Ein plausibler Erklärungsansatz, wieso Probiotika bei manchen Patienten die Situation verschlimmern

Als Patient einer chronisch-entzündliche Darmerkrankung wurde Ihnen bereits sicherlich an der ein- oder anderen Stelle empfohlen, nützliche Darmbakterien zu Unterstützung einzunehmen. Vielleicht haben Sie auch schon von einem Bekannten mit der gleichen Erkrankung gehört, dass diese ihm wunderbar geholfen haben. Sie probieren die gleichen Probiotika aus - und die Beschwerden verschlimmern sich eher.

 

Wenn Sie auf einschlägige Internetseiten mit Informationen zu probiotischen Nahrungsergänzungen gehen, werden sie dort vielleicht den Hinweis finden, dass es sich dabei um „Entgiftungserscheinungen“ handeln muss. Also sind Sie tapfer und schlucken weiter. Aber die Beschwerden verbessern sich nicht. Im Gegenteil: eventuell kommen sogar noch Schleim und Blut bei den Stuhlgängen dazu, wo diese vorher nicht bestanden. Oder die Blähungen erreichen ein unerträgliches Niveau.

 

Liegt das an Ihnen oder an den Probiotika?

 

Eines vorneweg: die therapeutischen Darmbakterien, die Sie einnehmen, sind deswegen nicht schlecht. Schließlich haben sie ja Ihrem Bekannten geholfen! Also liegt das Problem nicht grundsätzlich beim Arzneimittel. Es gibt verschiedene Hypothesen zum Thema, warum Probiotika bei dem Einen wunderbar helfen, bei dem Anderen hingegen gar nicht - oder sie Situation sogar noch verschlechtern. Ich bin selbst ein starker Verfechter der Hypothese, dass das Darmmilieu von diversen Problemen im Organismus in negativer Weise „ferngesteuert“ wird, ähnlich wie ein kaputter Thermostat „von außen“ die Temperatur in einem bestimmten Raum aus dem Ruder laufen lässt. Entweder zu heiß oder zu kalt!

 

Eines dieser Probleme hört auf den schönen Namen „endokrine Disruptoren“. Darunter muss man sie Stoffe vorstellen, die menschlichen Nervenbotenstoffen sehr ähnlich sind und die der Körper deswegen bereitwillig aufnimmt. Sie können die echten Hormone verdrängen bzw. ersetzen. Erinnern wir uns: die Wissenschaft hat in den letzten Jahren herausgefunden, dass alle Nervenbotenstoffe, die im Gehirn vorkommen, auch im Darm zu finden sind. Also können „endokrine Disruptoren“ auch im Darm-Nervensystem ansetzen und dort zu Störungen führen. Zum Beispiel zu solchen der Kommunikation zwischen dem darmassoziierten Immunsystem (GALT = Gut associated lymphatic tissue) und der Bakterienflora, die im Darm sitzt.

 

Das Ergebnis: freundliche Darmbakterien werden „nicht erkannt“!

 

Der gestörte Funkverkehr sorgt dafür, dass freundliche Bakterienstämme wie beispielsweise Bifidus oder Lactobacillus schlicht und ergreifend nicht als freundlich erkannt werden und dementsprechend eine immunologische Reaktion auslösen. Diese Reaktionen können in eine Reizung bzw. Entzündung des Darms münden. Damit wird allerdings auch klar, warum das „mit den guten Darmbakterien“ in diesem Falle nicht funktionieren kann. Denn auch diese werden natürlich nicht als freundlich erkannt. Vielmehr denkt das Immunsystem: „noch mehr von diesen Dingern!“ - Und macht dementsprechend noch stärker mobil als zuvor.

 

Die Folge ist, dass das subjektive Befinden, ja sogar die objektiven Laborwerte, schlechter werden können

 

Zur Überraschung und zum Erstaunen des Patienten wird die Situation eher noch verschlimmert. Ich habe schon vereinzelt gehört, dass Blutungen aus dem Darm da auftreten, wo vorher keine waren, nachdem eine Weile bestimmte Probiotika eingenommen wurden. Das ist sicherlich extrem und kommt auch nicht allzu häufig vor.

 

Dennoch müssen wir im Sinne einer integrativen Medizin der Zukunft endlich damit anfangen, den Begriff der „Darmsanierung“ zu erweitern. Darmsanierung bedeutet eben nicht nur, die Darmflora mit guten Bakterien zu unterstützen bzw. (wieder) aufzubauen. Es bedeutet in allererster Linie auch, mögliche Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die einer ganzheitlichen Behandlung der Darmentzündung im Weg stehen.

 

Auf der anderen Seite machen solche Dinge bewusst, dass „freundliche und harmlose“, da naturähnliche Stoffe - wie Sie beispielsweise in Kosmetikartikeln oder Hygieneartikeln vorkommen - ausgesprochen heimtückisch für die menschliche Gesundheit sein können. Dass jeder unterschiedlich sensibel auf solche Stoffe reagiert, macht die Sache leider nicht einfacher.

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