Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen: sind Morbus Crohn und Colitis ulcerosa "idiopathisch" (ohne erkennbare Ursache)?

In diesen Tagen fand ich mich selbst mal wieder auf dem online-Portal für medizinische Studien, Pubmed wieder. Ich war neugierig und wollte erfahren, was es so Neues gibt. Die Wahrheit: nicht viel Neues in Bezug auf Medikamente. Ob der folgende kurze Artikel, der vor einiger Zeit in einem koreanischen Journal für Gastroenterologie veröffentlicht wurde, allerdings ein Umdenken in den Behandlungsstrategien der Medizin ankündigt, darüber darf nachgedacht werden.

 

Tenor der Behandlungsstrategien - bis heute

 

Der Artikel drückt sich galant in etwa so aus: (sinngemäß) „bis heute haben wir bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen quasi den Symptomen hinterher behandelt und versucht, Schadensbegrenzung zu betreiben. Es wird Zeit, dass sich das ändert. Das Konzept der so genannten Mukosa-Heilung (Mukosa ist das lateinische Wort für Schleimhaut) wurde zuerst in den frühen neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts aus der Taufe gehoben. Da man damals aber noch nicht über die Biologika verfügte, um bei anderweitig therapierefraktären Patienten eine Remission herbeizuführen, wurde das Konzept wieder in die Schublade gelegt. Die Entwicklung der TNF-α-Antikörper und weiterer Biologika jedoch macht es möglich, dieses Konzept ins Auge zu fassen.“ (sinngemäße Übersetzung Ende).

 

Daran ist ja zunächst einmal - objektiv betrachtet - nichts auszusetzen.

 

Stutzig wird man allerdings, wenn man bei diesem Artikel über folgende Schlagworte stolpert

 

Zunächst einmal werden chronisch-entzündliche Darmerkrankungen hier als „Idiopathisch“ bezeichnet. Das bedeutet so viel wie „aus sich selbst heraus entstehend“ oder etwas weniger rücksichtsvoll formuliert: „ohne erkennbare Ursache“. Die zweite Textstelle, die mich dazu bewogen hat, mich selbst am Kopf zu kratzen: „chronisch-entzündliche Darmerkrankungen beginnen mit einer Schädigung und Entzündung der Schleimhäute“.

 

Fasst man diese beiden Textstellen zusammen, so ergibt sich daraus das aktuelle Wissen der Medizin über chronisch-entzündliche Darmerkrankungen: chronisch-entzündliche Darmerkrankungen beginnen mit entzündlichen Veränderungen der Schleimhäute des Verdauungstrakts, die ohne erkennbare Ursache entstehen.

 

Aha.

 

Im Umkehrschluss klingt das in etwa so wie: „erst wenn ich da etwas erkennen kann, ist da auch etwas.“ Das ist eine interessante Schlussfolgerung gerade der so genannten "naturwissenschaftlichen" sowie "evidenzbasierten" Medizin. Einer Medizin, die sich mit Genen, Viren und Molekülen beschäftigt. Eine Kausalkette zu möglicherweise in der Zeit vor merkbaren Symptomen der Erkrankung geschehenen Systemfehlern wird wieder einmal nicht geschlossen.

 

Wie die Leser meiner Bücher und meiner Artikel wissen, gibt es aber auch bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen immer ein „Vorher“. Und selbst wenn es bei frühkindlichen Erkrankungen nur die „Vererbung“ einer belastenden Darmflora oder anderer umweltmedizinischer Belastungen auf den Organismus des Kindes ist.

 

Wann eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung beginnt, ist im Grunde genommen Definitionssache

 

Klar - Patienten haben eine Erstdiagnose. In aller Regel ist es jedoch so, dass die Krankheit wesentlich früher beginnt und gar nicht so selten zunächst gar nicht am Darm selbst bemerkt wird, sondern ganz woanders. So können beispielsweise Allergien aller Art Hinweise sein auf mikroskopisch kleine entzündliche Läsionen in der Darmschleimhaut. So kann eine deutlich erhöhte Infektanfälligkeit ein Hinweis darauf sein, dass die Darmschleimhaut durch exogene und endogene Stressbelastungen (also Stressbelastungen vom Stoffwechsel oder von der Psyche oder durch eine Kombination dieser beiden Faktoren) in ihrer Funktion geschwächt ist.

 

Dass Stress aller Art die Gefäße verengt und damit in letzter Konsequenz auch die Durchblutung der Schleimhäute vermindert, ist eine bekannte Tatsache. Mögliche Folgen sind zum Beispiel die verminderte Sekretion von sekretorischem Immunglobulin A oder aber so genannte „Transporterdefekte“ - die zum Beispiel zu einer Nahrungsmittelintoleranz führen können (zum Beispiel Fructose).

 

Studiere ich die Krankheitshistorie von Patienten mit Morbus Crohn bzw. Colitis ulcerosa, so finde ich vermehrt solche Zustände vor der Erstdiagnose. Und zwar teilweiselange davor. Klinisch verifiziert und abgesichert.

 

Wie wäre es, liebe „evidenzbasierte Medizin“, wenn man bereits einmal an dieser Stelle ansetzen würde?

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