Probiotika - dieses Problem wird zu Anfang der Therapie häufig übersehen!

Mir werden zu Anfang einer Therapie oft Fragen wie diese hier gestellt: „kann bzw. soll ich meine Probiotika weiter nehmen?“ Oder: „wieso verordnen Sie keine Probiotika?“

 

Zu Beginn einer Therapie setze ich nur extrem selten Probiotika ein und ich empfehle meinen Patienten auch am Anfang der Therapie nicht unbedingt, diese weiter zu nehmen, es sei denn, es haben sich bereits vorher nachweislich gute Erfolge damit eingestellt oder die nützlichen Darmbakterien haben einen entscheidenden Beitrag zur Remissionserhaltung geleistet.

 

Ein Berufskollege, selbst von Colitis ulcerosa betroffen, erzählte mir vor kurzem folgendes: „jeder Experte für Magen-Darm-Erkrankungen verordnet nützliche Darmbakterien, die bei mir allerdings niemals einen positiven, therapeutischen Effekt hatten.“

 

Ist der Darm bzw. ist die Darmkrankheit „ferngesteuert“?

 

Wenn es nach den Therapeuten bzw. Anwendern geht, sollen Probiotika so funktionieren: Sie sollen das Darmmilieu zum positiven verändern, den pH-Wert stabilisieren, die Schleimhautbarriere stabilisieren und für eine positive Interaktion zwischen Flora und lymphatischen System sorgen, kurz, der Entzündung den Nährboden entziehen. Da stellt sich natürlich die Frage, warum Probiotika in vielen Fällen die Beschwerden verstärken, zum Beispiel für stärkere Blähungen und Durchfälle sorgen. Auch der hier von Herstellern von Probiotika oft gebrachte Hinweis auf das Problem „Erstverschlimmerung“ trifft hier nicht ins Schwarze - zu viele Patienten habe ich schon kennen gelernt, die die Präparate monatelang einnahmen und dennoch keinen positiven Effekt, auch langfristig erzielten.

 

Das liegt einfach nur an der Tatsache, dass bei einer chronischen Entzündung das vegetative Nervensystem, bestimmte Hormone und bestimmte biochemische Vorgänge im Körper allgemein verändert sind und diese Veränderungen natürlich auch eine Fernwirkung auf den Darm haben! Fernwirkung bedeutet beispielsweise: chronischer Stress (zum Beispiel oxidativer Stress durch die Entzündung) sorgt für eine Verengung der Blutgefäße, die zu den Darmschleimhäuten führen, damit zu einer verminderten Organdurchblutung und zu einer eingeschränkten Funktion. Das Milieu verändert sich und kann auch durch den Einsatz von Probiotika nicht normalisiert werden.

 

Es dürfte klar sein, dass ich an diesem Punkt als erstes den oxidativen oder auch nitrosativen Stress behandeln muss, bevor ich in irgendeiner Weise versuche, mit Probiotika irgendetwas am Darmmilieu zu verändern. Hier mal so ein kleines Beispiel:

 

Zur Pufferung der freien Radikale kann man potente Antioxidantien verordnen, ohne auf die üblichen Nahrungsergänzungsmittel zurückzugreifen. Es kämen zum Beispiel Anthocyane, Astaxanthin, Gerbstoffe infrage.

 

Gleichzeitig muss man - wo auch immer der „Stress“ im Körper herkommt - die Reaktionen des vegetativen Nervensystems stabilisieren. Ich habe auf diesem Feld sehr gute Erfahrungen gemacht mit Corpus pineale suis (Extrakt der Zirbeldrüse) in homöopathischer Potenz in Kombination mit Komplexmitteln, die einige oder alle der folgenden Mittel in Kombination enthalten: Calcium phosphoricum, Acidum phosphoricum, Panax ginseng, Zincum valerianicum, Eleutherococcus senticosus, Kalium phosphoricum.

 

Das sind natürlich Beispiele, die auf viele Patienten, aber nicht auf alle zutreffen. Wie man es aber dreht und wendet -  Stoffwechselfaktoren im Körper, die das Milieu im Darm fundamental, tief greifend und langfristig verändert haben bzw. dieses noch tun, müssen mindestens neutralisiert werden, bevor man irgendetwas am Darm selbst machen kann - zum Beispiel nützliche Darmbakterien zu geben.

 

Das gleiche trifft übrigens auch auf das Thema „entgiften“ zu: das kann man am Anfang fast nie, wenn sich der Patient in einen Zustand vegetativer Reizung (durch Stoffwechselstress, oxidativen Stress, nitrosativen Stress) befindet - der Körper ist in einer solchen Situation nicht in der Lage, zu entgiften. Liegt eine vegetative Erschöpfung vor (bei chronisch-entzündlichen Erkrankungen ist das häufig der Fall) kann man ebenfalls nicht entgiften, ohne eine massive Erstverschlimmerung und damit eine erhebliche Beeinträchtigung der Lebensqualität zu riskieren.

 

In diesem Sinne also: erst balancieren, dann therapieren!

Kommentar schreiben

Kommentare: 0