Azathioprin und Bauchspeicheldrüsenentzündungen

Durch irgend eine medizinische Fachzeitschrift geistert dieser Tage mal wieder ein Artikel, dass auch pflanzliche Arzneimittel eine Bauchspeicheldrüsenentzündung auslösen können. Man tut überrascht und hat einmal mehr einen Grund, auf die überflüssigen Gefahren der Naturheilkunde hinzuweisen und einmal mehr unter die schützenden Fittiche der „Schulmedizin“ zu fliehen…oder?

 

Ich konnte mir an dieser Stelle, ehrlich gesagt, ein wenig Sarkasmus nicht verkneifen.

 

Zunächst einmal: Extrakte aus pflanzlichen Medikamenten sind als solches „Drogen“ und daher ab einer bestimmten Dosierung schädlich. Das ist nichts Neues und das ist für jeden, der Naturheilkunde betreibt, selbstverständlich. Keine Substanz aus der Natur ist in jeder Menge harmlos. Sie streuen sich Salz auf ihr Essen aber würden wohl kaum auf die Idee kommen, 100 g Salz auf einmal zu verzehren, oder?

 

Jetzt aber mal zu den Fakten

 

Von 100.000 Personen sind pro Jahr etwa 20 von einer Bauchspeicheldrüsenentzündung betroffen, entsprechend einer Quote von 0,02 %. Risikopatienten sind dabei Diabetiker, Patienten mit einer immunologischen Erkrankung und Patienten mit Leber- oder Gallenproblemen. Und diejenigen, die ein Immunsuppressivum einnehmen (und diejenigen, die pflanzliche Präparate wie etwa Baldrian oder Teufelskralle ohne Maß und Ziel einnehmen, das sei an dieser Stelle noch einmal extra erwähnt).

 

Zu den diesbezüglich besonders heiklen Immunsuppressiva gehört – natürlich - das Azathioprin

 

Azathioprin besteht aus einem Harnstoff-Derivat und noch einer weiteren Verbindung, jetzt aber etwas weniger interessant ist. Die Substanz wurde in den sechziger Jahren erstmalig zur Verhinderung von Abstoßungsreaktionen bei Organtransplantation eingesetzt. Etwa 30 Jahre später erkannte man ihr Potenzial, überschießende immunologische Reaktionen zu unterdrücken. Seit etwa Mitte der Neunzigerjahre wird es bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen eingesetzt.

 

Man versucht über die Langzeit-Einnahme des Medikaments Kortison auszuschlagen und damit dessen unerwünschte Langzeit-Nebenwirkungen zu vermeiden. Neben Bauchspeicheldrüsenentzündungen hat Azathioprin folgende Nebenwirkungen:

 

  • Erhöhtes Infektionsrisiko
  • Haarausfall
  • Erbrechen
  • Appetitverlust
  • Fieber
  • Entzündungen der Gelenke
  • Gewichtsverlust
  • Veränderungen des Blutbildes und der Leberwerte

 

Die Quote nach meiner Beobachtung

 

Bisher erkranken meiner Beobachtung nach etwa 2 % aller Patienten mit einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung, die das Präparat langfristig anwenden, irgendwann während der Anwendung an einer Bauchspeicheldrüsenentzündung. Die weitaus meisten Verläufe sind leicht und mittelschwer. Damit liegt die Quote um den Faktor 100 über dem Durchschnitt der Bevölkerung.

 

Dabei ist natürlich auch zu berücksichtigen, dass die Quote bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen aufgrund der Komplikationen für sich bereits erhöht ist. Besonders „gerne“ stellt sich eine Bauchspeicheldrüsenentzündung dann ein, wenn:

 

  • Die Anwendung länger als anderthalb bis zwei Jahre dauert.
  • Im Zusammenhang mit Alkohol.
  • Im Zusammenhang mit Zucker (größere Mengen über einen langen Zeitraum bei vermeintlicher Beschwerdefreiheit des Darms).
  • Im Zusammenhang mit Komplikationen der Gallenwege (zum Beispiel PSC).
  • Im Zusammenhang mit einem chronisch-aktiven Verlauf, wobei Azathioprin die Symptome häufig nicht ausreichend unterdrücken kann.
  • In Zusammenhang mit einer Therapie mit MTX (Methotrexat).
  • In Verbindung mit einer Therapie mit „Biologika“ (Adalimumab – Infliximab).

 

Das sind jedenfalls bisher meine Beobachtung. Zu gegebener Zeit folgt ein Update…

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