Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen: warum der Darm winzige Entzündungen sogar braucht!

So eine Labormaus hat kein einfaches Leben: ständig wird sie für die Wissenschaft missbraucht. Das hat man auch mit Mäusen gemacht, denen ein entzündungsvermittelnder Faktor biochemisch entfernt wurde: Nf-κB (sprich: NF-Kappa-B). Nf-κB gehört zu den so genannten „Entzündungsmediatoren“, also Stoffen, die quasi als Nachrichtendienst vom Immunsystem eingespannt werden und einen Entzündungsprozess anregen.

 

Eigentlich hat man erwartet, dass diese Mäuse wesentlich resistenter gegenüber großflächigen Darmentzündungen wären und insgesamt auch wesentlich gesünder. Doch das Gegenteil war der Fall: die Mäuse ohne Nf-κB erwiesen sich nicht nur als anfälliger gegenüber Infektionen, sondern auch gegenüber großflächigen Darmentzündungen. Das sollte vor allen Dingen jenen zu denken geben, die chronisch-entzündliche Darmerkrankungen immer nur als „Autoimmunerkrankungen“ betrachtet haben und versucht haben, diese mit den entzündungshemmenden Medikamenten zu bekämpfen. Einige von diesen Medikamenten greifen nämlich tatsächlich bei Entzündungsbotenstoffen wie Nf-κB an und verhindern die Vermittlung einer immunologischen Reaktion.

 

Und das könnte langfristig sogar das falsche sein!

 

Der Darm birgt in sich ein subtiles Gleichgewicht. Das muss er allein schon einmal aus dem Grund, da er permanent zwischen Freund und Feind unterscheiden muss: er muss Proteine aus der Nahrung erkennen, damit er sie in den Körper integrieren kann, aber auch Eiweißbausteine, die fremd oder feindlich sind, abwehren bzw. bekämpfen.

 

Dazu brauchte eine komplexe Interaktion zwischen: dem darmassoziierten Lymphsystem, der Schleimhautbarriere mit all ihren Funktionen („tight junctions“, Sekretorisches Immunglobulin A etc.), der Bakterienflora - und den erwähnten immunologischen Botenstoffen, die, wenn es hart kommt, auch eine Entzündung übermitteln. Ein aufschlussreiches Gespräch zwischen mir und einem angehenden Professor der Gastroenterologie vor einigen Jahren endete mit den laienhaften Worten: „wenn das Immunsystem im Darm nicht ständig Manöver veranstalten würde, wir wären gar nicht lebensfähig!“

 

Diese Manöver bestehen darin, dass der Darm sich in sehr geringen Mengen Antigene ins darmassoziierte Immunsystem holt, um an ihnen gleichsam zu trainieren. Dabei werden die erwähnten Entzündungsprozess Stoffe vermittelt und lösen winzige, lokal sehr begrenzte Entzündungen aus. Mit dem bloßen Auge könnte man so etwas gar nicht erkennen: die Darmschleimhaut sieht großflächig rosig und gesund aus.

 

Würde man die Entzündungsbotenstoffe wie Nf-κB aus der Gleichung herausnehmen, würden die Antigene das Zusammenspiel zwischen Darm und unspezifischem Immunsystem sehr schnell überfordern, der Darm würde krank. Gesundheit und Stabilität des Darms sind also lokal begrenzten „Manövern“ zu verdanken.

 

Auch hier bestätigt die moderne Forschung einmal mehr indirekt altes, ganzheitliches Wissen: die Dosis macht das Gift. Übertragen auf den Alltag bedeutet dies, dass wir in kleinen, harmlosen Entzündungsvorgängen wie beispielsweise einer Erkältung keinen Feind, sondern einen Freund sehen sollten. Das gleiche gilt für den akuten Durchfall. Hätten wir diese Dinge nicht, würden wir langfristig chronisch krank werden.

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