Morbus Crohn / Colitis ulcerosa - "gezielte" Medikamente gegen "multifaktorielles" Geschehen?

Bei chronischen Krankheiten gibt es in der Medizin so genannte "therapeutische Leitlinien"...


Bei den Erkrankungen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa sehen die in etwa so aus: das erste- und Basismedikament ist Mesalazin (5-Amino-Salicylate), oder, falls Gelenkschmerzen hinzutreten sollten, auch Sulfasalazin. Im ersten akuten Schub wird normalerweise mit hohen Dosen von Kortisonpräparaten gearbeitet und außerhalb des Schubs bei leichten Beschwerden mit Budesonid, einem lokal wirksamen Kortisonpräparat. 

 

Sollten Kortisonpräparate nicht wirken oder eine längerfristige Therapie ein anderes Vorgehen notwendig machen, wird mit Immunsuppressiva gearbeitet: Azathioprin oder 6-Mercaptopurin, dann und wann auch mit Ciclosporin oder MTX. Ist die Situation festgefahren, kommen die so genannten "Biologicals" oder Biologika an die Reihe: derzeit sind das Adalimumab (Humira) bzw. Infliximab (Remicade), weitere, wie Certolizumab oder Vedolizumab sind in der "Warteschleife" zur Zulassung für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen.

 

Hilft das wiederum alles nichts, wird operiert, wenn das aus welchen Gründen auch immer nicht geht, ist der Patient "austherapiert".

 

Ich habe in einer Zeit gegen meinen Crohn gekämpft, als Azathioprin noch ausschließlich in der Transplantationsmedizin und in Kinderschuhen in der Rheumatologie verwendet wurde, und die "ultima Ratio" in der Therapie eben Hochdosis-Kortison und Antibiotika bei Komplikationen waren.

 

Fasse ich mit all meinen Erfahrungen als Patient und später selbst Therapeut diese Entwicklung zusammen, komme ich zu folgenden, sehr ernüchternden Schlüssen:

 

  1. Auch wenn moderne Präparate stärker entzündungshemmend wirken - am wahrscheinlichsten erfährt der Patient im akuten Schub immer noch eine Wirkung durch Kortisonpräparate
  2. Alle "neu hinzugekommenen" Medikamente haben Hoffnungen in der Therapie geweckt, die sie später nicht einhalten konnten. Auch nach der Hoffnung auf die "Wundermittel" Biologika ist recht rasch Ernüchterung eingetreten.
  3. Weder ist durch die Fortschritte in der Medizin die Zahl der Betroffenen gesunken, noch sind die Verläufe "leichter" geworden

 

Um eines klar zu stellen: wäre ich schwer krank, würde ich auf die Möglichkeiten der modernen Medizin keinesfalls verzichten wollen. Aber ich bin mir sicher, dass die Entwicklung auch vielen Medizinern schon aufgefallen sein muss und der ein- oder andere sich mittlerweile doch schon mal gefragt haben sollte, ob der Zug hier in die richtige Richtung fährt, wenn der "Allrounder", das "gute, alte" Kortison eine höhere Remissionsrate erzielt als die modernen Medikamente mit ihrer Spezialisierung auf bestimmte Ausschnitte der Entzündungsvorgänge.

 

Die Wahrheit ist: Kortison wirkt deshalb zwar nicht am stärksten, aber bei den meisten, da bei Krankheiten wie Morbus Crohn viele Rädchen ineinander laufen, die alle zur Entstehung und Erhaltung der Entzündung beitragen. Da kommen einem chronisch-entzündliche Erkrankungen fast wie ein ungreifbares Phantom vor, wie ja auch eine Pressemitteilung aussagt: "Morbus Crohn ist nicht zu fassen".

 

Wenn man aus diesem Fakt eine Sache lernen kann, dann die, dass die Wahrscheinlichkeit einer Verbesserung eher bei den "Generalisten" unter den Medikamenten liegt als bei den "Spezialisten".

 

Drum sei man auch vorsichtig mit Euphorie bei jeder Neuzulassung...

 

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