Wieso Sie unmittelbar nach einer Darm-OP das Essen verweigern sollten!

Als ich in 1997 am Dickdarm operiert wurde, wurde ich für sieben Tage nach der Operation ausschließlich über Infusionen ernährt. Danach begann langsam, Schritt für Schritt die Wiedereinführung der Nahrungsaufnahme. Zuerst mit leichten Suppen. Ich bin damals recht gut damit gefahren: etwa am zweiten bis dritten Tag nach der Wiederaufnahme des Essens hatte ich den ersten, unkomplizierten Stuhlgang.

 

Laut Patientenberichten wird das heute ganz anders gehandhabt!

 

Ich habe schon öfter von Patienten vernommen, dass diese bereits am zweiten Tag nach der Operation gegessen haben und spätestens am vierten Tag nach der Operation „normal“ essen mussten. Mit „mussten“ möchte ich ausdrücken, dass sie hochkomplexe Nahrungsmittel bekommen haben: Schweinebraten und Rotkraut vier Tage nach einer (komplizierten) Darm-OP. Das ist kein Witz!

 

Da kann man nur staunen - in einem negativen Sinne. So bestätigt sich immer wieder, dass in der Medizin so mancher Zug in die völlig falsche Richtung ab fährt.

 

Die Begründung für diese Umstellung ist übrigens, dass der Darm „möglichst bald nach der Operation zu einer normalen Tätigkeit angeregt werden soll“. Das macht aber nur dann Sinn, wenn man über die Angelegenheit nicht länger als eine halbe Minute Gedanken verschwendet. Hier wird von völlig falschen Voraussetzungen ausgegangen!

 

Das sind die Fakten:

 

  • Die Tätigkeit des Darms war vor der OP für eine geraume Zeit absolut nicht normal - ausgehend von dieser Ausgangslage ist es absolut wahnsinnig, zu erwarten, dass es dann völlig normal weitergeht. Auch wenn der entzündete Darmabschnitt bzw. die entzündeten Darmabschnitte nach der Operation entfernt sind: die ganze Koordination des Darms, dass Darm-Nervensystem, die Flora, das Immunsystem, das Enzymsystem und das Transportsystem waren auf den Umstand der Entzündung eingestellt. Das ist sicherlich weit vom optimalen Zustand entfernt, erhält dem Organismus aber seine Überlebensfähigkeit während der Krisensituation der Entzündung.

 

  • Durch die Darmreinigung bzw. das Abführen vor der OP ist der Darm nicht nur „sauber“, sondern auch vom großen Teil seiner natürlichen Darmflora befreit. Da die aber einen sehr wichtigen Faktor bei der Ernährung, der Aufnahme von Nährstoffen und der Versorgung der Darmschleimhaut darstellt, muss sich die Darmflora erst wieder aufbauen.

 

  • Das Darm-Nervensystem oder enterische Nervensystem ist ein hoch komplexes Geflecht von Nervenzellen, das den gesamten Darm durchzieht. Bei entfernten Darmabschnitten ist dieses an den entsprechenden Stellen durchtrennt. Über dieses Nervensystem wird aber die Koordination der Peristaltik, die verschiedenen Transportersysteme und natürlich auch die Enzymausschüttung vollzogen. Man kann bei einer oder mehreren „Unterbrechungen“ nicht erwarten, dass das System nach zwei oder drei Tagen wieder optimal funktioniert. Genauso wenig, wie man nach einem Schlaganfall erwarten kann, das verloren gegangene Fähigkeiten nach zwei oder drei Tagen wieder komplett neu erlernt werden können.

 

Zwar wird in der Medizin in den letzten Jahren intensiver am Darm geforscht als zuvor, diese Selbstverständlichkeiten werden allerdings in der Praxis bisher nicht beachtet. Der Patient muss darunter leiden.

 

Meine dringende Empfehlung für OP-Patienten daher: nehmen Sie einen langsamen Kostaufbau vor!

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Kommentare: 2
  • #1

    Florian (Montag, 28 September 2015 11:18)

    Ich kann mich erinnern, dass meinem Großvater direkt nach der Darm-OP (Darmkrebs) Cordon Bleu und Pommes serviert wurden! Unfassbar.

  • #2

    Andreas Ulmicher (Dienstag, 06 Oktober 2015 17:26)

    Das ist wirklich unfassbar!