Morbus Crohn: der Unterschied zwischen Spiegelung und ärztlicher Interpretation

Heute muss ich mal ein bisschen Kritik üben...


Vor Kurzem lag mir ein klinischer Befund mit Untersuchung eines Patienten vor, der einen kurzen Klinikaufenthalt von einigen Tagen hatte.

 

Der junge Patient hatte eine "Rundumuntersuchung" inklusive Coloscopie, Sellink, MRT und Ultraschall. Der objektive Befund des Darms (Colitis-Crohn) las sich in etwa so:

 

"Der Dünndarm zeigte sich bis auf eine leichte Stenosierung im Bereich der Iliocaecalklappe unauffällig. Keinerlei Schleimhautveränderungen im Colon ascendens und transversum (=im aufsteigenden und querliegenden Dickdarm, Anm. d. Autors). Im Colon descendens zeigte sich eine teilweise Aufhebung der Haustrierung, die Gefäße waren teilweise darstellbar. Eine diskrete Rötung der Schleimhaut mit kleineren UIcera zeigte sich vor allem im Sigmoideum."

 

Soweit der klinische Befund. Hier die ärztliche Interpretation:

 

"Die Symptome XY sind mit Sicherheit die Folge eines fulminanten Schubs des bei Herrn YZ  seit 200X bekannten Morbus Crohn!"


Fulminanter Schub?

 

Also, wenn ich nach dem CAI nach Rachmilewitz gehe, sehe ich anhand des Befundes allenfalls einen diskrete, chronische Entzündungsaktivität. Laut Rachmilewitz wären das nämlich 3 Punkte, ein akuter Schub besteht ab 4 Punkten, ein fulminanter Schub ab 8 Punkten.

 

Und so etwas sehe ich immer wieder.

 

Akute Durchfallerkrankung: CRP = Null, Lymphozyten und Thrombozyten im grünen Bereich: "das ist ein Morbus-Crohn-Schub!"

 

Bauchschmerzen: der Ultraschallbefund zeigt mehr Gase im Bauch als üblich, der Laborbefund ist unauffällig: "Das ist der Morbus Crohn"


Ich habe irgendwie langsam den Eindruck, dass man mit einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung nicht mehr diagnostiziert, sondern "gebrandmarkt" wird. Jedenfalls wird mir so langsam klar, woher die Gastroenterologische Binsenweisheit: "Einmal Crohn - immer Crohn!" kommt.

 

Sicher, in dem oben stehenden Fall war eine Entzündung da, da gibt es nichts zu beschönigen. Aber immer wieder erlebe ich es, dass Patienten chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen, die lange Zeit in Remission sind, "mal" ein paar Tage harmlose Bauchbeschwerden haben, die dann unkompliziert wieder verschwinden. Bei uns in Hessen sagt man zu solchen Bauchbeschwerden: "Dem liegt ein Fürzchen quer."

 

Steht zu hoffen, dass wir demnächst in Deutschland keine 80 Millionen Morbus-Crohn-Kranken haben, bloß weil uns immer mal "ein Fürzchen quer liegt!"

 

Liebe Gastroenterologen!

 

Sofern einer (oder mehrere) von Ihnen das liest/lesen,

 

Bitte gebt dem "querliegenden Furz" mal ein bisschen mehr Interpretationsspielraum. Auch wenn der Patient schon eine Diagnose "Morbus Crohn" hat!

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Lady (Montag, 18 November 2013 07:01)

    CRP korrespondiert bei CED häufig nicht mit der wirklichen Entzündung - es kann null sein und der Pat. im fulminantem Schub!

    Calprotectin maßgeblich!

  • #2

    Andreas Ulmicher (Montag, 18 November 2013 09:07)

    Vollkommen richtig!

    Nur nicht, wenn, wie in dem erwähnten Fall, die Durchfallerkrankung nach drei Tagen sang- und klanglos wieder verschwindet und der Patient nicht die sonstigen Symptome zeitigt, die er normalerweise in einem MC-Schub hat (Blut im Stuhl, Erschöpfung, Gelenkschmerzen...).

    CED-Patienten können genauso gut mal eine normale Erkältung haben oder auch mal eine simple Magen-Darm-Grippe, die nicht selten vom Gastro zum Schub "umgedeutet" werden.