Kann man mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen problemlos Proteinpulver nehmen?

Neulich ist mir diese Frage von einem sportbegeisterten Morbus-Crohn-Patienten gestellt worden: wirken sich Nahrungsergänzungen aus dem Sportlerbereich gesundheitlich auf chronisch-entzündliche Darmerkrankungen aus? Und wenn ja, dann wie?

 

Obwohl ich meine, beide Bereiche gut zu kennen, habe ich mich ehrlich gesagt noch nicht bis in die letzte Tiefe mit dieser Frage beschäftigt. Zunächst einmal ist zu sagen, dass es im Sportlerbereich sehr unterschiedliche Nahrungsergänzungen gibt: sehr allgemeine Nahrungsergänzungen, beispielsweise im Kraftsportbereich für den Masseaufbau. Das sind zum Beispiel kalorienreiche Eiweißpulver eventuell mit Kohlehydraten gemischt. Auf der anderen Seite wiederum gibt es sehr spezifische Nahrungsergänzungen, mit denen ganz bestimmte Stoffwechselvorgänge gezielt beeinflusst werden sollen. Ein Beispiel hierfür sind einzelne Aminosäuren oder Aminosäuren-Komplexe wie „BCAA“ (= Branch Chained Amino Acids, soviel wie: verzweigtkettige Aminosäuren).

 

Das bedeutet von vornherein schon einmal, dass die obige Frage nicht allgemein gültig beantwortet werden kann. Man muss den Zustand des Patienten analysieren und die Wirkung auf den Stoffwechsel der Nahrungsergänzungen gegenüberstellen. Erst dann kann man individuell zu einem Urteil kommen.

 

Nahrungsergänzungen werden bei Morbus Crohn, in einem geringeren Maße auch bei Colitis ulcerosa ja weit eingesetzt - freiwillig oder unfreiwillig

 

So genannte bilanzierte Diäten (wie beispielsweise Modulen, Fresubine, Biosorb etc.) werden bei den chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen eingesetzt, um den Darm nicht mit dem Verdauungsvorgang komplexer Nährstoffe zu belasten und so eine Verminderung der Entzündung zu erzielen. In der Kinderheilkunde wird dieses Verfahren bereits alternativ zu Kortison eingesetzt (ich habe in diesem Blog darüber berichtet).

 

Wenn ich die Nährstoffanalyse solcher Präparate sehe, kommt in mir manchmal der Verdacht auf, dass diese Stoffe in ihrer Zusammensetzung noch weit vom Optimum entfernt sind. Das betrifft zum Beispiel das Verhältnis von Omega-3- zu Omega-6-Fettsäuren, das Verteilungsspektrum von Aminosäuren, den Gehalt von Mehrfachzuckern und einige andere Faktoren - zum Beispiel auch die traurige Tatsache, dass einige dieser Produkte immer noch mit künstlichen Süßstoffen angeboten werden.

 

Aber was ist jetzt mit ausgesprochenen Sportlerpräparaten?

 

Diese natürlich von vornherein auf einen völlig anderen Einsatzzweck hin optimiert. Bei Proteinpulver geht es um den Aufbau von Muskelmasse. Es ist Sinn und Zweck dieser Präparate, leicht verdaulich zu sein und dem Körper hochwertiges Eiweiß zuzuführen.

 

Zieht man andere Faktoren ab (beispielsweise den Gehalt an künstlichen Süßungsmitteln), müssten diese Präparate zumindest in der Theorie sinnvoll bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen sein, vor allen Dingen wenn es zunächst darum geht, nicht allzu viel Muskelmasse zu verlieren und eventuell sogar noch eben solche aufzubauen. Dass dieser letzte Faktor unter den Bedingungen einer Entzündung extrem schwer ist, musste ich zu meinem eigenen Leidwesen in meiner Morbus-Crohn-Zeit selbst erfahren.

 

Die Frage ist vielmehr, ob sich die Präparate positiv, neutral oder sogar negativ auf die Gesamtgesundheit auswirken.

 

Eine Warnung gleich vorneweg: sollten Sie an Morbus Crohn leiden mit einer primären Entzündung im Bereich des letzten Dünndarmsegments und einer sekundären Entzündung im Bereich des Enddarms (der letzte Darmabschnitt vor dem Anus), sollten Sie in jedem Fall einen großen Bogen um eiweißreiche Präparate machen.

 

Warum?

 

Meiner Erfahrung nach stellt sich die sekundäre Entzündung im Enddarm bei Morbus Crohn häufig infolge einer stark vermehrten Fäulnisflora ein. Fäulnisflora aber vermehrt sich sehr stark, wenn Sie im Dickdarm in Kontakt mit unverdautem Eiweiß kommt. Finden sich im Dünndarm-Bereich - also da, wo die eigentliche Verdauung stattfindet - flächige Entzündungen, kann die Eiweißverdauung unterschiedlich stark beeinträchtigt sein. Das bedeutet erstens, dass das Eiweiß nicht da ankommt, wo es gebraucht wird (im aufbauenden Stoffwechsel der Muskulatur), aber sehr wohl da ankommt, wo es eben nicht gebraucht wird (im Enddarmbereich, wo es das Wachstum der Fäulnisflora anregt).

 

Auch sehr gute Eiweißpräparate richten in diesem Fall mehr Schaden an, als dass sie nutzen bringen: im Dünndarm werden Sie nicht resorbiert und bringen damit mehr Eiweiß in den Dickdarm, wo sie nur von der Fäulnisflora verwertet werden können. Auf diesem Wege kann sich die Entzündung im Enddarm noch einmal deutlich verstärken. Ich wage zu behaupten, dass dies im Extremfall zur Ausbildung einer Analfistel führen kann. Ich habe dieses Phänomen schon beobachtet bei magensafthemmenden Mitteln, die zu einer schlechteren Eiweißverdauung geführt haben.

 

Wie sieht es aus bei einer reinen Dünndarmentzündung?

 

Meinem Erachten nach kann bei einer reinen Dünndarmentzündung, falls diese nicht allzu ausgedehnt sein sollte und natürlich auch nicht übertrieben stark, ein leicht verdauliches Proteinpräparat eingesetzt werden. Ich empfehle allerdings, dass die Gesamt-Proteinzufuhr zumindest bei Beginn der Einnahme pro Tag keinesfalls 1,2 g/Kilogramm Körpergewicht überschritten werden sollte. Ausnahmen sind eventuell möglich bei einer „Paläo-Diät“ - hier kann auf 1,4-1,5 g/Kilogramm Körpergewicht und Tag gegangen werden. Bitte beachten Sie auch, dass diese Mengen das in Form von Nahrungsmitteln gegessene Eiweiß mit einschließen!


(Fortsetzung im nächsten Blog!)

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