Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen: hat Entyvio einen „Mehrwert“?

Seit Mai diesen Jahres wird es bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen eingesetzt: „Vedolizumab“, unter dem Markennamen Entyvio bekannt. Kürzlich brachte das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) einen Artikel heraus, der den Zusatznutzen für Entyvio anzweifelt.

 

Hat der Begriff „Zusatznutzen“ immer unmittelbar etwas mit Wirksamkeit zu tun?

 

Tatsächlich sind bei solchen Artikeln Missverständnisse vorprogrammiert. Wenn man das Dossier durchliest, wird ziemlich schnell klar, dass es gar nicht so direkt um die Wirksamkeit des neuen Medikaments geht, sondern vielmehr um die Tatsache, dass der Hersteller keine geeigneten, d.h. vergleichbaren Studien zu bereits etablierten Medikamenten (wie z.B. Adalimumab, Infliximab) liefert. Das ist ein großer Unterschied!

 

Ein neues Präparat, das zur Bekämpfung der Entzündung eingesetzt wird, muss sich immer an bereits etablierten Medikamenten messen lassen. Natürlich: jede Neuentwicklung weckt zuerst einmal Hoffnung. Das eigentlich Entscheidende ist allerdings die Praxis. Naturgemäß dauert es 2-3 Jahre, bis man die tatsächliche Wirksamkeit von Entyvio im Verhältnis zu den bereits bekannten Medikamenten Remicade und Humira beurteilen kann. Ich selbst habe im Moment gerade erst zwei Patienten, die mit diesem neuen Mittel therapiert werden, in meiner Behandlung und kann beim besten Willen noch keine Aussage treffen.

 

Vedolizumab: sehr zielgerichtet, aber anders als TNF-α-Blocker

 

Alle neuen Medikamente, die mit dem Oberbegriff „Biologika“ beschrieben werden, sind sehr zielgerichtete Medikamente. Man spricht auch von monoklonalen Antikörpern. Das bedeutet, dass sie nur einen entzündungsfördernden Stoff im Körper hemmen. Dies allerdings mit äußerster Konsequenz. Der neue Wirkstoff blockiert ein Integrin. Das ist ein Stoff, den Lymphozyten brauchen, um sich an eine bestimmte Art von Gewebe bzw. bestimmte Arten von Zellen heften zu können. Die Lymphozyten können damit nicht in das entzündete Gewebe einwandern. Theoretisch liegt der Vorteil beim neuen Medikament darin, dass es nur im Darm wirkt. Ob das in der Praxis so bleibt, wird die Zeit zeigen.

 

Um es nicht zu kompliziert werden zu lassen: das neue Medikament wirkt immunsuppressiv, die Verstärkung oder Ausbreitung einer Entzündung wird verhindert. Dass das Ganze im ganzheitlichen Sinne nicht unbedingt optimal ist, kann man sich vorstellen. Aus Sicht der Medizin schon jetzt über die Wirksamkeit, den Erfolg oder den Misserfolg zu urteilen, halte ich dagegen für unangebracht.

 

Allerdings: die bisherigen Wirkstoffe haben auch nicht gehalten, was sie versprechen

 

Das muss man an dieser Stelle einfach noch einmal wiederholen: alle neuen Wirkstoffe oder neu für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen eingesetzten Wirkstoffe sind mit großer Hoffnung an den Staat gesetzt worden und als „Durchbruch“ propagiert worden. Jahre praktischer Erfahrung haben diese so genannten „Durchbrüche“ in jedem Fall relativiert. Aus ganzheitlicher Sicht hat das gezielte „Verhindern“ einer Entzündung durch Eingriff an einen bestimmten spezifischen Immunbotenstoff lange nichts mit einer ursächlichen Therapie zu tun.

 

Ich stehe dem neuen Medikament genauso skeptisch gegenüber wie seinerzeit den ersten Biologika und einige Rückmeldungen von Ärzten sagen mir, dass ich mit meiner Meinung nicht alleine dastehe.

 

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