ekzemen, Urticaria etc.

 

  • besonders schlecht vertragen werden: Nahrungsmittel mit Fetten, fettlöslichen Vitaminen, alle Arten von Zucker, alle Arten von Säure und interessanterweise auch Nahrungsergänzungen, die reich an sekundären Pflanzenstoffen, Enzymen und Antioxidantien sind

 

 

 

Da ich erst am Anfang meiner Beobachtung stehe, bin ich mir natürlich noch nicht sicher, ob ich dieses Problem bereits in seiner Tiefe erfasst habe. Ich halte es aber für sehr wahrscheinlich, dass sich eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung infolge solcher Störungen einstellen kann und nicht unbedingt nur die Ursache für solche Probleme ist. Das gilt natürlich besonders für Colitis ulcerosa, da die Fettverdauung im Dickdarm ja abgeschlossen ist.

 

 

 

Wenn es etwas Neues zu diesem Thema gibt, werde ich selbstverständlich in diesem Blog updaten!

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Philipp Sprecher (Donnerstag, 28 Januar 2016 13:04)

    Ein interessanter Artikel. Dies insbesondere auch, da ich bei meiner Crohn-Erkrankung ähnliche Erfahrungen gemacht habe. Neben den Nahrungsmitteln, die bei Darmerkrankungen allgemein als ungesund gelten wie Zucker, Getreide, Kaffee etc. habe ich festgestellt, dass auch Nahrungsmittel/-Ergänzungen, die generell empfohlen werden bei mir negative Auswirkungen haben. Dazu gehören Omega-3 Präparate (egal ob Fisch- oder Krill-Öl), Vitamin D, Fruchtsäfte (Säure, Zucker), Lecithin-Produkte und Produkte für Enzymtherapien. Dies kann vor allem zu Beginn einer Erkrankung frustrierend und auch verwirrend sein, da man sich gerne auf allgemeine Ernährungs-Empfehlungen verlässt. Erst die Erfahrungen können da weiterhelfen. Gleichzeitig zeigt sich auch wieder, dass die Krankheit Morbus Crohn viele Gesichter hat.

  • #2

    Andreas Ulmicher (Donnerstag, 28 Januar 2016 17:07)

    Hallo Herr Sprecher,

    Ja, diesen Frust teile ich durchaus, wenn auch aus einer anderen Richtung. Immer wenn man als Therapeut hinter was Neues "gestiegen" ist, wirft das sofort doppelt so viele neue Fragen auf. Man wird quasi nie "fertig".

    Wir alle haben noch einen verdammt langen Weg vor uns, die CED in ihrer kompletten Tiefe und Komplexität zu verstehen.