Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen: inwieweit sind Stuhltransplantationen einer Probiotika-Therapie überlegen?

Stuhltransplantation: diese neue, "alternative" Therapie ist gar nicht mal so neu. Erste Experimente mit Stuhltransplantation - das ist das Einführen von "Fremdstuhl" in den Enddarm eines darmkranken Patienten - gab es nämlich bereits in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Seit ungefähr zwei oder drei Jahren steht diese unkonventionelle Therapie wieder in der Diskussion: auf der einen Seite wird von beachtlichen Erfolgen bei Colitis ulcerosa gesprochen, auf der anderen Seite heißt es: weder dauerhaft, noch so wirkungsvoll, wie man sich versprochen hat.

 

Stuhltransplantation erzielt positive Resultate

 

Doch etwas muss die Stuhltransplantation ja an sich haben - denn bei vielen Patienten, auch bei solchen, bei denen die Standardtherapie nicht wirkt, erzielt sie positive Ergebnisse. Diese sind teilweise ganz bemerkenswert. Allerdings sind diese Erfolge über einen längeren Zeitraum dennoch wieder mit Rückschlägen verbunden. Dass eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung mittels dieser Therapie vollständig geheilt werden kann, wird stark bezweifelt.

 

Die Anwendung wirft eine Frage auf:warum nicht einfach Probiotika geben?

 

Man darf sich schon die Frage stellen, ob es nicht einfacher wäre, statt der „schmutzigen“ Stuhltransplantation einfach „saubere“ Darmbakterien in Kapselform zu geben, die sich dann im Enddarm ausbreiten und das Milieu verbessern. Allerdings gibt es einige handfeste Gründe, warum die Stuhltransplantation im Zweifelsfall deutlich besser funktioniert als das schlucken von Probiotika-Kapseln.

 

  • Probiotika-Präparate entsprechen einer labortechnisch entworfenen Idealvorstellung von der menschlichen Darmflora. Ob dies tatsächlich so ist und ob diese „Ideal-Darmflora“ tatsächlich für jede individuelle Person ideal ist, ist mehr als zweifelhaft - zumal quasi jeder Tag neue Erkenntnisse über die Darmflora bringt.

 

  • Bei der Stuhltransplantation werden nicht nur Darmbakterien, sondern auch zu einem gewissen Grad das Milieu auf den Empfänger „exportiert“ - d.h. die gesunden Darmbakterien haben auch den Nährboden, indem Sie sich vermehren können.

 

  • Im Gegensatz dazu bauen residente Darmbakterien eine so genannte Kolonisationsresistenz auf, die es Darmbakterien aus Probiotika quasi unmöglich macht, sich dauerhaft in der Darmschleimhaut anzusiedeln.

 

Die Gründe dafür, warum es nicht unbedingt immer mit der Stuhltransplantation klappt

 

Bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, die den Dickdarm und Enddarm betreffen, wird häufig eine Abweichung von der Idealflora festgestellt. „Implantiert“ man eine Idealflora mitsamt ihrem Milieu, müsste sich eigentlich immer eine Verbesserung ergeben. Das tritt in der Praxis jedoch bei weitem nicht immer ein. Hier die Gründe:

 

  • Auch ein Patient mit einer Enddarmentzündung kann eine von ihrer Zusammensetzung her relativ normale Darmflora haben - die Entzündung wird dann von einem oder mehreren anderen Faktoren bestimmt.

 

  • Diese Faktoren können - aus Sicht der Naturheilkunde - sogar außerhalb des Darms sein. Beispielsweise ein so genanntes „Herdgeschehen“ mit Fernwirkung auf den Darm. In diesem Fall sind Maßnahmen direkt am Darm nur von bescheidenem Erfolg gekrönt.

 

  • Dann besteht natürlich immer ein Kompatibilitätsproblem: selbst Menschen, die zusammen leben und sogar solche, die mehr oder weniger den gleichen Lebensstil (Essen, Bewegung, Stress etc.) pflegen, können völlig unterschiedliche Stoffwechsel aufweisen. So hat der eine vielleicht einen zu sauren Darm, der andere einen zu basischen usw. Diese Faktoren können ausgeschlossen werden, indem der „Spenderstuhl“ vor der Transplantation auf seine Eignung untersucht wird. Die ersten beiden Faktoren hingegen sind medizinisch gesehen nur relativ wenig beeinflussbar.

 

Stuhltransplantation - keine dauerhafte Lösung?

 

So oder so - es ist wie überall in der Medizin und der Heilkunde - bei einigen wird diese Methode erfolgreich sein, bei einigen nicht. Selbst bei erfolgreicher Behandlung steht im Zweifel, ob eine dauerhafte Genesung gelingen kann. Es gibt viele, unterschiedliche Einflussgrößen, die sich auf die Darmentzündung auswirken. Allein mit einer Stuhltransplantation können nicht alle diese Faktoren erfasst und beeinflusst werden.

 

Auf der anderen Seite muss man das natürlich auch mal positiv sehen: wenn eine Stuhltransplantation einem Patienten für etliche Monate, eventuell sogar Jahre Beschwerdefreiheit bescheren kann ohne Medikamente oder nur mit einem minimalen Einsatz von Medikamenten, ist das sicherlich wesentlich positiver für die Gesamtgesundheit als eine dauerhafte Therapie über den gleichen Zeitraum mit starken Immunsuppressiva!

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