Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen und Ernährung: wie scharf darf es denn sein?

Als Patient einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung stehen Sie wahrscheinlich mit Gewürzen auf Kriegsfuß. Ich möchte an dieser Stelle einen satirisch übertriebenen Dialog wiedergeben, den ich vor einiger Zeit so ähnlich mit einer Patientin hatte - nur wie gesagt: er ist übertrieben. Dennoch musste ich während des Gesprächs schmunzeln.

 

Patientin: „bis zu diesem Tag war der Stuhlgang normal fest, danach ist er für zwei oder drei Tage wieder breiig geworden!“

Ich: „hatten Sie an dem Tag Stress oder hat etwas mit ihrer Ernährung nicht gestimmt?“

Patientin: „ich hatte mal Lust auf Ketchup.“

Ich: „Naja, Ketchup ist eigentlich ein No-Go bei CED.“

Patientin: „es war scharfer Ketchup.“

Ich: „was denn für eine Sorte?“

Patientin: „Ich glaube das hieß irgendwie Red Chili Habanero oder so ähnlich - es war aber wirklich nicht viel!“

Ich (erschrocken): „das sind 200.000 Scoville-Einheiten! Davon bekomme sogar ich Durchfall!“

 

Na wenn das einmal keine Bestätigung für einen Therapeuten ist! Wenn eine Gewürzsauce so scharf ist, dass ein Warnhinweis auf der Flasche steht, und eine Colitis-Patientin bekommt davon breiigen Stuhlgang zeigt das immerhin, dass die Behandlung angeschlagen hat…

 

Jetzt aber wieder zurück zum Ernst des Lebens…

 

Auch wenn dieser Dialog, den ich so ähnlich schon einmal hatte, satirisch dramatisch überzeichnet ist: manche Crohn-bzw. Colitis-Patienten vertragen durchaus moderates Würzen. Nur: wie kann man feststellen, dass man es verträgt und wie viel davon?

 

Zunächst einmal: im Schub isst man besser „fad“. Bestenfalls eine kleine Prise Küchenkräuter und sehr vorsichtig dosiert etwas Steinsalz kann man im Schub bei Schonkost zumuten - was darüber hinausgeht, ist schon zu viel. Bei starken Durchfällen wird natürlich Salz benötigt, um den Elektrolytverlust auszugleichen. Aber hier soll es weniger Salz gehen. Vielmehr soll es um die Gewürze gehen, ohne die eine schmackhafte Küche eigentlich nicht denkbar ist: Pfeffer, Nachtschattengewächse, Curry, Zwiebel, Knoblauch, Piment und was sich sonst noch so im Küchenregal findet.

 

Zunächst einmal: Nachtschattengewächse sind meist problematischer als andere Gewürze

 

Ich meine, vor einigen Jahren bei Pubmed sogar mal eine Studie gelesen zu haben, dass Paprika-bzw. Chilipulver im Verhältnis etwa zu schwarzem Pfeffer die Poren der Darmschleimhaut stärker erweitert und den Darm sozusagen durchlässiger macht.

 

Tatsächlich reagieren die meisten (mehr als 70 %) Patienten mit einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung sehr empfindlich auf Gewürze auf der Basis von Nachtschattengewächsen: beispielsweise Paprikapulver oder Cayennepfeffer. Und zwar wesentlich empfindlicher als auf schwarzem Pfeffer oder Curry mit vergleichbarer Schärfe.

 

Unterschiedliche Ernährungstypen reagieren unterschiedlich auf Gewürze

 

Ich habe auch in meinem Ernährungsratgeber bei Morbus Crohn Colitis ulcerosa zwei grundsätzlich verschiedene Ernährungstypen angesprochen, die ich analog zu meinen Erfahrungen bezüglich Ernährungsberatung bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa den „enzymorientierten“ Typ und den „basischen“ Typ genannt habe.

 

Der erste Typ hat oft eine Vorgeschichte mit einem schwachen Immunsystem und einer schwachen Verdauung. Beschwerden bekommt er bzw. verstärkt sich bei ihm in aller Regel unter Stress, da dieser Immunsystem und Verdauung weiter schwächt. Dieser Typ ist relativ empfindlich gegen über größeren Mengen Salz, kann aber zumindest während der schubfreien Phase moderates Würzen recht gut vertragen. Die Gewürze aus Nachtschattengewächsen bereiten natürlich auch ihm häufig Probleme, allerdings nicht immer.

 

Der zweite Typ hat in aller Regel an sich eine normale Verdauungskraft, aber eine Vorgeschichte mit Allergien und überschießenden Reaktionen des Immunsystems. Dieser Typ benötigt in aller Regel mehr Eiweiß und reagiert schlecht auf Obst. Er benötigt auch Salz (wohl gemerkt: hochwertiges Salz!), knickt aber beim Thema würzen bei allem, was über die üblichen mediterranen Küchenkräuter wie Rosmarin, Thymian oder Schnittlauch hinausgeht, ein. Nachtschattengewächse bereiten diesem Typ oft große Probleme.

 

Wenn Sie meinen Ernährungsratgeber kennen sollten: in der schubfreien Phase bzw. wenn die Krankheit ruht ist als „enzymorientierter Typ“ gegen den moderaten Gebrauch von Gewürzen nichts einzuwenden. Seien Sie allerdings sehr vorsichtig als „basischer Typ“ - und zwar unabhängig davon, ob Sie sich gerade in einer Ruhephase befinden!

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